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Angemerkt!: Überfällig und richtig

Doktorhut
Knapp zwei Wochen nach Beginn der so genannten Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Verteidigungsminister heute zurückgetreten: Zu stark wurde der öffentliche Druck auf den Politiker, dessen Promotionswerk offensichtlich zu großen Teilen zusammenkopiert wurde – im Netz trugen zahlreiche Detektive Belege für den Plagiatsvorwurf zusammen. Sie entdeckten auf rund drei Viertel des mehr als 450 Seiten starken Werks Hinweise auf unzureichend oder gar nicht erwähnte Quellen.

Carsten Könneker
Nach anfänglichem Lavieren musste zu Guttenberg bald zugeben, dass er Fehler begangen habe, weshalb er auch seinen Doktortitel zurückgab – bevor die betreuende Universität Bayreuth die Promotion ebenfalls rückgängig machte. Vor allem unter Wissenschaftlern gärte es jedoch weiter, wuchs der Zorn auf den Minister (a.D.). Das konnte auch nicht anders sein: Denn Wissenschaft lebt von Ehrlichkeit im Umgang mit Daten und Quellen – und dem Vertrauen darauf, dass alle Beteiligten diesen Ehrenkodex einhalten. Völlig unvorstellbar, dass ein Forscher sich für ein Plagiat feiern lassen könnte, wie es letztes Jahr in den Feuilletons der Republik bei der Schriftstellerin Helene Hegemann der Fall war: Die Autorin hatte sich in ihrem Roman "Axolotl Roadkill" großzügig bei einem Blogger bedient, ihr Buch jedoch als eigenes Werk vermarktet.

Umso stärker hat es daher gerade Akademiker erschüttert, dass zu Guttenberg anfänglich im Amt zu bleiben gedachte. Schlimmer noch: Sein Plagiat wurde von zahlreichen Politikern als Lappalie abgetan. Doch eine zusammenkopierte Doktorarbeit ist kein Lapsus, sondern Betrug, wie es der Bayreuther Staatsrechtler Oliver Lepsius – Nachfolger von zu Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle – folgerichtig zusammenfasste: Es ist ein Diebstahl geistigen Eigentums und schadet dem Ansehen von Wissenschaft in einem Land, dessen Wohlstand und Gedeih wesentlich auf einer intakten Forschungslandschaft und deren Rückhalt in der Bevölkerung basieren.

Daniel Lingenhöhl
Der Zorn der Wissenschaftler schwoll daher in dem Maße an, wie sich zu Guttenberg wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel der Konsequenzen verweigerten: Ein offener Brief von Doktoranden wurde rasch von tausenden Nachwuchswissenschaftlern unterzeichnet. Es folgte eine Erklärung von Hochschullehrerinnen und -lehrern zu den Standards akademischer Prüfungen, der sich bald Hunderte von Professoren und Professorinnen aus Deutschland anschlossen. Und auch eine Umfrage von Spektrum der Wissenschaft belegte deutlich, dass es im Kreise der Akademiker und aktiven Forscher brodelte: Fast drei Viertel von mehr als 2000 befragten Wissenschaftlern meinten, dass das Ansehen von Forschung und Wissenschaft in der Bevölkerung durch die "Causa Guttenberg" erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Und sie müssen das zu Recht fürchten: Welchen Eindruck hinterlässt es in der Bevölkerung, wenn Plagiate in der Politik achselzuckend hingenommen werden? Wenn die Bundeskanzlerin, selbst eine promovierte Physikerin, äußert, sie habe zu Guttenberg als Minister eingestellt und nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter? Wenn die für Bildung und Hochschulen zuständige Ministerin Annette Schavan erst nach zwei Wochen verlauten lässt, dass sie von der Affäre beschämt sei? (Für ein Interview mit Spektrum der Wissenschaft stand sie am Freitag nicht zur Verfügung.) All dies rückt die Wissenschaft – Deutschlands wichtigsten Rohstoff – in ein schlechtes Licht und fördert Vertrauensverlust.

Es dürften sich wieder all jene bestätigt fühlen, die in der Klimaforschung eine Verschwörung wittern, das HI-Virus als Erfindung der CIA bezeichnen und ihre Kinder nicht impfen lassen, weil Mediziner angeblich mit falschen Karten spielen. Die Affäre unterminiert den Wert einer Promotion – "bekommt ja jeder" – und fördert Zweifel am wissenschaftlichen Fortschritt, der in seiner zunehmenden Komplexität ohnehin für viele Laien nur noch schwer verständlich ist, ja, sie verunsichert.

Zu Guttenbergs Rücktritt war deshalb richtig und wichtig – nur leider kam er zu spät, um Schaden von der Wissenschaft fern zu halten. Hier müssen sich auch die Gutachter der Doktorarbeit Kritik gefallen lassen: Sie hätten ein Plagiat dieses Ausmaßes feststellen müssen – und dem akademischen Betrieb in Deutschland wäre vieles erspart geblieben. Was ist ein "Doktor" aus Deutschland noch wert, fragen sich manche ausländischen Beobachter.

Nun gilt es, verloren gegangenes Vertrauen in die Forschung und die Universitäten wiederherzustellen. Das dürfte nicht einfach werden. Denn die tägliche, häufig exzellente Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an unseren Hochschulen und Forschungsinstituten findet viel seltener den Weg in die Schlagzeilen als zu Guttenbergs Plagiat. Hier ist die Politik nun in der Pflicht: Sie könnte sich zum Beispiel strikter an die Empfehlungen ihres wissenschaftlichen Beirats halten – und nicht das Gegenteil dessen beschließen, was die Forscher ihr raten – zuletzt so geschehen im Fall des "Bio"sprits Super E10. (Die Fachleute sprachen sich gegen die größere Beimengung von Ethanol aus Pflanzen in Benzin aus, da es dem Klimaschutz eher schadet denn nutzt.)

Ein Selbstreinigungsprozess muss aber auch an den Hochschulen stattfinden: Sie müssen zukünftig strikter regeln, wer zu einer Promotion zugelassen wird, um der Titeljagd Einhalt zu gebieten. Die Doktorarbeit soll dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und Fortschritt dienen und weniger der Profilierung Einzelner. Und die Universitäten müssen die eingereichten Arbeiten strenger prüfen. Sie dürfen nichts durchwinken, wie dies bei zu Guttenbergs Arbeit offensichtlich der Fall war. Eine größere Transparenz etwa ließe sich vielleicht erreichen, wenn neben dem Doktorvater und dem Zweitgutachter noch ein dritter Prüfer von unabhängiger Stelle ernannt würde.

Betrügereien werden sich dann zwar immer noch nicht restlos vermeiden lassen. Wissenschaft als hoch kompetitives System wird nie gefeit sein vor Lug und Trug. Doch würden derlei Vergehen dadurch zumindest weiter erschwert. Und der Politik muss klar sein: Ein zweiter Fall "zu Guttenberg" würde hierzulande das Vertrauen in die Wissenschaft endgültig zerstören, das eklatante Nachwuchsproblem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften weiter verschärfen – und den Forschungsstandort Deutschland unwiderruflich in Misskredit bringen.

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