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»Elgin Marbles«: Ein Stück Parthenon auf dem Meeresgrund

Im Jahr 1802 ließ Lord Elgin kistenweise Marmorskulpturen vom Parthenon nach Großbritannien bringen. Ein Schiff sank. An der Stelle haben Archäologen nun offenbar eine besondere Entdeckung gemacht.
Unterwasseraufnahme eines sandigen Meeresbodens mit einem Stück Marmor und einer Kamera im Vordergrund. Auf dem Boden liegt eine weiße Tafel mit einem blauen Kreis und einem darin gezeichneten blauen Pfeil. Daneben befindet sich ein Maßstab. Um die Tafel herum sind Algen und Steine zu sehen.

Ein Deko-Tropfen

Haben Sie es entdeckt – das geschichtsträchtige Stück Marmor, das hier am Meeresgrund vor der griechischen Insel Kythira liegt? Es befindet sich in der Mitte des Bildes zwischen dem Maßstab links und dem blauen Nordpfeil rechts, halb von Sand bedeckt. Archäologen um Dimitrios Kourkoumelis vom griechischen Kulturministerium haben es in knapp 22 Metern Tiefe an jener Stelle gefunden, an der im September 1802 das Segelschiff »Mentor« gesunken war, wie die Behörde mitteilt. Die »Mentor« gehörte Thomas Bruce, dem 7. Earl of Elgin (1766–1841), besser bekannt als Lord Elgin, der zahlreiche Antiken von der Athener Akropolis nach Großbritannien verschiffen ließ. Die berühmtesten Frachtstücke jener Fahrt der »Mentor« waren unter anderem Reliefs vom Parthenon, die sich heute im British Museum befinden.

Seit mehr als einem Jahrzehnt führen die Fachleute Unterwassergrabungen an der Wrackstelle durch und haben bereits verschiedene Objekte an die Oberfläche geholt. Teils handelt es sich um antike Gegenstände, teils um Besitztümer der Besatzung und der Passagiere. Bei ihrer neuesten Kampagne sind die Forscherinnen und Forscher erneut auf Schiffszubehör wie Fragmente von Geschirr gestoßen, aber erstmals auch auf ein kleines Stück bearbeiteten Marmors, das zu den damals im Schiff transportierten Antiken gehört haben könnte.

Es handelt sich um eine gut neun Zentimeter lange Platte, die an einer Seite tropfenförmig gestaltet ist. Das Marmorfragment habe dieselben Maße wie bestimmte Partien des Architekturschmucks am Parthenon, dem berühmten Athena-Tempel aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. auf der Athener Akropolis. Die betreffenden Teile finden sich im äußeren Gebälkbereich des Tempels, dort, wo eine lange Reihe von Reliefplatten (Metopen) das Gebäude umzieht. Die einzelnen Bildfelder sind durch sogenannte Triglyphen voneinander getrennt – das sind Blöcke mit senkrechten Kerben an der Außenseite. Am unteren Rand der Triglyphen verläuft eine Leiste mit tropfenförmigen Elementen, den sogenannten Guttae. Und ein solches Element jener Tropfenleiste wollen die Unterwasserarchäologen nun an der Wrackstelle der »Mentor« entdeckt haben.

Schon damals nach dem Untergang seines Schiffes beauftragte Lord Elgin griechische Schwammtaucher, die wertvolle Fracht zu bergen. Der britische Diplomat und Kunstsammler legte besonderen Wert auf den Figurenschmuck des Parthenon, die Giebelskulpturen, die Metopen und den Fries, weniger auf Teile des architektonischen Dekors. Wie und warum die Gutta auf sein Schiff kam, ist demnach noch unklar. Auch ob sie tatsächlich vom Parthenon stammt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Lord Elgin unternahm den Abtransport antiker Kunstwerke aus Griechenland unter sehr zweifelhaften Umständen. Später verkaufte er die Skulpturen und Reliefs vom Parthenon an das British Museum, wo sie bis heute als Prunkstücke der Sammlung ausgestellt sind. Seit einigen Jahrzehnten verlangt Griechenland die Herausgabe der »Elgin Marbles«, was Großbritannien jedoch ablehnt.

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