Fleischfressende Pflanze: Unscheinbar, aber tödlich

Klebrige Falle
Sie sieht harmlos aus, kleine Insekten sollten sich ihr aber besser nicht nähern. Sonst werden sie von Saxifraga candelabrum, einer Blütenpflanze aus der Familie der Steinbrechgewächse, aufgefressen.
Fleischfressende Pflanzen kommen in mehreren botanischen Familien vor; diese Fähigkeit ist in der Evolution mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Am bekanntesten sind wohl die Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) und der Sonnentau (Drosera), die mit ihrem Fangapparat beziehungsweise ihren klebrigen Blättern Insekten festhalten und anschließend verdauen, um so ihren Stickstoffbedarf zu decken. Da einige Arten der Gattung Saxifraga in kargen Hochgebirgsregionen gedeihen, hatte schon Charles Darwin (1809–1882) vermutet, dass manche Vertreter ihren Stickstoffbedarf mit fleischlicher Kost decken. Ein Nachweis blieb jedoch bislang aus.
Um als fleischfressende Pflanze zu gelten, muss das Gewächs bestimmte Kriterien erfüllen: Es sollte in der Lage sein, Insekten anzulocken, diese einzufangen, dann die Beute zu verdauen und schließlich die daraus extrahierten Nährstoffe aufzunehmen. Diese vier Kategorien überprüfte das Team um den Botaniker Hang Sun von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Kunming bei Saxifraga candelabrum, die im Hochland von Tibet vorkommt.
Bereits bekannt war, dass auf den Blättern des Krauts klebrige Drüsenhaare sitzen, an denen mitunter Insekten haften bleiben. Die Tiere werden durch den Duft der Pflanze angelockt, wie ein kleines Experiment offenbarte: Versteckten die Forscher ihr Testgewächs unter Glas, blieben die Kerbtiere fern. Ein Fangapparat zum Anlocken und Festhalten ist also vorhanden.
Mithilfe von Fluoreszenzmarkierung konnten die Fachleute eine rege Aktivität des Verdauungsenzyms Phosphatase belegen. Und schließlich gaben die Wissenschaftler ihrem Versuchsobjekt Taufliegen zu fressen, die mit einem bestimmten Stickstoffisotop versehen waren. Tatsächlich ließ sich anschließend dieser Stickstoff in der Pflanze nachweisen. Saxifraga candelabrum kann demnach Nährstoffe aus ihrer Beute aufnehmen.
Eine Erbgutanalyse lieferte den letzten Beweis: Saxifraga candelabrum verfügt über Gene, die auch bei anderen fleischfressenden Pflanzen vorkommen. Charles Darwin hatte also recht.
Zhang, X.-J. et al., Nature Communications 10.1038/s41467-026-75288-y, 2026
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