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Betreff: Mitsangatsangana (madagassisch für Reisen)

Lennart Pyritz
Die Reise begann – und endete beinahe – mit einem Postrad. Zwar ist es schon im Ruhestand und stammt vom Flohmarkt, strahlt aber mit seiner gelben Signalfarbe noch immer Zuverlässigkeit aus.

Doch diese Zuverlässigkeit scheint genau wie Felgen und Rahmen im Laufe der Zeit etwas gelitten zu haben. Denn als ich schwer berucksackt durch das morgennebelige Göttingen zum Bahnhof radelte, sprang ein gutes Stück vor dem Ziel die Kette ab. Zugegebenerweise zu spät von zu Hause gestartet, geriet meine optimistische Zeitplanung durch diesen Zwischenfall vollends aus den Fugen, und ich begann zu rennen. Als ich schließlich gleichzeitig mit und ähnlich schnaufend wie der ICE auf dem Bahnsteig ankam, empfing mich mein Reisegefährte Matze mit einem kopfschüttelnden Lächeln: "Du kommst ja doch noch!"

So gestaltete sich bereits der erste Tag der Reise, die uns beide zwecks Vorstudie für eine verhaltensbiologische Doktorarbeit nach Madagaskar führen sollte, abenteuerlich. Unsere Studienobjekte, die wir besuchen wollen, sind Halbaffen, jene Nachkommen des am höchsten entwickelten gemeinsamen Vorfahren von Menschenaffen und Mensch. Früher weit verbreitet, schrumpften die Lemurenvorkommen mit dem Erscheinen der höher entwickelten, konkurrenzstärkeren Primaten, bis schließlich die Insel Madagaskar als eine Art Halbaffen-Arche übrig blieb. Matze würde im Nordwesten mit Riesenmausmakis (Mirza zaza) arbeiten, ich hatte mir vorgenommen, Rotstirnmakis (Eulemur fulvus rufus) im westmadagassischen Kirindy-Wald zu beobachten, wo das in Göttingen ansässige Deutsche Primatenzentrum (DPZ) seit vielen Jahren eine Feldstation unterhält.

Doch bevor wir afrikanischen Boden betreten konnten, blieb uns noch ein Tag Zwischenstop in Paris. Der Weiterflug in die madagassische Hauptstadt Antananarivo – kurz Tana – (übersetzt "Die Stadt der 1000" nach einem bei der Stadtgründung stationierten tausendköpfigen Heer) war erst am nächsten Tag möglich.

Dass unsere Reise mit einem Stopp in Frankreich begann, korrespondiert gut mit der Geschichte unseres Reiseziels, denn Madagaskar war ab 1883 für lange Zeit eine französische Kolonie. Erst vor knapp fünfzig Jahren erlangte die Insel unter Präsident Philibert Tsiranana seine volle Unabhängigkeit wieder. Ursprünglich wurde Madagaskar vor etwa 2000 Jahren von Indonesien und Malaysia aus besiedelt. Später folgten Einwanderungswellen aus Schwarzafrika und arabischen Ländern. Die Europäer waren also nur die vorerst letzten in einer langen und vielfältigen Besiedlungsgeschichte.

Unser erster Abend in Paris endete mit einer Einsicht. Einquartiert in einem billigen, weit vom Rollfeld entfernten Hotel, hatten wir uns gefragt, warum es im Namen "Charles-de-Gaulle-Flughafenhotel" hieß. Nachts fanden wir die Antwort: Es lag zumindest direkt in der Einflugschneise, sodass wir zum Einschlafen Jumbos zählen konnten.

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