Riesenbäume: Die »himmlischen Schwerter« von Taiwan

Abhängen für die Forschung
Blauer Helm, gelbe Jacke – sehen Sie den Mann, der, mit Seilen gesichert, an einem Baumstamm hängt? Er gehört zum Team von Rebecca Chia-Chun Hsu. Seit 2014 erforscht die Gruppe die steilen Hänge in Taiwans Gebirgsketten auf der Suche nach Riesenbäumen. Dabei hat die Forstökologin vom Taiwan Forestry Research Institute in Taipeh gemeinsam mit Kollegen und Citizen Scientists auch den bisher höchsten bekannten Baum Taiwans ausfindig gemacht: 84,1 Meter ragt die Taiwanie (Taiwania cryptomerioides) im Norden der Insel auf; den Fachleuten zufolge ist es der höchste Baum Ostasiens.
Der Fund gelang bereits 2023. Bis Anfang 2026 hat das Team nun insgesamt zehn Taiwanien vermessen, die mehr als 70 Meter hoch sind. Zwei davon ragen sogar mehr als 80 Meter in die Höhe, berichten die Fachleute in der Zeitschrift »Frontiers in Forests and Global Change«. Zudem dokumentierten sie im Süden Taiwans auf einem Hektar Fläche elf über 65 Meter hohe Bäume. Anderswo fanden sie einen Wald mit etwa 30 Giganten.
Taiwan ist eine Schatzkammer riesiger Bäume. Das liegt an der Topografie der Insel: Auf etwa zwei Dritteln des Landes erhebt sich Gebirge mit insgesamt 258 Dreitausendern. Der höchste Gipfel, Yushan (»Jadeberg«), ist fast 4000 Meter hoch. An den Steilhängen der Berge wachsen Riesenbäume, die schwer zu erreichen sind – die Fachleute stiegen teils tagelang unter großen Anstrengungen zu den Wäldern auf. In der Abgeschiedenheit blieben die Nadelbäume aber auch von großflächigem Holzeinschlag verschont.
Das Team um Hsu fand die Riesen mithilfe von Lidar-Scans (kurz für »Light Detection and Ranging«). Dabei sendet ein Fluggerät millionenfach Laserstrahlen aus. Die meisten Lichtimpulse prallen an der Vegetation ab, es dringen jedoch genügend bis zum Boden durch. Aus den reflektierten Laserstrahlen wird ein dreidimensionales Profil der Landschaft berechnet. Allerdings hatten die Daten, die Hsu und ihr Team auswerteten, ihre Tücken: Der Algorithmus berechnete die allermeisten Kandidaten ungenau, weil die steile Umgebung die Messungen verfälschte. Eine Heerschar von Bürgerwissenschaftlern sichtete daher die Scans, und am Ende pickten die Forscher aus den Daten 941 Bäume heraus, die mehr als 65 Meter hoch gewachsen seien. Den höchsten unter ihnen taufte man das »Himmlische Schwert am Da’an Fluss«.
Laut chinesischen Wissenschaftlern wächst der höchste Baum Asiens in Tibet: Im Mai 2023 vermeldeten sie den Fund einer über 102 Meter hohen Himalaja-Zypresse (Cupressus torulosa) in den Dihangschluchten. Höher sei nur die Art des Küstenmammutbaums (Sequoia sempervirens): Die »Guinness World Records« listen ein Exemplar mit Spitznamen »Hyperion« im nordkalifornischen Redwood National Park als höchsten lebenden Baum weltweit mit gut 116 Metern.
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