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Alle mögen Honig

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Schon einige Male haben wir Spuren von Jägern und Sammlern im Wald gefunden: eine Reuse im Fluss, gefällte Bäume mit geplünderten Bienennestern, kleine Fußpfade an abgelegenen Orten, ein Jutesack mit Wurzeln, der im Unterholz verborgen liegt, eine Feuerstelle mit verkohlten Ästen. Manchmal hört man auch Axtschläge oder das Bellen von Hunden, die die Dörfler fast immer auf ihren Streifzügen durch den Wald begleiten.

Die Regenzeit lockt besonders viele Menschen aus Kirindy Village oder Mandroatsy in den Wald: Früchte sprießen, Tenreks laufen mit ihrem Nachwuchs umher, der Fluss ist voller Wasser. Besonders an den Wochenenden sind die Sammler aktiv, wissen sie doch, dass von Freitag bis Montag meist nur eine kleine Besetzung im Camp verbleibt. Zudem fahren alle Autos, die zwischen dem Camp und Morondava pendeln, durch Kirindy Village – es lässt sich also abzählen, wie viele Leute im Camp verbleiben. Momentan sind wir zu viert.

Vor einer Woche haben Jipa, Rémy und ich abgelegene Regionen im Wald vier Kilometer östlich des eigentlichen Untersuchungsgebietes besucht, wo sich eine Rotstirnmakigruppe den GPS-Halsband-Daten zu Folge über einige Wochen aufgehalten hat. Wir wollen Futterbäume bestimmen und ergründen, warum die Tiere ihr angestammtes Streifgebiet verlassen haben. Bei unserer kleinen Exkursion entdecken wir mehrere schmale Fußwege im Wald, eine Trasse für Zebukarren und eine brandgerodete Fläche, die vermutlich als Zebuweide dienen wird. Einmal bellen uns auch zwei Hunde aus dem Unterholz an, es riecht nach kräftigem madagassischen Tabak, und wir sehen gerade noch wie sich zwei Gestalten hinter den Büschen verstecken. Jipa hat Angst: "Lasst uns nur 'salama' sagen und weiter gehen! Vielleicht greifen sie uns an, wenn wir sie fragen, was sie hier machen oder sie sich bedrängt fühlen."

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Zebukarrentrasse | Immer wieder entdecken die Mitarbeiter illegale Aktivitäten im Wald. Doch viele Menschen gehen aus purer Not jagen oder Honig sammeln.
Als ich heute mitten in unserem Untersuchungsgebiet eine Makigruppe beobachte, wird es plötzlich ganz still, und alle Lemuren flüchten in die Baumkronen. Erst als ich mich fragend umsehe, erkenne ich den Grund: Zwei Hunde trotten mir auf dem Waldweg entgegen. Als sie auf fünf Meter heran sind, beginnen sie zu knurren und zu bellen. Mir wird mulmig, ich rede beruhigend auf die Tiere ein und ziehe dabei ein Taschenmesser aus meinem Rucksack: eine widersprüchliche Taktik, aber wer weiß, wie die Hunde reagieren werden? Ich sehe keinen Menschen, rufe aber ein kurzes, hohes "Huh" in den Wald – ein Ruf, der besonders weit trägt und hier als Standardkommunikation eingesetzt wird, um andere Leute im Wald zu lokalisieren.

Hinter mir huht es zurück. Ich erinnere mich an Jipas Worte und rufe ein möglichst fröhlich-entspanntes "Salama!" in die Richtung der Antwort. Nichts passiert. Ich warte still ab, während die Hunde mich anknurren. Plötzlich sehe ich auf dem Weg hinter mir, halb verdeckt von Büschen, einen Mann, barfuß, mit einer kleinen Hacke über der Schulter. Nochmal bringe ich ein aufmunterndes "Salama!" zustande, da macht der Mann kehrt und sprintet panisch davon. Mir hämmert das Herz gegen den Brustkorb – ist das jetzt eine Situation zum Fürchten oder nicht? Vorsichtig gehe ich in die andere Richtung. Die Hunde folgen mir noch knurrend für dreißig Meter, dann laufen sie dem Madagassen hinterher. Es kracht im Unterholz, vielleicht hundertfünfzig Meter entfernt höre ich "Huhs" aus drei verschiedenen Richtungen – es sind also noch mehrere Menschen im Wald. Ich warte, bis die Stimmen leiser werden und gehe dann in einem Bogen zurück zu meinem am Waldrand geparkten Fahrrad, um den Madagassen genug Zeit zum geordneten Rückzug zu lassen.

Zurück im Camp erzähle ich von meiner Begegnung. "Ich habe auch Angst, wenn ich fremde Leute im Wald treffe", sagt Nana (Angelina), Touristenführerin beim C.F.P.F., "man weiß nicht, wie sie reagieren. Aber ich denke, sie haben noch mehr Angst vor uns, besonders vor Weißen. Sie denken, wir haben Gewehre und werden sie gewaltsam aus dem Wald vertreiben." – "Keiner soll hier irgendwie bedroht werden", erwidere ich. "Man muss mit den Dörflern ins Gespräch kommen, unsere biologische Arbeit hier erklären und gleichzeitig die Infrastruktur der Dörfer verbessern, so wie die Naturschutzorganisation Durrell das in Marofandilia und Akaivo macht. Das Primatenzentrum will sich auch stärker für so etwas engagieren."

Wer könnte nicht verstehen, dass diese aus unwahrscheinlich armen Dörfern kommenden Menschen im Wald nach Essbarem suchen oder nach Dingen, die sie auf dem Markt verkaufen können? Jeder würde in vergleichbarer Situation so handeln. Nana gibt meinen Gedanken Ausdruck, als sie lakonisch bemerkt: "Ich esse gerne Honig, die Menschen in Kirindy Village auch."

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