Der El Niño ist das auffälligste jener Wettermuster, die sich in unregelmäßigen Abständen im Zentralpazifik abwechseln. Er bringt vielen Regionen extreme Niederschläge – oder gar keine. Nun also beobachtet man wieder einmal die verräterische Warmwasserzunge vor der Küste Süd- und Mittelamerikas, und alle Zeichen deuten auf einen besonders starken El Niño. Doch woher weiß man das? Und was bedeutet es für die Welt und das Klima?

Ist der aktuelle El Niño der stärkste der letzten Jahrhunderte?

Der National Weather Service in den USA, der regelmäßig Lageberichte herausgibt, erwartet inzwischen einen Peak im Winter 2015/16. Alle Zeichen stehen auf Sturm: Im Oktober lagen die Meeresoberflächentemperaturen im Zentral- und Ostpazifik deutlich über dem Durchschnitt, im November und Dezember wichen sie teilweise bis zu drei Grad vom langjährigen Mittel ab, in größerer Tiefe waren die Wassermassen in manchen Regionen sogar über sechs Grad wärmer.

Die Modelle sagten seit November konsistent eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Messungen voraus, das sich erst im späten Frühjahr oder zu Beginn des Sommers abschwächen wird. Auch die atmosphärischen Bedingungen wie Konvektion über dem Meer und die Stärke der vorherrschenden Westwinde deuten darauf hin, dass dieses Jahr sogar den Super-El-Niño von 1997/98 übertreffen wird, der weltweit für Klimakapriolen sorgte. Zusätzlich gibt es derzeit noch keine Anzeichen, dass sich das Ereignis abschwächt, wie man es zum Jahreswechsel erwarten würde. "Wir haben den Scheitelpunkt dieses Mal also wohl noch nicht erreicht", erklärt Josh Willis von der Jason-Mission der NASA, die den El Niño überwacht.

El Niño 2015 und 1997/98 im Vergleich
© NOAA
(Ausschnitt)
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Wie sich die Warmwasserblase im Ostpazifik und die von ihr ausgelösten Wetterkapriolen weiter verhalten, darüber wagen Fachleute derzeit nur vorsichtige Aussagen. Bereits 2014 rechnete die Fachwelt fest mit einen Super-El-Niño – und wurde enttäuscht. Im März dieses Jahres schien es dann wirklich so weit zu sein, dann aber doch nicht. Das Christkind, so der Verdacht, spielt nicht mehr nach den gewohnten Regeln. Und damit wären auch alle Vorhersagen über seinen weiteren Verlauf mit einem großen Fragezeichen versehen.

Welche Folgen hat der Super-El-Niño?

El Niño verschiebt Wettermuster überall auf der Welt, besonders jene, die mit Niederschlägen zusammenhängen. Die extremen Ereignisse von 1982/83 und 1997/98 zeichneten sich beide durch starke Konvektion und damit zusammenhängende schwere Regenfälle über dem normalerweise trockenen Ostpazifik vor der Küste Südamerikas aus. Inzwischen wissen wir, dass die Folgen des aktuellen Super-El-Niños die seiner Vorgänger teilweise sogar noch in den Schatten stellen. So fallen Starkregen in Kalifornien und im gesamten Süden der USA – der derzeit unter Trockenheit leidet –, im Gegenzug herrscht Dürre in Indonesien. Dort haben sich die schlimmsten Befürchtungen bereits bewahrheitet: Im zweiten Halbjahr 2015 stießen die indonesischen Waldbrände zeitweise mehr Kohlendioxid aus als die gesamten Vereinigten Staaten und verursachten allein in Indonesien 16 Milliarden Dollar schaden – vermutlich einer der größten Waldbrände der letzten Jahrhunderte. Auch in Australien bringt El Niño Trockenheit und Feuergefahr. In Ostafrika dagegen lösten schwere Regenfälle Überschwemmungen und Erdrutsche mit mehreren Toten aus aus. In Brasilien verursachte Dürre im Norden Lebensmittelknappheit, gleichzeitig stieg der Pegel des Paraña weiter im Süden um bis zu acht Meter an, und in Chile bedeckte dank ergiebiger Regenfälle ein Blumenteppich die Atacama-Wüste. Eine andere Besonderheit starker El Niños scheint zu sein, dass sie im darauf folgenden Sommer ein La-Nina-Ereignis mit sich bringen und damit möglicherweise 2016 auch eine aktive Hurrikansaison im Atlantik.

Auswirkungen eines starken El-Niño-Ereignisses aufs regionale Wetter
© NWS/NCEP Climate Prediction Center
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Allerdings sind Vergleiche zwischen den Ereignissen nur begrenzt aussagekräftig: In der kurzen Geschichte solcher Aufzeichnungen hatte bisher noch jeder El Niño seinen ganz eigenen Charakter. Solche Ereignisse verhalten sich nicht wie ein einzelner Sturm, bei dem man ungefähr weiß, was passieren wird. El Niño beginnt zwar als regionales Ereignis im Pazifik, verschiebt jedoch die klimatischen Gegebenheiten auf dem gesamten Globus. Erst über diesen schwer zu berechnenden Klima-Umweg entstehen dann jene Dürren und Extremwetterlagen, für die El Niño so gefürchtet ist. Andererseits vermuten Fachleute, dass starke El-Niño-Jahre untereinander besser vergleichbar sind als schwache – einfach weil ihre Intensität andere Einflüsse wie regionale Schwankungen überlagert.

In Europa sind die Folgen eines El Niños verglichen mit vielen anderen Regionen des Globus recht mild und werden oft von anderen, lokalen Effekten überlagert. Statistische Auswertungen weisen darauf hin, dass El Niño in Nordeuropa tendenziell kühle und trockene Winter mit sich bringt, während der Mittelmeerraum gleichzeitig zu milden und feuchten Wetterlagen tendiert – das bisherige Wetter hat diesen Trend aber nicht bestätigt. Das liegt wohl daran, dass zum Beispiel die Westwinddrift, deren Stärke Temperaturen und Niederschläge in Zentraleuropa bestimmt, das Wetter hier zu Lande deutlich stärker beeinflusst. Möglicherweise äußert sich El Niño aber doch noch in Form von stärkeren Regenfällen im Frühjahr, die sich in einem breiten Band von Südengland nach Zentralasien ziehen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen El Niño und dem Klimawandel?

Während die meisten Experten ziemlich sicher sind, dass der Klimawandel den aktuellen El Niño nicht direkt ausgelöst hat, sind die Auswirkungen einer wärmeren Welt auf El-Niño-Episoden bisher umstritten. Einerseits zeigen Modelle, dass starke El Niños tendenziell häufiger werden könnten – andererseits ist unklar, wie deutlich dieser Effekt in kürzeren Zeitspannen wie Jahrhunderten überhaupt ist.

Dafür gilt als nahezu sicher, dass sich regionale Auswirkungen des Klimawandels an einigen Orten stark mit lokalen El-Niño-Effekten überlagern. So zum Beispiel hat sich ungewöhnliche Hitze im ganzen Nordpazifik breitgemacht, und das damit zusammenhängende Hochdruckgebiet ist weit stärker als seine historischen Vorgänger – es könnte im Winter den El-Niño-Regen in Kalifornien blockieren. Auch vermuten einige Forscher, dass das Wetterphänomen im Zusammenspiel mit dem Klimawandel Superstürme im Pazifik befeuern könnte. Solche Veränderungen sind allerdings kaum zuverlässig vorherzusagen. Über einen wahrscheinlichen Effekt ist sich die Fachwelt dafür einig: Da El-Niño-Jahre meist global sehr warm sind, wird 2015 wohl das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen.

(aktualisiert am 4. Januar 2016)