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Mundwerkzeug

Schwarzfleck-Zahnlippfisch

Bewegte Seitenlage

Nein, keine Angst. Dieser Schwarzfleck-Zahnlippfisch (Choerodon schoenleinii) hat – trotz beträchtlicher Schlagseite – noch nicht das Zeitliche gesegnet. Es ist vielmehr seine Beute, eine Herzmuschel, der es hier an Leib und Leben geht. Der Fisch klemmt die Muschel zwischen Ober- und Unterkiefer und schlägt sie rhythmisch gegen einen spitzen Felsen auf dem Meeresgrund, um ihre Schale zu knacken und an ihr essbares Inneres zu gelangen.

Das dabei entstehende, dumpfe Klopfgeräusch machte Scott Gardner während eines Tauchgangs im Great Barrier Reef auf den Fisch aufmerksam. Er dokumentierte die ungewöhnliche Tötungsstrategie mit seiner Kamera. Nun diskutieren Verhaltensbiologen darüber, ob es sich bei dem porträtierten Zahnlippfisch um einen verhaltensbiologischen Einzelfall handelt. Denn es existieren zwar diverse Berichte über ähnliche Verhaltensweisen bei Fischen, diese sind aber nicht eindeutig belegt oder nur an Tieren jenseits der freien Wildbahn beobachtet worden.

Ebenso für Zündstoff sorgt die Frage, ob der Stein, den der Schwarzfleck-Zahnlippfisch als eine Art Amboss nutzt, auch nach der klassischen Definition als Werkzeug gelten kann. Wäre dem so, hätte Gardner mit seinen Fotos tatsächlich den ersten Beweis für Werkzeuggebrauch bei Fischen erbracht. Die australische Forscherin Alison Jones und ihre Kollegen von der Central Queensland University in Rockhampton argumentieren, dass der Schwarzfleck-Zahnlippfisch den Stein gezielt als funktionale Erweiterung seines Kiefers einsetzt, um an das Fleisch der Muschel heranzukommen. Somit wäre zumindest die Definition der britischen Schimpansenforscherin Jane Goodall für den Werkzeuggebrauch von Tieren erfüllt, welche sie vor fast vierzig Jahren formulierte: Um ein unmittelbares Ziel zu erreichen, werden Objekte eingesetzt, die nicht Teil des eigenen Körpers sind. Ob die handwerkliche Begabung des Schwarzfleck-Zahnlippfisches die Wissenschaftler nun überzeugt hat oder nicht, sie streben jetzt alle eine systematische Untersuchung dieser eindrucksvollen Verhaltensweise bei Fischen an.

Coral Reefs 10.1007/s00338-011-0790-y, 2011

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