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Kolonialismus: Knochen am Spieß

Sie sehen aus wie grausige Trophäen. Tatsächlich jedoch waren die aufgefädelten Wirbel wohl der Versuch, bei europäischen Plünderungen zerstörte Leichname wiederherzustellen.
Aufgereihte Wirbelknochen

Aufgereihte Wirbelknochen

Gruselig sehen sie aus, die auf Schilfrohre gezogenen menschlichen Rückenwirbel, die bei Ausgrabungen im peruanischen Chincha-Tal geborgen wurden. Tatsächlich allerdings handelt es sich nicht um grausige Kultgegenstände oder Kriegstrophäen wie zum Beispiel die Tzompantli der Azteken. Vielmehr fand ein Team um Jacob L. Bongers von der University of East Anglia sie in Gräbern. Die Fachleute vermuten, dass die Konstruktionen die beschädigten Körper der Toten wiederherstellen sollten – nachdem deren Gräber von Europäern auf der Suche nach Gold geplündert worden waren.

Diese Interpretation begründet die Arbeitsgruppe in einer Veröffentlichung in der Zeitschrift »Antiquity« mit den Besonderheiten der Funde. Demnach stammen die Knochen aus der Zeit der spanischen Eroberung der Region um 1530, die Schilfrohre wurden nach Ansicht der Fachleute rund 40 Jahre später geerntet. Dafür, dass die aufgefädelten Wirbel tatsächlich Teil von erneuten Bestattungen war, spreche außerdem, dass einige von ihnen im Zusammenhang mit Textilien gefunden wurden.

Hintergrund der Praxis sei wohl, dass für viele südamerikanische Völker die Integrität des Körpers nach dem Tod sehr wichtig war, schreibt die Arbeitsgruppe um Bongers. Die Bevölkerung der Region habe wahrscheinlich versucht, in den Umwälzungen der europäischen Eroberung mit Seuchen, Hungersnöten und Plünderungen diesen kulturellen Wert zu bewahren. Das Team berichtet von anderen Kulturen, die auf Schäden an Leichnamen mit vergleichbaren Maßnahmen reagierten. So gebe es Beispiele für derart »geschiente« Wirbelsäulen aus der Atacama-Wüste. Aber auch in Ägypten seien in der Antike Mumien in geplünderten Gräbern mit Palmwedeln repariert worden.

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