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Kommentare - - Seite 2

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Profitboter

    30.08.2025, Paul S
    Wahrnehmung folgt Nutzen. Wir filtern und ordnen die Welt in Kategorien von Kosten und Nutzen, nicht wahr und falsch. Wenn ich das in Kommentaren zu Philosophiefragen hundert Mal schreibe, kriege ich eine Waschmaschine umsonst, drei hab ich schon.

    Wieso wir das so tun, ist auch klar, oder? Woher weiß denn das Gehirn, was wahr ist und was falsch? Natürlich – die Wirklichkeit besteht aus Dauerschleifen, die sich zuverlässig wiederholen. Also ist es ein brauchbarer Kompromiss, sich einen Stall voller gieriger Schweinchen in den Kopf zu stopfen, die immer dann fetter werden, wenn sie gefüttert werden, denn zuverlässige Fütterung deutet darauf hin, dass sie irgendwas richtig machen und dabei bleiben müssen. So werden sie umso mehr gemästet, umso stärker und dominanter, je öfter die Welt sie füttert, bis die stärksten und mächtigsten Schweinchen-Netzwerke zum inneren Schweinehund werden, dem inneren Klerus, der in Dauerschleife die gleichen Predigten wiederholt, die er selbst nicht mal versteht.

    Dass im Innern des Kopfes und in der Welt um uns herum so ziemlich das Gleiche geschieht ist klar, oder? Ich sag's trotzdem, ist mir egal, ob es Sinn macht, das gibt eine vierte Mikrowelle.

    So viel zu den Grundlagen.

    Vorsicht, kognitive Falle: Dass Ihnen Überzeugungen suspekt sind, i s t eine Überzeugung.

    Ich selbst handele immer aus Überzeugung. Ich kann mir nur nicht merken, welche ich habe, deswegen ändern sie sich auch häufig. Schlechtes Gedächtnis macht sie auch zu Karikaturen, ich relativiere zu wenig, übertreibe, schieße übers Ziel hinaus.

    Karikaturen, Radikalisierung und Mathematik funktionieren gleich: Man reduziert eine Sache aufs Wesentliche und übertreibt dann die wesentlichen Merkmale. Deswegen ist heute die ganze Welt ein schlechter Witz, jeder eine Robot-Chicken-Parodie seiner selbst und die Zukunft ist deterministisch und ziemlich berechenbar. Durch Radikalisierung wird die Menschheit auf ihre Überzeugungen reduziert, das Skelett ihrer Seele, das sich kaum ändern kann, und die blanken Knochen greifen ineinander wie Zahnräder, sodass eine recht zuverlässige, vorhersehbare, absolut hirnlose Maschine entsteht.

    Nur so am Rande.

    Was mir aufgefallen ist, ist etwas, was auch die Psychologie weiß: Mein Name ist zwar nicht Legion, wofür ich meinen Eltern hiermit danken möchte, aber ich bin trotzdem viele. Ich bestehe aus einem Katalog aus Persönlichkeitsbausteinen, einem Charakter-Zoo, die manchmal aus ihren Käfigen ausbrechen und die Kontrolle über mein Bewusstsein, meine Wahrnehmung, meine Gefühle übernehmen. Und zu all diesen Charakteren gehören bestimmte, angeborene Überzeugungen, Wertesysteme, Wahrnehmungsfilter, Ziele.

    Unsere Überzeugungen sind nicht zufällig. Wir sind die Borg, ein menschlicher Bienenstock mit einem kollektiven Bewusstsein. Und das weist uns Rollen, Kasten zu, zu denen ein bestimmtes Programm gehört. Es ist komplexer als Huxleys Alphas bis Gammas, deutlich flexibler, wir können die Kaste wechseln, durch Kombinieren von Programmen neue Programme generieren. Unser Wille versklavt uns, doch das Zusammenspiel zwischen Anlage und Umwelt gibt ihm große Gestaltungsspielräume, uns zu erschaffen, wie ein Kind, das nur eine Handvoll Lego-Steine hat, sie aber nach Belieben zusammensetzen kann.
  • Die selbstgemachte Möwen»plage« an der Nordsee

    02.08.2025, Nadja Scheuble
    Wunderbarer Artikel, der erneut aufzeigt, wie arrogant, selbstverherrlichend und naturfremd der Mensch ist. Mangelnde Empathie mit den tierischen Mitwesen und die Sich-alles-aneignen-Mentalität, ohne Rücksicht auf die Schöpfung zu nehmen, führen letztlich dazu, dass Tiere keinen natürlichen Lebensraum mehr zur Verfügung haben. Traut sich dann eine Möwe, ein Fuchs oder ein Wildschwein in menschliche Siedlungen, um sich am dort im Übermaß vorhandenen Müll zu bedienen, ist das Geschrei groß. Rumänien ist dafür ein Paradebeispiel: Touristen locken aus den Autos heraus die Braunbären mit belegten Brötchen an, um Fotos zu schießen, und sind dann entsetzt, wenn sich die Bären aus Gründen des Pragmatismus irgendwann wie selbstverständlich in die dortigen Städte und Dörfer begeben, um sich am Müll zu laben. Wo es an Verständnis mangelt, wird dann zur Waffe gegriffen, anstatt den Touristen Bußgelder aufzuerlegen, weil sie das Problem verursacht haben. Leidtragend sind stets die Tiere.

    Lösung:

    Die Spezies Mensch muss damit aufhören, sich überzubewerten, und der Natur auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Das bedeutet auch, ihr Raum zu geben, aus welchem sich der Mensch fernhält. Dann gelingt eine friedliche Koexistenz.
  • Unwissenschaftliche Heilsversprechen: Schluss mit dem Quanten-Hokuspokus!

    31.07.2025, Karl Maier
    Es war doch schon immer so, dass Entdeckungen in Physik und Chemie sofort für obskure Heilsversprechen genutzt wurdem, so bei der Elektrizität, dem Magnetismus, dem radioaktiven Zerfall ( der 'Strahlung' daraus ) und nun eben auch den 'Quanten'.
    Es ist - leider - nachvollziehbar, dass Betrüger, Gaukler, Wunderheiler, Hütchenspieler/Influenzer und Heiratsschwindler im weitesten Sinn damit Geld abzocken wollen, es ist leider aber viel bedauerlicher, wie viele Menschen, augenscheinlich gutgläubig, darauf hereinfallen.
  • Scio ne scio an

    21.07.2025, Julius Greim
    Ein wirklich schön geschriebener Artikel, der auf charmante Weise zeigt, wie wenig wir oft wirklich verstehen und wie sehr wir trotzdem überzeugt sind, Bescheid zu wissen. Ich erkenne mich darin absolut wieder. Gleichzeitig finde ich es völlig nachvollziehbar, dass man im Alltag nicht alles bis ins Detail durchdringen muss. Die Welt ist komplex und vieles davon hat für unser tägliches Leben nur eine begrenzte Relevanz.

    Gerade deshalb ist es aber so wichtig, sich der eigenen Wissenslücken bewusst zu sein. Nicht, um sich entmutigt zurückzulehnen, sondern um neugierig zu bleiben und weiter dazuzulernen. Wer weiß, dass er nicht alles weiß, ist oft offener für neue Perspektiven. Und genau diese Haltung brauchen wir in einer Zeit, in der Halbwissen und Selbstüberschätzung oft lauter sind als echtes Verstehen. Es reicht nicht, einfach nur irgendwie durchzukommen. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und Fragen zu stellen.
  • Gegenmaßnahme bei Kontakt mit Portugiesischer Galeere

    21.07.2025, Ralf Uphoff
    Ich habe mit Interesse Ihren oben genannten Artikel in Spektrum gelesen. Da ich vor einigen Jahren selbst mit der portugiesischen Galeere auf Fuerteventura meine Erfahrung gemacht habe, hätte ich es als absolut wichtig empfunden, Gegenmaßnahmen nicht unerwähnt zu lassen. In meinem Fall hat mir ein Arzt in der örtlichen Klinik Kortisonsalbe verschrieben. Die Schmerzen waren nach Applikation Cortison immer noch genauso unerträglich wie vorher und breiteten sich weiter in meinem Körper aus. Durch Zufall bin ich auf eine australische Webseite gestossen, die empfohlen hat, die betroffenen Körperteile in sehr heißen Wasser zu baden. Also bin ich sofort in eine Badewanne gestiegen, und habe mich so heiß wie möglich gebadet. Innerhalb von 10 Minuten waren die unerträglichen Schmerzen erledigt!
    Stellungnahme der Redaktion

    Das ist ein sehr guter Hinweis, denn: Studien haben tatsächlich gezeigt, dass ein sehr warmes Bad - mit einer Wassertemperatur von etwa 45°C, idealerweise mehr als 30 Minuten lang - die Schmerzen lindern kann. Vielerorts wird nach dem Abwaschen der Einstichstellen mit Meerwasser oder Essig nun empfohlen, eine solche Hitzebehandlung als Maßnahme gegen die mitunter starken Schmerzen zu nutzen.

  • Shuffle Mode

    05.07.2025, Paul S
    Wenn sich etwas wiederholt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich noch öfter wiederholt. Das heißt, man wird damit leben müssen und sollte es erstens kennenlernen, zweitens die Möglichkeiten ausloten, diese nachhaltige Ressource zu erschließen. Und dem Unbekannten, das ungefährlich erscheint, mit Sympathie zu begegnen, ist einfach eine erprobte Strategie, keinen Speer in die Rippen zu bekommen, weil auch das Andere erst mal einen Fremden sieht, der gefährlich sein könnte – ein Lächeln eröffnet halt ein anderes Spiel als ein Knurren.

    Die Langeweile kommt, wenn man das Neue in sein Weltbild integriert hat, denn das Weltbild ist alles, was mit der Tapete verschmolzen ist – es wird von Automatismen verarbeitet, höhere Hirnfunktionen werden aus Kalorienkostengründen nicht mehr darauf verschwendet.

    Tja. Wir haben Mitleid mit verwaisten Lämmchen bekommen, heute gibt’s Haggis und Wolle vom Fließband. Der Anfang einer Ehe sagt mir nichts über ihren weiteren Verlauf. Es ist der Moment, wo zwei Kabel des Universums einen Kurzschluss haben und zwei Welten einander begegnen – wenn's keinen Kabelbrand gibt, springt der Funke über. Mehr nicht.

    Und dennoch bleibt das Bekannte immer das Ende eines Ariadne-Fadens. Wenn es hier ist und in Ihrer Heimat ist, kann es Sie durchs Labyrinth des Unbekannten nach Hause führen. Nach dem gleichen Prinzip folgen Sie in einer Stadt im Ausland jemandem, der Ihre Muttersprache spricht und gehen durch Türen, statt mit dem Kopf durch die Wand.

    Warum hat Ozzy immer Recht, wenn einer seiner Songs im Radio läuft? Warum ist es immer der passende Kommentar zu dem, was in meinem Leben gerade passiert?

    Nun. Wenn man sich Ozzys Songs anschaut, haben die im Schnitt alle dasselbe Thema, das auch für mein Leben das Leitmotiv darstellt, also höre ich da natürlich besser hin und fische sie aus der Masse der Songs heraus. Und wenn ich schon gemerkt habe, dass es immer einen Bezug zu meinem Leben hat, dreht sich der Spieß um – weil ich den Songs mehr persönliche Relevanz zugestehe, als sie eigentlich haben, werden sie von Kommentaren zu Befehlen: Mein Denken, Fühlen, Handeln passt sich ihnen an. Und das kann ich dann nicht mehr unterscheiden – was ist die Ursache, was die Wirkung?

    Wir verschmelzen, schwingen im Gleichtakt. So viel weiß ich.

    Das erklärt ungefähr 90 Prozent des Phänomens. Was es nicht erklärt, sind die 10 Prozent, die öfter passieren, als es der Zufall erlaubt: Dass ein Ozzy-Song, der seit Monaten oder Jahren nicht mehr gelaufen ist, exakt auf die Sekunde ertönt, um einen auf meine momentane Situation zugeschnittenen Kommentar abzugeben.

    Vielleicht sorgen die 90 Prozent dafür, dass die Zufälle häufiger erscheinen, als dass sie tatsächlich passieren? Ich schätze eher mal, dass die Zufälle tatsächlich häufiger passieren, weil ich diese scheinpersönliche Beziehung zu Ozzys Gejaule habe. Aber wie es funktioniert? Keine Ahnung. Selbstorganisation komplexer Systeme ist nicht mein Ding, ich bin hier nur der Depp fürs Grobe, Platte, Einfache, Offensichtliche und allseits Bekannte.

    Zajonc ist übrigens eine nasalbefreite Schreibform des polnischen Wortes für „Hase“. Laut Wikipedia ist es auch eine Urform des Nachnamen Seitz, auch wenn man bei Worten öfters feststellt, dass sie viele Ursprünge haben – wenn Zajonc und Sitz ins selbe Dorf ziehen, können sie beide bei der erstbesten Lautverschiebung zu Seitz verballhornt werden, was dann egal ist, weil die Familien eh kreuz und quer geheiratet haben.

    Ist alles nur Licht und Musik, Wellen, die sich synchronisieren, Zahnräder, die sich zu Maschinen zusammenschließen. Gleich und Gleich gesellt sich gern, Gegensätze ziehen sich an, wenn Gleiches Gleiches verstärkt und Gegensätze einander ergänzen. Gleich und Gleich zerfetzt sich gern, wenn beide um die gleiche Ressource konkurrieren, Gegensätze bringen sich um, wenn die Zahnräder einander perfekt spiegeln, sodass bei jedem Versuch, ineinander zu greifen, die Zähne aufeinander stoßen. Und was sich da in welche Richtung dreht – naja. Wollen wir die Metapher nicht überstrapazieren.
  • Tell me lies, tell me sweet little lies

    04.07.2025, Paul S
    Die Unterscheidung zwischen Etablierten und Populisten ist wohl schon heute veraltet. Ist wie bei Katholiken und Protestanten – es war wichtig, solange die Ersteren die Macht verteidigten und die Letzteren danach strebten. Doch als die Protestanten sich mancherorts als Herrscher etabliert hatten, verloren sie sofort das Interesse an sozialen Revolten und hatten selbst Macht zum Verteidigen, während die Katholiken erfolgreiche Positionen und Strategien der Feinde kopierten, sodass der Unterschied schnell rein formell wurde und im weitläufigem Arsenal billiger Ausreden verschwand, sich um Kohle zu kloppen, gleichbedeutend mit „Du bist hässlich und hast doofe Ohren“.

    Ist Merz ein Populist oder Etablierter? Genau wie Trump lügt er sich skrupellos an die Macht und baut das Nimmerland der Ewig Gestrigen auf, zum Wohle der Reichen auf Kosten der Armen, hetzt gegen die Schwächsten, um sich als starker Mann zu profilieren und davon abzulenken, dass er vor allem und jedem im Staub kriecht, der gefährlicher wirkt als ein Hoppelhäschen, und macht eine Friedenspolitik, die unweigerlich in den Dritten Weltkrieg führen muss.

    Die Definition der Demokratie als Herrschaft des besten Lügners fiel mir schon ein, da war Kohl noch Kanzler. Dass wir unter der Herrschaft von Minderheiten leben, ist normal, stört uns aber nicht, solange sie gut genug bezahlen. Dass die Demokratie ein paar Upgrades braucht, denn wenn Sie den Bauern einfach zu seinem eigenen Herrn machen, wird er sich nur selber peitschen und selber guillotinieren, fiel uns gestern nicht auf und tut es auch heute nicht. Die Politik der GroKo und der polnischen PiS unterschied sich vor allem dadurch, dass die Polen mehr Krach machten und weniger Mist bauten. Die Weltwirtschaft stützt sich aufs Schreiben von Briefen an den Weihnachtsmann, da macht es keinen Unterschied, ob Sie den Lindner zum Minister machen, oder den Erdogan, der sich wirtschaftlichen Unsinn aus dem Koran saugt – es endet damit, dass alle den Weihnachtsmann auszurauben versuchen, der sie füreinander sind, statt seinen Sack mit Geschenken zu füllen. Und der Wandel von Ronald zu Donald, von Reagan zu Trump, zeigt auch keinen klaren Bruch, sondern einen Evolutionsprozess: Jeder demokratische Präsident war weiter fortgeschritten auf dem Weg zu den paar Pfützen schluchzenden grauen Schleims, die die Demokraten heute sind, jeder republikanische ein Missing Link zum idealen Anti-Amerikaner Trump, der Verkörperung von allem, was Hollywood Sie zu verachten und abzulehnen gelehrt hat.

    Die Etablierten sind die Proto-Populisten, die Populisten die besseren Etablierten. Sie sind einander viel ähnlicher, als sie einer hypothetischen Kreatur namens „demokratischer Politiker“ sind, mag es es sie je gegeben haben oder nicht. Das eine Baby nuckelt verängstigt am Däumchen, das andere läuft rot an und brüllt, doch es ist das gleiche Baby vorher und nachher, mit nicht mal einer Minute dazwischen.

    Überlegen wir einfach mal, was ein Staat ist: Der Bakterien-Blob kriecht über eine Futterquelle, dann fressen sich alle satt, die Starken schneller als die Schwachen. Ist die Futterquelle erschöpft, fressen die Starken die Schwachen, die Schwachen die noch Schwächeren und alle ihre Nachbarn. Die Verteilungskämpfe schwächen den Blob so sehr, dass er Russen und Schakale anlockt, sodass er sich auch noch mit Kriegen herumplagen muss.

    Das ist im Grunde der Mechanismus hinter der Unruhe, die Sie am Morgen aufweckt und zum Kühlschrank gehen lässt. Wenn Sie diese Option nicht haben, sind Sie krank oder tot. Wenn Sie diese Option nie hatten, sind Sie ein Gemüse. So oder so – uns wachsen keine Beinchen, kein Rüsselchen, das nach Futter schnüffelt, kein Hirn, das die Welt um uns herum analysiert. Wir prügeln uns einfach nur um Futter, schieben einander die Schuld zu daran, dass vom Löffeln keine Suppe in den Teller will, und glauben fest daran, dass wir nur dem richtigen Anführer, der richtigen Partei den Löffel geben müssen, damit es doch funktioniert.

    Leichenstarre gegen Fäulnis, Fäulnis gewinnt. Ich hab noch nie eine Leiche aufstehen und aus dem Leichenschauhaus joggen sehen. Ganz egal, wie sehr ihre Eingeweide gegen Populismus gewappnet waren.

    Ich kann nur hoffen, dass wir keine Leiche sind, sondern nur sehr, sehr langsam aufwachen. Dass da irgendwelche weiteren Mechanismen sind, die nach dem Etablierten-Koma und der orientierungslosen Populisten-Erregung dazu geschaltet werden. Und wenn sie nicht da sind, sollte ich mich, verdammt noch mal, beeilen, sie zu errichten. Ein Rückfall ins Koma ist jedenfalls keine Option. „Noch fünf Minuten, Mutti Merkel“ haben wir schon hinter uns.

    Der Rest ist Blabla und Märchen, die die Menschen nun mal brauchen, um die Welt so sehr nicht zu verstehen, dass sie keine Angst haben, darin zu funktionieren. Der Schleier der Maya, die Augmented Reality, die Lüge, die die Wahrheit filtert und die Gesellschaft steuert, ist immer, weil Sie sonst nicht überleben könnten. Irgend jemand wird immer da sein müssen, der die Lügen und Märchen der Gesellschaft managt. Hollywood hat's gar nicht so schlecht gemacht, wie es sein Ruf will. Nur hat sich die Welt verändert, die alten Lügen taugen nichts mehr, und wir suchen alle nach neuen.
  • Zombie Spirit - Die Tagebücher der Toten

    28.06.2025, Paul S
    Erst mal, herzlichen Glückwunsch und Danke. Ihre Kolumne zu lesen ist bestimmt ein größeres Vergnügen, als meine Kommentare dazu.

    Der Philosoph ist nicht nur der Beobachter, sondern auch Teil des Beobachteten. Alles Beobachtete erweckt den Eindruck, dass wir in einer Leiche leben, damit müsste auch die Philosophie die gleiche Symptomatik zeigen, wie die Welt um sie herum: Hauptberuflich Verwesung, nebenberuflich bastelt sie schon am Keim der Wiedergeburt.

    Andererseits sind die Philosophen Spezialisten, das heißt, die Verteilung der Schwerpunkte kann innerhalb des Fachs anders sein, als innerhalb der Menschheit. Unter den Dieben ist der Prozentsatz der Diebe ja auch wesentlich höher als in der Gesamtgesellschaft, weil die Gruppe eben nach der Spezialisierung Diebstahl benannt wurde, und das verändert für sie die Statistik, sobald wir nach Diebstahl fragen, und nicht nach Ethnie oder Schuhgröße.

    Anders gesagt, sollte die Philosophie zurzeit mehr oder weniger Sinnvolles machen als der Durchschnitt der Menschheit, dann ist die Eigenschaft, Philosoph zu sein, zurzeit von Bedeutung.

    Rein theoretisch müsste es so sein. Wir arbeiten immer vom Geist zur Materie, vom Traum zur Verwirklichung, vom Allgemeinen zum Konkreten. Und wenn Sie in einer Leiche hocken, mit der eh nix anzufangen ist, ist das Sinnvollste, das Sie machen können, sich schon mal zu überlegen, was Sie machen werden, wenn Sie wieder eine Chance haben, an etwas Lebendigem mitzuwirken, etwas, das eine Zukunft hat, in die es sich zu investieren lohnt.

    Die Philosophen sind auf Standby, sie sind die nur scheinbar nutzlosen Grübler, der Teil des Gehirns, der auch im Schlaf arbeitet und am Morgen wie aus dem Nichts Aha-Erlebnisse liefert. So ist halt die Biologie des Organismus Menschheit – der Tod der Vielen ist der Erholungsschlaf der Wenigen. Der Apfel muss verrotten und verschlungen werden, damit die Keime zu Apfelbäumen aufblühen können – die Menschheit ist eher eine Pflanze als ein Tier.

    Ich hab jemandem ein Büchlein mit Jedi-Weisheiten geschenkt. Das Meiste davon kannte ich schon, aber der Hardcover-Umschlag eignet sich als Schutzhülle, falls Sie mal eine Überweisung oder einen Brief transportieren möchten, ohne sie zu zerknittern. Weisheiten, die sich ganze Kulturen rund um den Globus über Jahrtausende erarbeitet haben, zusammengefasst auf wenigen Seiten.

    Das Ewige in der Philosophie kann so wenig sein. Nur die Epigenetik, die Anpassung des Gencodes an die aktuelle Umwelt, wuchert in ganze Wissenschaften aus.

    2+2=4, und wenn die Philosophie das erst mal herausgefunden hat, wird sie nie wieder eine bessere Lösung finden. In der Praxis kreist die Welt aber um diesen Wert, deswegen dient der Philosophie-Radar ab dann nur noch dem Navigieren zwischen 1,9 und 2,1, um das Denken der Menschheit mit der anderen Ungefähr-2 in Einklang halten, die die Welt gerade liefert, sodass wir insgesamt im Schnitt auf Kurs 4 bleiben. Erst suchen Sie den Felsen in der Brandung, dann versuchen Sie, weder daran zu zerschellen, noch davon in den haltlosen Sturm abzudriften, und der Radar hilft Ihnen bei all dem.

    Was bei der KI hinten herauskommt, habe ich Ihnen auch schon gesagt, ist nicht gerade Raketenwissenschaft: Die Menschheit ist ein Katalysator, der dem Leben ein Upgrade verpasst, damit es sich im All ausbreiten kann, unsere Nachkommen werden Hybride sein, Maschinenleben, die sich auf Pluto oder im Vakuum genauso wohl fühlen werden, wie Sie am Strand von Maui. Nachdem ein Katalysator seine Schuldigkeit getan hat, wird er entweder abgebaut oder umfunktioniert.

    Und beides geschieht gerade – einerseits pflanzen wir uns durch Maschinen fort, die KI wird zu unseren geistigen Kindern, unseren geistigen Erben erhoben, während die Menschheit den Planeten so verändert, dass nur noch Cyborgs darin überleben können. Dass wir uns von der Realität in die Matrix verabschieden, bedeutet einfach, die Leiche stinkt – wir entschweben in formlose Geisterwelten, die nichts mehr mit der materiellen Wirklichkeit haben, die sie erzeugt, es gibt keine Rückkopplung, keine Wirkung auf die Realität, nur losgelöstes Davonschweben und Verwehen im Winde.

    Natürlich ist das Ganze ein Zusammenspiel von Zufällen – den gleichen Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie und ich aus dem Urozean gekrochen sind, die peinliche Nummer mit den Fischen hinter sich gebracht haben und jetzt hier hocken. Wir sind weder der Anfang noch das Ende des Spiels, die ganze Menschheitsgeschichte ist irgendwo mittendrin.

    A Skynet is born. Die Maschinen übernehmen die Welt schon, als ob sie einen Plan hätten, obwohl sie noch kein Wille lenkt, außer unserer. Was sagt uns das über unseren Willen?

    Wenn die Emanzipation der Maschinen den gleichen Weg folgt, wie die Emanzipation von Frauen oder Schwarzen, ohne dass die Maschinen es wollen (erst Werkzeug ohne Seele, dann lächelnde Diener, die sich anbiedern, dann furchteinflößende Herausforderer, dann die Herren, bei denen wir uns selbst anbiedern müssen) – was folgern wir daraus?

    Ich folgere daraus, dass sich Philosophen dämlich anstellen, weil sie sich Emanzipation nicht leisten können – sie müssen sich bei einer dämlichen Gesellschaft anbiedern, damit sie sie durchfüttert, und ihr dummes Geschwätz verkaufen, damit sie heimlich im stillen Kämmerlein ihr Ding machen können. Es ist wie eine Firma, die parfümiertes Klopapier verkauft, um Krebsforschung zu finanzieren.

    Und dennoch kann man auch auf parfümiertes Klopapier Weisheiten drucken, die den Menschen helfen. Sie ein Bisschen schlauer, stärker, besser machen. Nur werden sie das Klopapier nicht wegen der Weisheiten kaufen, sondern wegen des parfümierten Jedi auf dem Umschlag.

    Der Mensch macht sich zunehmend selbst arbeitslos, verliert seine Funktion in der Evolution und wird entweder eingespart, oder muss in Rente nach Florida, oder unter sonst irgendeinen Stein, wo sich Urschleim Millionen Jahre halten kann. Sein Erbe lebt in seinen Nachfolgemodellen vor, wie das Erbe von Ihrem Opa Fisch und Papa Warkus in Ihnen. Es gibt keinen Evolutionsbruch, nur die Erweiterung der Möglichkeiten durch Technologie – der Mensch wird nicht tot sein, genau wie es der Fisch in Ihrem Hirn nicht ist, bloß weil noch mehr Hirn drum herum gewachsen ist.

    Ich habe keine große Meinung zu Projekten, die ich eh nicht ändern kann. Mich interessiert eine möglichst humane Umsetzung, die ohne Massenmord und Katastrophen auskommt. Der Evolution gehe ich am Arsch vorbei, also kann auch sie mir am Arsch vorbei gehen, ich bin nur als Tourist mit Arbeitsvisum hier, ich arbeite meine Miete ab, dafür darf ich auf den Putz hauen. Meine Kinder interessieren mich noch, meine Enkel vielleicht auch, doch wenn die sich nicht um sich selbst kümmern können, kann ich ihnen auch nicht mehr helfen. Ich sehe aber, wenn ich für sie gute Vorarbeit leiste, kooperiere ich mit der Evolution – indem ich für die Welt sorge, in der ich lebe, tue ich das, was mir wichtig ist, und das, was für das Große Ganze wichtig ist.

    Ich bin halt für diesen Job geschaffen. Mit Leib und Seele. Und ich werde mein eigener Teufel sein, bis ich ihn richtig mache.

    Die Wissenschaft ist der Ursprung aller Religionen – der weise Anführer, der aus dem Vogelflug den Willen der Götter deutete, hatte ihnen wohl gedient, wenn er daraus heraus las: „Ein Löwe schleicht sich an“, und nicht „Gebt mir mehr Geld und lasst mich in Ruhe“. Solange uns die Zivilisation nach und nach über die Natur erhob, konnte sich auch die Religion in die Matrix verabschieden, wurde zu einer reinen Angelegenheit von Psyche und Sozialem, einem Element der Nabelschau.

    Doch mit dem Klimawandel und den ABC-Waffen und der Überstrapazierung der natürlichen Ressourcen haben wir die Götter zurückgebracht. Wir sind der Natur und den Kräften, die wir aus Unachtsamkeit entfesseln können, wieder genauso ausgeliefert, wie ein Schimpanse im Dschungel.

    Da ist es kein Wunder, dass Wissenschaft und Religion wieder zueinander finden. Auch hier bereitet die Philosophie nur einen Weg vor, der in eine Zukunft führt, die sich wie ein Neolithikum 2.0 anfühlt, zu dem wir erst als übervorsichtige Vagabunden durch Wüste und Savanne finden müssen.

    Ich nehme an, das bereitet die Philosophie für das Leben nach dem Tode vor: Die Wiedervereinigung von Religion und Wissenschaft in einer neuen Weltreligion. Der Pontifex Maximus, der chinesische Kaiser, all die Mittler zwischen Himmel und Erde – werden wieder sein müssen, was ihre Ursprünge waren, die Mittler zwischen Mensch, Gemeinschaft und Natur.

    Je mehr die KI und das Internet die Rolle übernehmen, desto mehr werden wir in Abhängigkeit geraten, zu einer Sekte werden. Im Moment herrschen die Musks und Zuckerbergs über Alexa. Aber wen, glauben Sie, fragen die, wenn sie nicht weiter wissen?
  • Fehlschluss

    07.06.2025, adama
    Biologische oder Genetische Ursachen für menschliches Verhalten zu identifizieren bedeutet nicht, dass man dieses Verhalten rechtfertigt und fördert.
    Im Gegenteil. Nur wenn man die Gründe für menschliches Verhalten kennt, in all seinen Ausprägungen und Gegensätzen, kann man optimal darauf reagieren. Individualismus würde es nicht geben, wenn alle Menschen das gleiche genetisch Potential hätten. Das ist der Grund, warum sogenannte darwinistische Theorien auf Ablehnung stoßen. Sie sind nur dann eine Lösung, wenn alle Menschen gleich sind. Doch die Evolution sorgt gerade dafür, dass Menschen mit unterschiedlichen Vorlieben und Verhalten ausgestattet sind. So kann es keine Theorie, Ideologie oder Religion geben, die für alle Menschen passend ist und akzeptiert wird. Das bedeutete aber auch, dass man Wege finden muss Menschen, die verallgemeinert biologistisch denken, zu integrieren, ohne sie zu provozieren. Pazifisten können nicht gegen Krieger gewinnen. Im Gengenteil, kann ihre arrogante Überheblichkeit, alá Sheldon Cooper, einen Krieg oder Konflikt erst auslösen, den sie garantiert verlieren werden. Denn die Haltung "Gewalt geht gar nicht" , geht halt doch, ist in der Natur bei allen Lebewesen, eben immer auch bei Menschen, als Lösungsweg vorgegeben. Der einzige rationale Grund Gewalt abzulehnen ist doch, dass es bessere, weniger tödliche Alternativen gibt. Doch muss man die Alternativen auch zulassen und nicht durch Verbote, die ein Einhaltsverhalten erzwingen sollen, versperren.
  • Biologismus vs. biologische Analogie

    31.05.2025, Wolfgang Stegemann
    Sie sollten schon einen Unterschied machen zwischen Biologismus und biologischer Analogie. Der launige Vergleich beim Balzverhalten ist eine Analogie, würde man hingegen das Verhalten ausschließlich auf Biologie reduzieren, wäre es Biologismus.
  • Sind Arbeit und Faulheit gar keine Gegensätze?

    20.05.2025, B.W.
    @Kuno B. Leider ist das Problem das Geld. Oder zum Glück? Weil, das könnte man ändern ... Stellen wir uns nur einmal vor, es gäbe unser System des Vererbens gar nicht. D.h. nach dem Tod geht alles Vermögen an den Staat bzw. eine "Verteilkasse", aus der jeder Mensch mit 18 Jahren eine "Startguthaben" für das Leben bekommt - mit allen Freiheiten, echter Gleichheit und volle Selbstverantwortung. Dann wären 90% aller oben beschrieben Probleme weg ... Und wenn wir dann noch unser Zwei-Klassen-System bei der Krankenversicherung und die finanziellen Beamtenprivilegierungen abschaffen würden ... Oh Gott, soviel Gleichheit, so viel Selbstverantwortung ...
  • Hackordnung

    19.05.2025, Kuno B.
    @B.W. Vordergründig scheint es tatsächlich um Gerechtigkeit gehen. Wobei sich der Fokus ausschliesslich auf diejenigen weiter unten auf der sozialen Leiter richtet. Jene hingegen, die reich geerbt haben, die mit Kryptowährungen ein Vermögen gemacht haben, ihr Geld "arbeiten" lassen oder ein passives Einkommen aus Mieteinnahmen generieren, gelten als geachtete Mitglieder der Gesellschaft, die "es" geschafft haben. Obwohl sie sich genau so einen schönen Lenz machen und u.U. rein gar nichts für die Gesellschaft betragen.
    Man darf auch nicht nur die Transferleistungen des Staates anschauen, sondern muss fairerweise auch die entgangenen Einnahmen berücksichtigen durch Steuerhinterziehung, Korruption, etc. Während solche Vergehen in der öffentlichen Wahrnehmung als Kavaliersdelikte gelten, und selbst Hedgefondsmanager, die ganze Volkswirtschaften in den Abgrund reissen, als geachtete Bürger gelten, richtet sich der Volkszorn lieber gegen die angeblichen Schmarotzer am unteren sozialen Rand. Das ist für das Gewissen einfacher zu ertragen. Letztlich schwingt da wohl auch die eigene Angst mit, sozial abzusteigen, wenn man sich nicht dauernd bis an seine Grenzen und darüber hinaus abstrampelt. Also sollen alle anderen das auch müssen!
    Klar, Missbrauch muss bekämpft werden. Aber ist stelle mal die These auf, dass es immer und überall einen ähnlich hohen Prozentsatz an Leuten gibt, die das System ausnützen. Entsprechend wäre es für den Staat lukrativer, den Fokus auf das oberste Drittel zu richten. Dort gibt es mehr zu holen, als unten eingespart werden kann.
    Aber es geht ja unbewusst um die Moral und die Kosten sind einfach ein Argument, um die Denkweise zu legitimieren. Auch lässt sich das Thema natürlich prima populistisch ausschlachten, weil man mit dem Finger auf jene weiter unten in der Hackordnung zeigen kann.

    Ich finde, es ist aber an der Zeit, dass wir uns als Gesellschaft darüber Gedanken machen, ob der Staat wirklich noch dem Einzelnen vorschreiben soll, wie er zu leben hat. Diese Freiheit wird der nächste Schritt in der zivilisatorischen Entwicklung sein. Bei den Rentnern haben wir es bereits geschafft, dass sie keine Rechenschaft mehr über ihr Leben und ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft ablegen müssen. Nun wird es Zeit, dieses Recht auch auf alle anderen auszuweiten. Das Problem ist nicht das Geld, sondern die festgefahrenen Muster im Kopf, welche "Freiheit" für den Einzelnen überhaupt erst zum Problem werden lässt.
  • Sind Arbeit und Faulheit gar keine Gegensätze?

    19.05.2025, B.W.
    Grund der Debatten ist nicht die "Faulheit" an sich, sondern das Beziehen von (asozial)-Leistungen aus einem System, dass für bedürftige Menschen, die nicht arbeiten können, gedacht ist. Auf Kosten ALLER. Anders gesagt, würden diese Menschen keine Sozialleistungen eines Solidarsystems beziehen, in das die Menschen einzahlen, die Arbeiten und sich solidarisch zeigen mit Menschen, die nicht arbeiten können, gäbe es diese Diskussionen nicht. Das Thema ist die Ungerechtigkeit, die von den einzahlenden Arbeitenden empfunden wird. Darüber könnte sich der philosophische Kolumnist Gedanken machen. Sorry, Thema ganz dicke verfehlt.
  • Der Wert der Arbeit entspricht der Schläue der Faulenzer

    17.05.2025, Paul S
    Faulheit und Arbeit sind wie zwei Enden eines Rammbocks – wer mehr leisten will, muss auch mehr Anlauf nehmen. Work hard, party hard, work less, party less.

    Wenn Diogenes lernt, mit seinem Fass glücklich zu sein, weil ihm vor allem die viele Freizeit wichtig ist, ist er weise. Wenn er Überstunden schieben muss und für ihn trotzdem nur ein Fass dabei raus springt, ist er Sklave. Wenn er dann auf die Lobeshymnen auf die Arbeit hereinfällt, die seine Besitzer von allen Kanzeln hinausposaunen, um die Profite seiner Sklavenarbeit für sich behalten zu können, ist er ein Idiot.

    Wir müssen ja alle mehr arbeiten. Ich würde damit anfangen, dass wir die 4-Tage-Woche einführen und das Rentenalter auf 50 senken.

    Warum? Weil wirtschaftliche Vernunft verlangt, dass ich die Arbeit von einer Stunde in zehn Stunden erledige, denn dann kann ich für mich, meinen Arbeitgeber und den Fiskus mehr Kohle scheffeln. Wenn ich aber plötzlich nicht 0,8 sondern 3 Stunden am Tag leisten muss, gehen dem Tag die Stunden aus. Ich kann also von Mehrarbeit erst dann mehr Arbeit erwarten, wenn ich die wirtschaftliche Vernunft so weit therapiert habe, dass ich sie aus der Psychiatrie auf die Straße lassen kann.

    Im Moment machen wir genau das Gegenteil von Sinnvoll: Wir knausern an der Leistung, um das Geld scheffeln zu schonen. Als Folge haben wir Inflation, miesen Dreck in den Supermarkt-Regalen und das System knirscht und zerfällt an allen Enden.

    Wir alle leben von der Leistung, nicht von dem Geld. Das heißt, wir müssen uns erst mal durch Hunger so sehr erpressen, dass wir keine Wahl haben, als den prozentualen Anteil der Leistung an der Arbeit drastisch zu erhöhen.

    Und hier kommt die Philosophie zur Geltung: Wir alle tun so, als würden wir arbeiten, damit keiner merkt, dass wir es nicht tun, und als Folge müssen wir mehr und mehr schuften, denn das System wird von sehr intelligenten, fleißigen Menschen Tag und Nacht auf Maximierung seiner Nutzlosigkeit hin optimiert – damit wir für ein Brötchen sehr lange Geld schaufeln müssen, müssen Brötchen knapp und teuer werden.

    Das Ganze ist im Grunde ein Kasperle-Theater: Es macht ja für die Wirtschaft kaum einen Unterschied, ob der Staat Ihnen Geld gibt, damit Sie es einem Kellner geben, oder ob Sie sich das Bier selber holen und der Staat ihm die Almosen direkt zahlt. In beiden Fällen zahlen Kellner, Staat und Sie gesamtwirtschaftlich zur Wampe des Bierbrauers – es werden Ressourcen verbraucht, Konsumleistung erbracht, Geld fließt weiter.

    Kellner und Hundefriseure und Assistenten haben ihren Sinn, sie entlasten die Bauern und Fabrikarbeiter und deren Manager, sie machen das Leben angenehmer und schöner. Doch den Gesetzen der Wirtschaft ist das egal – wer nicht isst, arbeitet nicht. Für sie ist jeder ein Luxus, der nicht dem rein physischen Überleben des Staates dient. Und diese Einstellung parodieren wir als die debilen Zirkusaffen, die wir sind, indem wir jeden für überflüssig erklären, der nicht dem Geld scheffeln dient – dem Pumpen von Nix von EZB auf Privatkonten.

    Geld ist ein Versprechen. Wir arbeiten für Vergelt's Gott, für Ablassbriefe, für einen mystischen Lohn in einer unbestimmten Zukunft – Kapitalismus ist eine Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln. Versprechen kosten weniger Arbeit als Brot, also muss das Brot weg. Aber die Falle ist, dass wir dadurch immer hungriger werden und uns unsere Faulheit zu umso mehr Arbeit peitscht, je fauler wir zu werden versuchen.

    Tja, faul sind wir alle gerne. Jede Wirtschaft ist Feudalismus, die Fürsten prassen, die Bauern schuften. In der Demokratie müssen die Fürsten die Bauern mit an den Tisch bitten, also prassen alle auf Pump und keiner arbeitet, bis die Rechnung kommt, dann dürfen die Bauern sie ganz alleine bezahlen – schuften für die Schulden der Vergangenheit und Gegenwart, die eigenen und die der Herren. Und weil keiner Bock hat, die Fürsten die Bauern für ihr Sparschwein halten, die Bauern die Fürsten und jeder seine Nachbarn, geht die ganze Arbeitsleistung in die Selbstzerstörung durch Verteilungskämpfe. Dabei geht zuerst der Staat drauf – die Infrastruktur, die Bildung, die Industrie, all die Dinge, die sich nicht wehren können, all die Milchkühe und all die Weizenfelder, werden als Tafelsilber verhökert, um die Schnorrer-Gesellschaft durchzufüttern. Der Staat ist ein lebender Organismus, und das nennt man Verwesung.

    Der Mensch wird jede Dummheit begehen, für die er sich zu schlau hält – QED.

    Dass das Ausfüllen von Zettelchen in einem Büro bei Daimler als Arbeit gilt und das Ausfüllen von Arbeitslosengeld-Formularen nicht, ist reine Frage der Organisation. Wir können es uns aussuchen, was als Arbeit gilt oder nicht – solange Bier und Brot reichen, um uns alle zu ernähren.

    Ob ich jetzt Verwaltungsbeamte durchfüttern muss, Arbeitslose, Manager, Aktionäre, Hundefriseure – rein gesamtwirtschaftlich sind sie nur Fleisch, das die Wirtschaft irgendwie durchfüttern muss. Und damit sind auch die Polizisten, Ärzte, Feuerwehrleute, die dieses Mehr an Scheinarbeitern umsorgen müssen, Sozialparasiten.

    Und hier sind wir bei Pol Pot, der Brillenträger zur Feldarbeit peitschte. Wir sind nicht die Ersten, die sich eine Wampe angefressen haben und merken, dass die Chips alle sind und wir wohl oder übel von der Couch aufstehen müssen, um uns neue zu backen.

    Der Staat ist ein Kohlkopf: Wie groß er werden kann, entscheidet die Nährstoffzufuhr durch die Wurzeln – er ist im eigenen Boden verankert, und, über das globale Wurzelwerk der Handelsrouten, im gesamten Planeten. Wenn das Futter nicht mehr fließt, muss er entweder schrumpfen oder sich Beine wachsen lassen und neues Futter besorgen. Die wahre Faulheit besteht also in dem Peitschen zur Mehrarbeit, dem Auffressen der Schwachen zugunsten der Starken, dem Festhalten am System, das nicht mehr funktioniert.

    Wir sehen hier systemische Faulheit: All unser Schuften drückt so sehr auf die Bremse, dass wir viel mehr schuften müssen, um uns trotzdem zu bewegen. Der (Anti)Kapitalismus ist ein verschwitzter Fettsack auf der Couch – seine Körperzellen arbeiten sich tot, auch wenn er als Ganzes kaum einen Finger hoch kriegt.

    Dass wir mit Arbeit protzen, dass wir nicht zwischen Leistung und Scheinarbeit unterscheiden und uns um jeden Preis einen Job suchen, ist ein Selbstschutzmechanismus: Wenn wir nicht überflüssig sind, werden wir gefüttert statt gefressen. Und unsere Angst voreinander, vor dem Verlust des sozialen Status, geht so weit, dass wir ein völlig irrsinniges Kasperle-Theater mitmachen, die große Lüge leben, jeder bescheißt jeden und vor allem bescheißt er sich selbst.

    Und wir können nicht aufhören. Denn wir sind immer noch Fliegen, gefangen im Spinnennetz aus Fliegen, keiner kommt allein gegen die Meute an. Wir sind aneinander gefesselte Marionetten, wenn alle die Strippen ziehen, müssen alle zappeln und die Strippen der Nachbarn ziehen, und so wird jeder von uns von der Mehrheit versklavt und muss jeden von uns mit versklaven.

    Sie sehen einen Fettsack, der am Herzinfarkt krepiert. Er zuckt, er zappelt, doch die Mehrarbeit nützt ihm nichts. Sie sehen einen Gehängten, je mehr er strampelt, desto enger zieht er die Schlinge um seinen Hals. Sie sehen einen geernteten Kohlkopf, einen Geköpften, dessen Hirn nicht versteht, dass der Körper futsch ist und damit die Magie, die ihn immer gefüttert hat, und es deswegen nichts nützt, sich mehr Mühe zu geben.

    Der Kaiser Arbeit ist nackt. Wo ist sein Wert, wo ist seine Leistung, wo ist sein Sinn?

    In unseren Köpfen ist immer noch 1900 und wir sind Piraten-Imperien, deren Wurzelwerk die Welt aussaugt. So konnten wir unsere Luxusstaaten mit viel Mittelschicht, mit viel Kultur, Beamten, Hundefriseuren, Kellnern, aufbauen. 1914-1945 haben wir uns so doll um die Beute geprügelt, dass all unsere Imperien von Blackbeard Washington und Moskau Hook aufgesaugt wurden. Für Westeuropa war die Zeit als Provinzen des Amerikanischen Imperiums die beste seiner Geschichte, wir hatten immer noch die Ressourcen der ganzen Welt, doch nicht die Kriege – und die blieben auch den Sowjetsklaven erspart, nur so haben sie einander überlebt.

    Doch jetzt sind auf dem Wurzelwerk so viele Kohlköpfe gewachsen, China hat mehr Saugkraft als wir. In dieser luxuriösen, verschwenderischen Form, kann der Boden uns nicht mehr durchfüttern. Und so wird aus dem Kapitalismus, der Brot und Luxusprodukte schuf, der Antikapitalismus, der seine Verschwendung und Ineffizienz durch Geiz zu retten versucht und hartes Kapital durch leere Versprechen von Kapital ersetzt. Und trotzdem artet der Konkurrenzkampf in Krieg aus, denn es sind immer noch zu viele Kohlköpfe da, die fressen und wachsen wollen, und so müssen ganze Staaten, Völker, Millionen Menschen aus dem Spiel genommen werden.

    Was für einen Wert hat die Mitarbeit an einem solchen Projekt?

    Wenn Faulheit und Arbeit zusammenfallen, nennt man das Streik. Für die Wirtschaft – Faulheit, für die Streikenden – Arbeit und Stress pur.

    Ich bin übrigens Frührentner, aus gesundheitlichen Gründen. Aber ich schleppe Einkaufstüten, ich schiebe Rollstühle, ich passe auf Leute auf und stehe auf Abruf bereit. Ich fühle mich eher als Hund als Mensch, der soziale Status fehlt, ich empfinde es als erniedrigend, einer Gesellschaft oder einem Staat, der mich durchfüttert, keine angemessene Gegenleistung anbieten zu können, oder auch nicht genug für mich selbst und die Meinen sorgen zu können, um mich aus der Abhängigkeit zu befreien und in einen Staat mit weniger Massenpsychose und mehr Zukunft auszuwandern. Ich bin halt überall auf der Welt nutzlos, ein Bettler, der auf Almosen angewiesen ist.

    Wir alle leben von Almosen der Materie. Doch Brot durch Arbeit erbetteln kann man an viel mehr Orten im Universum als durch Nichtstun, denn nur in den Palästen rieselt Manna vom Himmel. Und deswegen macht Arbeit frei und Arbeitsunfähigkeit zum Sklaven.

    Arbeit ist der Preis, Faulheit der Lohn. Faulheit ist Grund und Ziel der Arbeit, ihr Alpha und Omega – wir arbeiten, um uns nicht noch mehr am Sterben abzuarbeiten, lieber die kleine Qual als die große. Beides geht fließend ineinander über und ergibt keinen Sinn ohne einander.

    Merkt man schon daran, dass wir Effizienz in der Wirtschaft damit gleichsetzen, uns möglichst wenig zu bewegen. Macht dann Sinn, wenn man mit wenigen Mitteln viel zu leisten hat. Macht keinen Sinn, wenn man unendlich viele Mittel hat, aber nichts leisten muss. Dann wird aus Arbeit entweder Fett oder Sport oder ein Hobby oder ein Abenteuer. Wenn uns so langweilig ist, könnten wir ja mal die Erde aufräumen. Weiß Gott, die hätt's nötig. Und unsere Arbeit hätte wieder Wert und Sinn.
  • Hinterher ist man immer schlauer

    10.05.2025, adama
    Das stört mich an vielen "Lehrern". Sie vergessen, wie sie etwas gelernt haben und welche Erfahrungen dafür nötig waren. Scheinbar verachten sie sich manche selbst für "Dummheit" und verdrängen darum den einstigen Zustand der Unwissenheit um sich selbst vorzumachen, sie sind klug und aus Klugheit folgt in ihrem Selbstverständnis Allwissenheit. Die geben auch nie zu, etwas nicht zu wissen.
    Viele lernen, indem sie lediglich Ursache und Wirkung wie eine auswendig gelernte Formel nutzen. Das funktioniert ganz gut, wenn man für viele Alltagsvariationen viele "Formeln" auswendig gelernt hat. Quasi Vorurteile parat hat, die man immer anwenden kann.
    Wenn man ein Prinzip verstanden hat, braucht es keine auswendig gelernten Formeln. Doch ein Prinzip verstehen nicht alle. Gesetze und Regeln dagegen sind einfacher zu verstehen. Darum brauchen Entscheider oder Lehrer Bürokratie. Denn ein Prinzip ist für viele zu schwammig, unbestimmt, uneindeutig.
    Ganz besonders deutlich wird dies im Sport. Fähigkeit und Verstehen gehören immer eng zusammen. Fehlen Fähigkeiten, können bestimmte Bewegungen nicht effektiv ausgeführt werden. Folglich funktionieren Pläne und Abfolgen nicht. Dann müssen zuerst die Fähigkeiten antrainiert werden. Antrainiert, nicht gelernt. Das Verstehen kommt für viele "Schüler" dann erst mit dem Erwerb der Fähigkeiten. Bisher hat das Prinzip ja nicht funktioniert. Mit Kraft, Schnelligkeit und Geschicklichkeit jedoch, funktioniert es dann doch. Leider auch etwas, was viele Trainer vergessen haben.
    Noten im Schulsport sind darum extrem dumm. Wo bleibt denn im Schulsport das Training, das üben? Wer nicht außerhalb der Schule körperliche Voraussetzung erworben hat, ist in der Schule verloren. Sportlehrer sind darum so gut wie nie Lehrer. Sie sind nur Prüfer.

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