Nationale und globale Aktionspläne scheinen wenig auszurichten: Der Trend zum Fettpolster hält an. Laut den Zahlen des Robert Koch-Instituts sind in Deutschland zurzeit 46,7 Prozent der Frauen und 61,6 Prozent der Männer übergewichtig oder adipös. Mit Appellen zu mehr Essdisziplin und Bewegung allein geht es offenbar nicht. Kein Wunder, die Ursachen für das Übergewicht sind vielfältig.

1. Welche Arten von Fett gibt es, und wie wirken sie sich aus?

Der menschliche Körper ist für ein Leben ohne Zentralheizung, warme Dusche, Auto und einen randvoll gefüllten Kühlschrank geschaffen. Zwei verschiedene Sorten Fett sichern unser Überleben selbst bei Kälte und Mangel. Das braune Fett verbrennt die gespeicherte Energie und erzeugt dabei Wärme. Das weiße Fett lagert in Zeiten der Fülle überschüssige Energie ein, um sie dann bei Hunger wieder abzugeben und das Funktionieren des Organismus zu sichern.

Lange Zeit nahm man an, die braunen Fettdepots würden im Laufe der Entwicklung jedes Menschen immer weniger und beim Erwachsenen völlig verschwunden sein. Das lag wohl daran, dass dem braunen Fett methodisch nur schwer auf die Schliche zu kommen ist. Mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRI) findet man aktives braunes Fett auch in späteren Lebensphasen etwa um die Nieren und Nebennieren herum, in der Nackenregion und auch in der Brusthöhle. Wie viel braunes Fett ein Mensch hat, ist unterschiedlich, allgemein findet man mehr davon bei Frauen als bei Männern, bei Jungen als bei Alten, bei Schlanken als bei Fülligen.

Weißes Fett sitzt beim Menschen unter der Haut und auch im Bauchraum. Das typische Erkennungszeichen einer weißen Fettzelle ist ein einzelner Fetttropfen aus Triacylglycerol, der den Großteil der Zelle in Beschlag nimmt. Wenn alles gut läuft, also bei einem gesunden Verhältnis von Nahrungsaufnahme und Verbrauch, speichert das weiße Fett nach den Mahlzeiten die Kalorien unter dem Einfluss von Insulin in Form von Triglyceriden ab. Bei Bedarf – Hunger, körperliche Anstrengung – gibt die Fettzelle die Energie in Form von freien Fettsäuren wieder ab.

Das weiße Fett zählt neben seiner Funktion als Speicher zu einem der wichtigsten endokrinen Organe des Körpers. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Hormone und hormonähnliche Substanzen entdeckt (die Adpokine, wie etwa Leptin, Visfatin, Adiponectin), über die das Fettdepot Einfluss auf sämtliche Körperfunktionen nimmt; nicht nur auf den Stoffwechsel, auch auf Immunabwehr, Hirnfunktion, Fortpflanzung, die Blutgefäße und das Herz.

Eine exzessive Fettlast bedeutet Stress für die weiße Fettzelle. Die sorgsame Abspeicherung und Freigabe der Fette ist dann gestört, die Hormonausschüttung verändert, reaktive Fettstoffwechselmoleküle werden frei, Entzündungssignale gesendet. Das lockt Immunzellen an, und die Entzündungswerte steigen. Die Folgen sind nur allzu gut bekannt: Insulinresistenz, Diabetes, Herz- und Gefäßkrankheiten.

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Wichtig, um Pfunde loszuwerden, ist ein gutes Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und -verbrauch. Bei einem gesunden Verhältnis speichert das weiße Fett nach den Mahlzeiten die Kalorien in Form von Triglyceriden ab. Bei Bedarf geben die Fettzellen die Energie in Form von freien Fettsäuren wieder ab.

Braune Fettzellen sind reich an Mitochondrien. Dank dieser vielen Zellkraftwerke verbrennen sie die Energie, die sie als kleine Fetttröpfchen abspeichern, effektiver als die weißen Fettzellen, die nicht so viele Mitochondrien haben. 63 Gramm voll aktiviertes braunes Fett verbrennen im Lauf eines Jahres so viel Energie wie 4,1 Kilogramm weißes Fett.

Kälte und körperliche Aktivität fördern den Energieverbrauch durch braunes Fett. Und sie scheinen die Umwandlung von Vorläuferzellen in braunes Fett anzutreiben. Neben dem braunen und weißen Fett gibt es noch eine dritte Sorte an Fettzellen. Diese "beigen" oder "brite" (vom Englischen brown-in-white) Fettzellen wurden erst vor fünf Jahren entdeckt. Sie sind eine Art Übergangsstufe zwischen weißem und braunem Fett, die sich je nach Einfluss in die eine oder andere Fettvariante umwandeln kann.

Forscher hoffen auf Medikamente, mit denen die beigen Fettzellen stimuliert, eine effektivere Fettverbrennung erreicht und das Körpergewicht deutlich verringert werden könne. Laut koreanischen Forschern um Kyle Won Park gibt es hier schon eine ganze Reihe möglicher Substanzen, mit denen versucht wird, im Tiermodell erfolgreich zu sein (darunter auch pflanzliche Stoffe wie Capsaicin aus Chili). In diesen ersten Experimenten kann die Aktivierung von thermogenen Fettzellen durch die Gabe bestimmter Substanzen tatsächlich das Gewicht etwa von übergewichtigen Mäusen senken und den Stoffwechsel verbessern. "Für den Menschen gibt es jedoch bisher keine Belege, dass solche Medikamente wirken würden", sagt Matthias Blüher, Leiter der AdipositasAmbulanz am Universitätsklinikum Leipzig.

2. Welche Fettablagerungen sind am gefährlichsten?

Das Unterhautfettgewebe ist der Spezialist für die Einlagerung überschüssiger Verbrennungsenergie. "Werden diese Speicher jedoch zu schnell gefüllt, weiß der Körper nicht so recht, wohin mit dem Überfluss", erläutert Experte Blüher. Als Notlösung wird das Fett dann in der Bauchhöhle abgelagert, allerdings in unmittelbarer Nähe der inneren Organe. "Dieses Bauchfett ist gefährlich, weil die Signal- und Entzündungsstoffe sowie Fettsäuren, die es abgibt, direkt in die Leber gelangen und dort den Fettstoffwechsel durcheinanderbringen können", so Blüher weiter.

Das Risiko für Erkrankungen von Herz und Kreislauf ist daher nicht primär durch einen erhöhten BMI (Body-Maß-Index) bestimmt, sondern durch die Art und Weise, wie sich das Fett im Körper verteilt. In einer Studie werteten Ärzte der Mayo-Klinik im US-amerikanischen Rochester vor zwei Jahren Daten von über 15 000 Männern und Frauen aus. Danach steht das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, nicht mit dem BMI in Wechselbeziehung, sondern mit dem so genannten Taille-Hüft-Verhältnis. Ein beispielsweise 50-Jähriger mit einem BMI von 22 und "Bierbauch" hat laut dieser Studie ein mehr als doppelt so großes Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu sterben, als ein Gleichaltriger mit einem BMI von 33 und wenig Bauchfett.

Welche Kapazitäten das Unterhautfettgewebe hat, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. "Manche 150 Kilogramm schweren Menschen bleiben gesund, weil alles Fett in der Unterhaut abgelagert wird, andere mit viel weniger Körpergewicht, aber mit Bauchfett, erkranken an Diabetes oder bekommen Herz-Kreislauf-Probleme", sagt Blüher. Wie groß die Speicherkapazität des Unterhautfettgewebes ist, wird laut dem Leipziger Forscher durch die genetische Ausstattung eines Menschen mitbestimmt.

3. Stimmt es, dass Fettzellen nie wieder ganz verschwinden?

Eine Studie mit gesunden Erwachsenen an der Rochester Mayo-Klinik vor einigen Jahren zeigte, was jeder ohnehin schon weiß: Wer zu viel isst, nimmt zu. Acht Wochen lang sollten die 28 Frauen und Männer bewusst bei jeder Mahlzeit ein wenig über die Stränge schlagen, zusätzlich wurden sie mit Kingsize-Schokoriegeln à 500 Kilokalorien versorgt. Nach der zweimonatigen Futterphase hatten die Teilnehmer im Durchschnitt 3,8 Kilogramm mehr Fett auf den Rippen. Nicht nur die Größe der Fettzellen nahm zu, es wurden auch neue gebildet; Michael Jensen und seine Kollegen zählten mindestens 2,6 Milliarden neue Fettzellen im Speichergewebe des Körpers.

Das Fettgewebe gehört zu den Teilen des Körpers, die sich nur sehr langsam erneuern. Pro Jahr geht nur etwa jede zehnte Fettzelle zu Grunde und wird durch eine neue ersetzt. Doch wird man einzelne davon jemals wieder los? Laut Matthias Blüher ist die Frage noch nicht ganz geklärt, aber eine einmal angelegte Anzahl von Fettzellen bleibe, so der Leipziger, wohl relativ konstant. "Bei einer Diät werden die Fettzellen aber auf jeden Fall kleiner. Das ist ja auch schon mal ein Gewinn, weil dadurch weniger Entzündungsstoffe frei werden."

Übergewichtiger Mann
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Ob Übergewicht gefährlich ist, darüber sagt der Body-Mass-Index weniger aus als vielmehr die Verteilung des Fetts: Das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, hängt mit dem so genannten Taille-Hüft-Verhältnis zusammen: Ein beispielsweise 50-Jähriger mit einem BMI von 22 und "Bierbauch" hat laut neuen Erkenntnissen ein mehr als doppelt so großes Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre zu sterben, als ein Gleichaltriger mit einem BMI von 33 und wenig Bauchfett.

4. Welche Rolle spielen die Gene, welche die Ernährung?

Das Robert Koch-Institut formuliert die Angelegenheit sehr nüchtern. "Wenn das Körpergewicht bei einer gegebenen Körpergröße über das Normalgewicht hinausgeht, spricht man von Übergewicht." Aber warum ist das Gewicht zu hoch? Auch wenn für so manchen die Sache völlig klar ist ("Weniger essen, mehr bewegen, mehr Selbstkontrolle, selbst schuld"), ist sich die Wissenschaft da noch gar nicht so sicher – Lebensstil, Gene und Umweltfaktoren spielen eine Rolle.

Genetisch mitbestimmt etwa ist, wie viel Speicherkapazität das Unterhautfettgewebe eines Menschen hat und wie stark er dadurch bei einem Zuviel an Kalorien riskiert, gefährliches Bauchfett anzusetzen. Laut der so genannten "Set-Point-Hypothese" versucht jeder Körper individuell, einen genetisch geprägten Gewichtszustand durch Energieaufnahme und Verbrauch aufrechtzuerhalten. Kommt es wegen der Ernährung, psychischer Einflüsse oder veränderter körperlicher Bewegung vorübergehend zu einem Ungleichgewicht, kann der Körper die Schwankungen ausgleichen. Bleiben die Einflüsse jedoch langfristig verändert, verschiebt sich auch der Set-Point.

Diese Verschiebung wieder rückgängig zu machen, ist schwierig. "Unser Körper versucht um jeden Preis zu verhindern, dass wir verhungern", sagt Matthias Blüher. Ein höheres Gewicht sowie größere Energiereserven werden vom Organismus vor diesem Hintergrund wohl als lebensförderlich interpretiert. Der Körper registriert und "merkt" sich, wo er gewichtsmäßig einmal stand und möchte unbedingt wieder dorthin zurück. "Hinter dem bekannten Jo-Jo-Effekt bei Diäten stecken all die hormonellen Mechanismen, die uns ursprünglich vor dem Verhungern schützen sollten", erklärt Blüher.

"Hinter dem bekannten Jo-Jo-Effekt bei Diäten stecken all die hormonellen Mechanismen, die uns ursprünglich vor dem Verhungern schützen sollten"
Matthias Blüher

Warum der eine beim Abendbrot mit Freude zum Kohlrabi greift und nach einer Scheibe Vollkornbrot mit veganem Aufstrich satt den Tisch verlässt, der andere dagegen reichlich Butter nimmt und auch ein Schmalzbrot nicht verschmäht, ist auch genetisch bedingt. Unsere Geschmacksvorlieben, die Merkmale, nach denen wir unsere Nahrung auswählen, sind uns teilweise ins Nest gelegt. Menschen beispielsweise, die genetisch bedingt den Bitterstoff 6-n-Propylthiouracil (PROP) kaum oder gar nicht schmecken, scheinen eine Vorliebe für kalorien- und fettreiche, geschmacksintensive Mahlzeiten zu haben. Personen, die empfindlich auf "PROP" reagieren, mögen dieses Essen meist nicht so sehr, zeigten italienische Wissenschaftler.

Bernhard Breier und sein Team von der Massey University im neuseeländischen Auckland luden 50 Frauen zum Geschmackstest ein. All diejenigen Frauen, die empfindlich auf Geschmack und Geruch der Ölsäure reagierten, die in pflanzlichen und tierischen Fetten vorkommt, griffen bei fettigen Speisen nur verhalten zu und hatten einen niedrigeren BMI als ihre Geschlechtsgenossinnen mit weniger feinem Gespür für die Fettsäure. Ob diese unterschiedliche Empfindlichkeit für die Fettsäure ursächlich am Übergewicht beteiligt ist, müssten weitere Untersuchungen noch zeigen, so die neuseeländischen Forscher. Denkbar ist auch eine veränderte Geschmacksempfindlichkeit als Folge (und nicht als Ursache) von Übergewicht – sensorische Neuronen könnten sich mit steigendem Körpergewicht zurückbilden.

Und ja, natürlich, was wer isst, wie viel, wann und was man darauf bezogen körperlich tut, spielt selbstverständlich eine entscheidende Rolle für das Übergewicht. Wer mehr als fünfmal in der Woche daheim Gekochtes verspeist, ist schon mal im Vorteil. Im Vergleich zu Personen, die dies weniger als dreimal in der Woche tun, haben die Heimischen-Herd-Esser laut einer britischen Studie mit 11 396 Teilnehmern mit höherer Wahrscheinlichkeit einen BMI und Körperfett im Normalbereich und essen täglich deutlich mehr Obst und Gemüse.

"Unsere Nahrung hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert", bemerkt Matthias Blüher. Mit Weichmachern, Konservierungsstoffen und Geschmacksverstärkern muss der Körper nun klarkommen. Blühers Leipziger Team erforscht, inwieweit diese Zusatzstoffe dazu beitragen, dass wir mehr Appetit haben und später satt werden . "Aus Experimenten mit Tieren etwa wissen wir, dass bestimmte Weichmacher, wie Phthalate, Fettzellen größer werden lassen und damit ihre Speicherkapazität erhöhen", sagt Blüher.

5. Wie bekämpft man überflüssige Pfunde am besten und dauerhaft?

Kleinere Brötchen zu backen, gilt als sinnvoll. "Das primäre Ziel der Adipositastherapie ist nicht mehr die größtmögliche Reduktion des Körpergewichts, sondern die langfristige Stabilisierung eines mäßig reduzierten Körpergewichts", schreiben Dieter Korczak und Christine Kister in einem mit Bundesmitteln finanzierten "Health-Technology-Assessment"-Bericht. Die selben Autoren kommen nach Auswertung von 33 Diätstudien zu der Überzeugung: "Es ist nicht ersichtlich, dass eine spezifische Diät allen anderen Diäten überlegen ist. Das heißt: Moderat fettreduzierte, kalorienreduzierte, protein- oder kohlenhydratreiche Diäten erzielen annähernd die gleiche Wirkung." Der Faktor "Bewegung" unterstütze die Gewichtsabnahme und sei für die Stabilisierung des Gewichts wesentlich.

Vorsicht also bei Versprechungen für den schnellen Weg zur Traumfigur. Das Geschäft mit dem Übergewicht boomt. So mancher Nahrungsmittelgigant hat auch Formula-Diäten im Angebot, Nährstoffpulver statt Linsensuppe. Verlage, Berater, Konzerne, Chirurgen (29 000 Fettabsaugungen, 11 200 Bauchdeckenstraffungen 2007 in Deutschland) – sie alle verdienen gut an den ungeliebten Pfunden.

Matthias Blüher hält nicht viel von kurzfristigen Maßnahmen. Jeder, der abnehmen wolle, sollte sich fragen, worauf verzichte ich ab jetzt dauerhaft? "Kein Alkohol, keine Süßgetränke, mehr Gemüse, weniger Süßigkeiten und mehr Bewegung. Gelingt das eine Zeit lang, wird sich der Erfolg bald einstellen."