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Die Wahl der Qual

Diese Woche hat die australische Regierung Neuwahlen für das Parlament angesetzt. Termin ist der 24. November. Die Meinungsumfragen sagten zunächst eine komfortable Mehrheit für Herausforderer Kevin Rudd und seine Labour Party voraus. Der seit elf Jahren regierende John Howard mit seinen Liberalen (die eigentlich Konservative sind) schien keine Chance auf Wiederwahl zu haben.

Aber Howard hat noch ein paar Asse im Ärmel: Steuererleichterungen in Höhe von rund 20 Milliarden Euro und die Anerkennung des Unrechts an den australischen Ureinwohnern brachten den Vorsprung für Labour zuletzt ins Rutschen. Klar, dass die Zeitungen jetzt nur noch über den Wahlkampf berichten.

Interessant ist, was die Wochen zuvor die Schlagzeilen beherrscht hat: climate change. Da wurde zum Beispiel auf einer halben Zeitungsseite darüber spekuliert, welchen carbon footprint (CO2-Ausstoß) die neuen Schuhe von Topmodel Gisele Bündchen verursachen. Denn seit etwa zwei Jahren sind die Australier dem Klimaänderungstreibhauskohlendioxideinsparwahn verfallen.

Überall wird für den Walk-to-work-day geworben, an dem man ohne Auto zur Arbeit kommen soll, was ich sehr sinnvoll finde, aber offenbar nicht die Australier, die angesichts riesiger Distanzen auf Auto und Flugzeug nicht verzichten wollen oder können. Immerhin muss man anerkennen, dass die Australier mit ihren enormen Problemen der Wasserknappheit und der Abhängigkeit vom Meer den Ernst der Lage begriffen haben. Klimamodelle sagen voraus, dass es in Australien je nach Region in diesem Jahrhundert bis zu fünf Grad wärmer werden könnte. In der Großstadt Darwin im Norden des Kontinents gäbe es dann weniger als einen Monat pro Jahr, in dem die Temperatur unter 30 Grad Celsius bliebe.

Wärme entweicht durch papierdünne Fenster

Die Konsequenzen, die daraus gezogen werden, erscheinen aus der Perspektive von uns Europäern allerdings eher als Symbolaktionen. So gibt es hier zwar mehr Energiesparbirnen als bei uns, gleichzeitig haben die Häuser aber papierdünne Fenster, durch die Wärme aus ineffizienten Elektroheizungen ungehindert verpufft. Da haben die Aussies noch einigen Lernbedarf.

Immerhin hat auch Premier Howard, der den Klimawandel bis vor kurzem geleugnet hat, erkannt, dass climate change ein politisches Thema geworden ist. Doch wie sein enger politischer Freund George W. Bush hat er sich bisher geweigert, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Dieses Thema scheint sich aber bald zu erledigen: Zeitungen berichten, dass die Industrie – sonst immer Bremsklotz – hinter den Kulissen bereits an Regeln für den Handel von CO2-Zertifikaten arbeitet. Ab 2010 oder 2011 dürfte es dann auch Emissionshandel in Australien geben und zwar unabhängig davon, wer die nächste Regierung stellt.

Und ich werde jetzt einen Pullover anziehen, weil sich die Klimaanlage in meinem viel zu kalten Büro nicht abstellen lässt.

Bernd Müller
Der Wissenschaftsjournalist Bernd Müller recherchiert derzeit in Australien.

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