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Durchs Ölpalmenmeer

Ölpalmmonotonie
Sara Leonhardt ist Biologin aus Würzburg. Auf Borneo erforscht sie das Leben Harz sammelnder stachelloser Bienen und berichtet für spektrumdirekt aus dem Alltag einer Tropenökologin.

Mein Zuhause für die nächsten Wochen und Monate – zwei Feldstationen – liegt im Südosten Sabahs. Um von Kota Kinabalu auf die andere Seite Borneos zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Fliegen oder Bus fahren, für das sich meine Praktikantin und ich mich letztlich entschieden. Somit kletterten wir an einem frühen Morgen aus dem Taxi, das uns zur etwa 15 Kilometer außerhalb gelegenen "zentralen Busstation" gebracht hatte. Fünf Sekunden später durften wir auch schon unserem Gepäck hinterherjagen, das sich in alle Richtungen zu verteilen drohte: Jede der zehn ansässigen Busgesellschaften wollte die beiden Orang puti (Weißen) in ihr Gefährt locken.

Ich vermied eine ernsthaft drohende Schlägerei sowie den Verlust unserer Reiserucksäcke und meiner Forschungsunterlagen nur, indem ich den Namen der erstbesten Busgesellschaft nannte, die mir in den Kopf kam. Ein bis über beide Ohren grinsender junger Malaie blieb zurück und der Rest der zankenden Herren zog schmollend von dannen, während ich den Taxifahrer bezahlte – er hatte das Treiben teilnahmslos verfolgt. So fuhren wir mit dem SIDA-Express.

Ölpalmen | Palmöl für Agrarkraftstoffe gehört zu Malaysias Exportschlagern. Die Landbevölkerung und die Natur bleiben da häufig auf der Strecke.
Ich warf noch einen kurzen Blick auf das nicht vorhandene Reifenprofil unseres Gefährts, dann ging es los. Der erste Teil der Fahrt ließ mich einmal mehr erstaunt feststellen, wie weitläufig Kota Kinabalu und seine Vorstädte derweil geworden sind – Wald sucht man hier vergebens. Erste Stücke eines ausgefransten Sekundärwaldes tauchen erst mit dem Beginn des Mount Kinabalu Nationalparks auf, doch auch hier kann man noch nicht von einem gesunden Ökosystem sprechen. Das wächst erst an den Hängen des majestätisch vor uns aufragenden 4095 Meter hohen Gunung (Berg) Kinabalu, dessen Pflanzenvielfalt allein sich schon mit der Flora ganz Europas messen kann.

Im Februar 2005 hatte ich es gewagt, den höchsten – und noch immer wachsenden – Berg Borneos zu besteigen. Der Blick von seinem Gipfel tröstete über den fünf Tage lang währenden Muskelkater ebenso hinweg wie über die Schmach, beim Aufstieg permanent von kleinen Gruppen munterer Chinesinnen in den Mittfünfzigern überholt worden zu sein. Heute schaue ich mir den Berg lieber von unten an.

Nach zwei bis drei Stunden Fahrt lässt man schließlich Berg und Hochland hinter sich zurück – sehr zur Freude der meisten Malaien im Bus, deren Mägen die rasante Fahrerei um Haarnadelkurven eher schlecht bekommen ist. Von nun an geht es geradeaus, durch die monotone Welt der Ölpalmplantagen, in die sich nur gelegentlich die eine oder andere exotische Pflanzenart noch verirrt. Soweit das Auge reicht dominiert aber die Palme, die Malaysias jungen Wohlstand zu einem großen Teil mitbegründet und eigentlich aus Afrika stammt. Die gigantischen Monokulturen lassen daran zweifeln, dass Malaysia überhaupt noch natürlichen Wald zur Verfügung hat, den es in weitere Plantagen umwandeln kann.

Der aufkommende Biosprit-Boom findet aber auch die letzten noch nicht geschützten Waldgebiete in diesem an Urwald mittlerweile schon sehr armen Land. Unser Bus passiert denn auch bei seinen nicht immer risikolosen Überholmanövern entweder mit Palmenfrüchten oder mit Palmöl beladene Laster. Ab und zu entdeckt man aber am Straßenrand noch etwas anderes: Bananen – und Menschen, die die Früchte für wenige Ringgit zu verkaufen versuchen.Zu ihnen scheint der Biospritreichtum noch nicht vorgedrungen zu sein, denn sie haben noch immer einen bunten Obstgarten für kleine Geschäfte um ihr kleines, hölzernes, auf Stelzen gebautes Haus. Während mich die Ölpalmmonotonie langsam in den Schlaf lullt, drängt sich mir ein Verdacht auf: Bald könnte es in Malaysia weder diese Menschen noch ungeschützten Primärwälder mehr geben.

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