Was haben Nord-Sentinel, die Schlangeninsel Queimada Grande, Tschernobyl oder die Kristallhöhle von Naica gemein? Sie dürfen nicht oder nur unter strengen Auflagen betreten werden – um Mensch und Natur zu schützen. Und das gilt nicht nur für die Bewohner, sondern auch für Besucher, die ihr Leben riskieren würden.

Mount Kailash – der Unbestiegene
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Zu den höchsten Gipfeln, die zumindest offiziell noch nicht erklommen wurden, gehört der Kailash im tibetanischen Transhimalaja. Er hat für mindestens vier Religionen eine wichtige Bedeutung – so gilt er den Hindus als Sitz Shivas, der dort meditiert. Und für die tibetanischen Buddhisten spielt er eine zentrale Rolle als Weltenberg. Seine Umrundung gehört zu den wichtigsten Pilgerreisen für Buddhisten, Hindus, Jainas und Anhänger der Bön-Religion, die in Tibet vorherrschte, bevor sich der Buddhismus ausgebreitet hat. Wegen dieser spirituellen Besonderheit vergibt die chinesische Regierung mittlerweile generell keine Genehmigung mehr, diesen Berg zu besteigen. Reinhold Messner hatte dies 1985 bewilligt bekommen, er verzichtete aber darauf; dem Spanier Jesús Martinez Novas wurde sie 2001 verwehrt – weitere offizielle Versuche sind nicht bekannt. Der Legende nach hat damit der Yogi Milarepa, der zwischen 1052 und 1135 gelebt haben soll, als einziger seinen Fuß auf den Gipfel gesetzt: Immerhin verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens als meditierender Eremit am Fuße des Kailash.

Vale do Javari – nur für Indigene
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Tief im Westen Brasiliens, an der Grenze zu Peru, erstreckt sich das Vale do Javari – ein Schutzgebiet so groß wie Österreich für Indianervölker des Regenwaldes. Streng abgeschirmt nach außen haben nur indigene Bewohner und ausgewählte Mitarbeiter der brasilianischen Indianerschutzbehörde FUNAI Zutritt zu dem Reservat, in dem mindestens 19 bislang unkontaktierte Ethnien leben: Hier lebt die größte Ansammlung von Menschen weltweit, die noch keine direkten Begegnungen mit der so genannten industriellen Zivilisation hatten. Und immer noch stoßen Mitarbeiter der Behörde bei Aufklärungsflügen auf bis dahin unbekannte Ethnien. Um deren Lebensweise zu bewahren und die Menschen vor Bedrohungen wie Goldwäscherei, Abholzung oder eingeschleppte Krankheiten zu schützen, dürfen nur wenige Außenstehende wie Ärzte oder Wissenschaftler die Region bereisen. Der strenge Schutz bewahrt zugleich eine riesige Artenvielfalt im Regenwaldökosystem.

Ilha da Queimada Grande
© Prefeitura Municipal Itanhaém / Ilha Queimada Grande – Itanhaém / CC BY 2.0 CC BY
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Ebenfalls in Brasilien, quasi am östlichen Ende des Landes befindet sich ein weiteres, aber dieses Mal sehr kleines Sperrgebiet: die nur etwas mehr als 40 Hektar große Insel Queimada Grande, die ebenfalls nur in gut begründeten Sonderfällen besucht werden darf. Das soll aber nicht nur dem Schutz der Bewohner dienen, sondern auch verhindern, dass Menschen sterben. Denn Queimada Grande ist auch als Schlangeninsel bekannt; kaum eine andere Region weltweit weist auf so begrenztem Raum eine derart hohe Anzahl von Giftschlangen auf wie dieses Eiland. Nur hier lebt die endemische Insel- beziehungsweise Goldene Lanzenotter (Bothrops insularis), deren Gift zu den stärksten Toxinen der Lanzenottern zählt. Es muss extrem schnell wirken, da sich die Tiere vor allem von Zugvögeln ernähren, die Rast auf der Insel machen und nicht weit fliehen dürfen, damit die Schlangen ihrer Beute habhaft werden. In den bewaldeten Bereichen der Insel wurden angeblich schon Dichten von einer Schlange pro Quadratmeter beobachtet, allerdings schrumpfte der Bestand in den letzten Jahren beträchtlich: Sie wird von Reptilienzüchtern gesucht und illegal für den Tierhandel gefangen. Die Lanzenottern gelten daher mittlerweile als bedrohte Art.

Kristallhöhle von Naica – die Unbetretbare
© Alexander Van Driessche / Kristallhöhle von Naica / CC BY 3.0 CC BY
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Ursprünglich waren die Bergarbeiter der Naica-Mine im Norden Mexikos auf der Suche nach Blei, Silber und Zink, doch stießen sie im Jahr 2000 durch Zufall auf einen noch wertvolleren Schatz: die Cueva de los Cristales – eine Höhle mit den größten Kristallen der Erde. Unter welchen Bedingungen und mit welcher Geschwindigkeit sich diese bis zu 14 Meter langen, zwei Meter dicken und 55 Tonnen schweren Gipskristalle bildeten, konnten Mineralogen um Juan Manuel García-Ruíz von der Universidad Granada erst vor wenigen Jahren klären. Um zu derartigen Giganten wachsen zu können, mussten in der Umgebung der Gipskristalle über eine lange Zeit extreme Bedingungen herrschen: So liegen die Lufttemperaturen in der Höhle – die sich 300 Meter unter der Oberfläche befindet – bei über 50 Grad Celsius, während die Luftfeuchtigkeit mehr als 90 Prozent erreicht. Die für Menschen gefühlte Temperatur überschreitet daher die 100-Grad-Celsius-Grenze, weshalb Wissenschaftler in der Höhle nur mit Spezialkühlanzügen arbeiten können. Lange war der Hohlraum mit einer hochkonzentrierten, aber nur minimal übersättigten Salzlösung gefüllt, in der langsam die Kristalle wuchsen. Um die Riesenkristalle zu schützen – sie zersetzen sich unter Lufteinfluss langsam –, wurde die Höhle mittlerweile für die Außenwelt gesperrt. Auch Wissenschaftler dürfen sie nur selten betreten, da ihre Sicherheit unter den Extrembedingungen kaum gewährleistet werden kann.

Surtsey – Leben auf dem Vulkan
© Robert Simmon, SSAI / NASA, Goddard Space Flight Center
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Am 14. November 1963 beobachtete ein isländischer Fischer eine Rauchsäule, die aus dem Atlantik aufstieg – nur wenige Stunden später ragte hier frisches Festland über den Meeresspiegel: Die Insel Surtsey war geboren. Seither gilt sie als eine Art Freilandlabor, auf der Forscher beobachten können, wie sich das Leben auf neuem Land entwickelt; erst wenige Dutzend Personen durften das Eiland während der letzten Jahrzehnte betreten. Nur ein Jahr nach der Eruption wurde die erste Gefäßpflanze auf Surtsey registriert, bis 1998 dauerte es, bis das erste Holzgewächs gefunden wurde. Rund 30 Pflanzenarten haben sich fest auf der Insel etabliert, insgesamt 69 wurden bis 2008 zumindest in Einzelexemplaren nachgewiesen. Flächendeckend wachsen vor allem Moose und Flechten auf dem stürmischen Flecken Erde, denn sie kommen am besten mit den anfänglich extremen Bodenbedingungen auf dem vulkanischen Sediment zurecht. Eine gewisse Bedeutung hat die 2,7 Quadratkilometer große Insel außerdem als Nist- und Rastplatz für See- und Zugvögel, die umgekehrt auch Samen sowie Nährstoffe eintragen und damit den Pflanzenbewuchs fördern.

Svalbard Global Seed Vault – Schatzkammer der Menschheit
© Global Crop Diversity Trust
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Nicht nur die natürliche Artenvielfalt der Erde ist bedroht, sondern ebenso die unserer Nutztiere und -pflanzen. Weltweit setzen immer mehr Landwirte auf immer weniger Getreide- oder Obstsorten, lokale Varianten gehen verloren, weil sie beispielsweise nicht mit den hohen Erträgen der gezielt gezüchteten Leistungsvarianten mithalten können. Verloren gehen damit allerdings auch Gene, die die Pflanzen gegen bestimmte Umwelteinflüsse resistent machen – etwa Anpassungen an Dürren oder Resistenzen gegen bestimmte Schädlinge. Damit diese Eigenschaften der Menschheit und der Pflanzenzucht erhalten bleiben, betreibt der Global Crop Diversity Trust in der Nähe der norwegischen Siedlung Longyearbyen auf der nordatlantischen Insel Spitzbergen den Global Seed Vault – eine Art Tresor für Saatgut. Bis zu 4,5 Millionen Samenproben sollen hier einmal lagern – das entspricht mehr als 2,2 Milliarden einzelnen Samen. 120 Meter tief im Fels soll die wertvolle Fracht bei minus 18 Grad Celsius als Rückversicherung aufbewahrt werden. Der Permafrost im umgebenden Untergrund schützt sie auch dann noch, sollte die Kühlung ausfallen. Anders als in anderen Samenbanken wird mit dem Material hier aber nicht gearbeitet: Regelmäßig müssen die Proben daher ausgetauscht werden, damit sie ihre Keimfähigkeit nicht verlieren. Nur wenige Wissenschaftler haben daher Zutritt zum Tresor.

Nord-Sentinel – Besucher unerwünscht
© NASA Earth Observatory / Jesse Allen
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Unkontaktierte Völker leben nicht nur im südamerikanischen Regenwald (wo tatsächlich die überwiegende Mehrheit dieser Ethnien vorkommt), sondern unter anderem auch auf der Insel Nord-Sentinel in den indischen Andamanen im Indischen Ozean. Seit 1996 ist das Eiland ein streng bewachtes Sperrgebiet, um die heimischen Sentinelesen wie auch abenteuerlustige Besucher zu schützen. Denn auf Kontaktversuche reagierten die Bewohner Nord-Sentinels bislang sehr aggressiv und ablehnend: Anlandende Forscher oder Seeleute wurden immer wieder mit Pfeil und Bogen vertrieben. Als ein Hubschrauber der indischen Küstenwache die Insel nach dem Seebeben und den Tsunamis am 26. Dezember 2004 überflog, um nach Überlebenden zu suchen, wurde die Besatzung mit Pfeilen beschossen. Wie viele Sentinelesen noch leben, weiß wegen des dichten Regenwaldes vor Ort niemand: Schätzungen reichen von rund 40 bis zu mehreren hundert Menschen, die sich in der dichten Vegetation gut verstecken können.

Höhle von Lascaux – die Kunstvolle
© Pline / dessin figurant dans la grotte de Lascaux / CC BY-SA 3.0 CC BY-SA
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Die Höhlenmalereien von Lascaux gehören zu den ältesten und bedeutendsten Kunstwerken der Menschheit – sie entstanden vor rund 17 500 Jahren während der jüngeren Altsteinzeit. Die damaligen Künstler verewigten mit Holzkohle, Mangan- und verschiedenen Eisenoxiden unterschiedliche Jagdszenen und Tiere, die damals noch in der Region lebten, darunter Wisente, Wildpferde, Auerochsen, ein Wollnashorn und womöglich eine Höhlenhyäne. Entdeckt wurde die Höhle 1940 durch vier Jugendliche; ab 1948 war sie der Öffentlichkeit zugänglich. Doch der plötzliche Publikumsverkehr kam den Wandgemälden nicht zugute: Steigende Temperaturen und höhere Luftfeuchtigkeit ließen plötzlich Schimmelpilze und Flechten wuchern, welche den Fortbestand der einzigartigen Kunst bedrohten. Schon 1963 wurden die Grotten daher wieder für den Publikumsverkehr geschlossen; nur Forscher durften danach die Höhlen betreten. Der Schimmel wucherte aber vorerst weiter, so dass sich die Behörden gezwungen sahen, ihn mit einem Fungizid zu bekämpfen. 2008 wurde Lascaux dann für drei Monate sogar komplett geschlossen, und nur eine autorisierte Person durfte einmal pro Woche nach dem Rechten sehen und die klimatischen Bedingungen kontrollieren. Anschließend wurden die Besuche noch stärker reglementiert, um weitere Schäden an den Bildern zu verhindern. Um das Interesse der Öffentlichkeit zu befriedigen, wurde eine getreue Nachbildung von Teilen der Höhle ganz in der Nähe errichtet – das gezeigte Bild stammt daraus.

Black Hole, Andros – das Schwarze Loch
© fotolia / BuckeyeSailboat
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Es gibt Plätze auf der Erde, die sind tatsächlich so abgelegen und werden so selten besucht, dass sich selbst bei intensiver Suche in Fotodatenbanken kein wirklich gutes Bildmaterial findet: Das Schwarze Loch auf der Bahamasinsel Andros gehört dazu (weshalb hier auch eines der zahlreichen blauen Löcher des Eilandes zu sehen ist). Erst 1985 entdeckten die Passagiere eines Kleinflugzeugs, das seltsame Phänomen der Schwarzen Löcher, die bislang nur auf den Bahamas nachgewiesen wurden. Dabei handelt es sich nicht um die kosmischen Schwerkraftzentren, sondern um wassergefüllte Dolinen – Lösungsformen im Kalkgestein, die umgeben sind von unzugänglichen Kalkschlammflächen. 1999 wurde dann erstmals das Große Schwarze Loch auf Andros durch die Geomikrobiologin und Taucherin Stephanie Jutta Schwabe wissenschaftlich untersucht. Das auf den ersten Blick trübe Wasser entpuppte sich in den ersten 17 Metern als kristallklar – bis zu einer Schicht, die wie schlammiger Seegrund wirkte. Schwabe steckte ihre Hand hinein, zog diese jedoch rasch wieder zurück, denn die Schicht war schleimig und heiß. Mutig tauchte sie hindurch und erreichte darunter wieder eine klare, kühle und nachtschwarze Lage. Als sie – und andere Taucher – wieder an die Oberfläche zurückkehrten, waren alle mitgenommenen Metallgegenstände schwarz. Tatsächlich handelte es sich bei der wabbeligen Masse um verschiedene Arten von Schwefelbakterien in extremer Dichte, deren Stoffwechsel das Wasser aufheizt und saurer macht. Sie schlucken alles Sonnenlicht, das bis in diese Tiefe vordringt. Wegen der ökologischen Sonderrolle und der extremen Bedingungen dürfen hier nur Wissenschaftler mit Sondergenehmigung tauchen. Immerhin existieren auf Youtube zwei Videos, die den Lebensraum näher vorstellen.

Tschernobyl – die radioaktive Wildnis
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 Bild vergrößernTschernobyl – die radioaktive Wildnis

Tschernobyl – der Name steht bis heute für den atomaren Super-GAU, obwohl sich der Reaktorunfall im April 2016 schon zum 30. Mal jährt. In den Wochen nach der Katastrophe wurde ein Gebiet mit hunderttausenden Menschen in einem Umkreis von rund 40 Kilometern um das Kernkraftwerk evakuiert und eine Sperrzone eingerichtet. Bis heute durften die einstigen Bewohner offiziell nicht zurückkehren, weshalb sich die Natur das Gebiet langsam zurückerobert. Darunter befinden sich auch bedrohte Arten in hoher Dichte, wie eine Studie von Jim Smith von der University of Portsmouth und seiner Arbeitsgruppe verdeutlicht: Mehrjährige Datenreihen belegten demnach, dass Rot-, Reh- und Schwarzwild in der Region seit dem Unglück stark zugenommen hat. Zudem leben rund um Tschernobyl sogar siebenmal mehr Wölfe als in den anderen Reservaten der Studie – das absolute Betretungsverbot und die Angst vor Verstrahlung sorgen dafür, dass die Raubtiere hier nicht gejagt werden. Kamerafallen dokumentierten hier auch Bären und Luchse, die zuvor in dem Gebiet ausgestorben waren und in der Zwischenzeit wieder zurückgekehrt sind. Andere Arten wie Wisente oder Przewalski-Wildpferde wurden dagegen gezielt in dem Reservat wieder angesiedelt, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Gänzlich menschenleer ist das Gebiet aber nicht: Manche Anwohner kehrten heimlich wieder zurück; außerdem arbeiten weiterhin Tausende an den funktionsfähigen Kernreaktoren Tschernobyls sowie am neuen Sarkophag des havarierten Blocks – und es hat sich eine Art Katastrophentourismus etabliert, der offizielle Tagesfahrten in die Zone anbietet.