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Ein kleines Häuflein aufrechter Mülltrenner

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Eigentlich ist es eine pfiffige Idee: Roboter müssen ja nicht immer nur Fußball spielen, sondern sollten zu vielen anderen Dingen fähig sein. Und deswegen gibt es neben der großen Roboter-Fußballweltmeisterschaft "Robocup", auf der sich Jahr für Jahr dieselben Konstruktionsteams mit immer raffinierteren Apparaten auszutricksen versuchen (Spektrum der Wissenschaft 8/2006, S. 76, siehe Link auf der linken Seite), den Wettbewerb "Eurobot" auf europäischer Ebene, in dem jedes Jahr eine neue Aufgabe gestellt wird. Damit sollen neben den "alten Hasen" auch Anfänger eine reelle Chance bekommen: Erfahrung aus den letzten Jahren ist nicht der alles entscheidende Vorsprung.

Dieses Jahr lässt das Thema das Herz jedes Umweltbewussten höher schlagen: Es geht um Mülltrennung. Auf einer Art Billardtisch sind Dosen, Flaschen und Batterien sorgfältig zufällig verteilt. Die Roboter sollen Dosen und Flaschen sortenrichtig in Behälter am Rand des Tischs einwerfen und die Batterien in ein Schälchen auf dem Tisch legen. Damit es nicht zu schwer ist, tragen die Gegenstände breite farbige Bauchbinden. Je zwei Maschinchen treten gegeneinander an; gewonnen hat, wer innerhalb von 90 Sekunden die meisten Gegenstände an die richtige Stelle befördert.

Um diese Aufgabe zu bewältigen, muss ein Roboter sehen, sich auf dem Tisch orientieren, sich bewegen, greifen und wieder loslassen können – für jedes Kind ein Kinderspiel, für die Konstrukteure eine echte Herausforderung. Ein einsamer Heimtüftler hat da keine Chance. Die Mindestanforderung ist ungefähr eine engagierte Studierendengruppe aus dem Fachbereich Informatik plus ein Professor; der muss nicht unbedingt mittüfteln, aber die Sponsoren anbetteln, denn das Material ist nicht ganz billig.

Verschiedene Studentengruppen haben sich die kreativsten Lösungen einfallen lassen. Der Leipziger "Leobot" schiebt von rechts und links Schaufeln unter das Objekt seiner Begierde und erkennt mit Hilfe von in die Schaufeln eingelassen Leuchtdioden, was es ist, der Dresdner Kollege zieht es nicht unähnlich einer Straßenkehrmaschine mit rotierenden Bürsten in sich hinein, der Heidelberger Triops fährt drüber und hebt es sich mit einem gabelstaplerartigen Mechanismus in seinen Bauch, der für ziemlich viele Dosen auf einmal Platz bietet. "Maggie" tänzelt auf nur zwei Rädern elegant durch die Gegend und transportiert den Müll auf ihren ausgestreckten Armen.

Neben dem liebevoll zurechtgesägten Aluminiumchassis entdecke ich kleine Plastikteile mit kreisrunden Noppen, die mich stark an die Legosteine aus dem Kinderzimmer erinnern. "Das ist Lego", erläutern die Konstrukteure aus dem Heidelberger Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen. Die Spielzeugfirma bietet neben den bekannten Klötzchen allerlei Rohmaterial für den Roboterbau feil.

Gegen dieses Feuerwerk an Kreativität und wissenschaftlicher Arbeit stimmt der Ablauf der deutschen Endausscheidung des Wettbewerbs am vergangenen Samstag in Heidelberg eher traurig. Mangels ernstzunehmender Pressearbeit sind die Erbauer weit gehend unter sich. Von den sieben angemeldeten Teams dürfen nur vier antreten, weil die anderen die Qualifikationstests nicht bestehen. Da jedes Land drei Mannschaften zur Endausscheidung entsenden darf, geht es nur noch darum, den einen Verlierer zu bestimmen, der nicht mitfahren darf.

Und selbst das entpuppt sich als sehr mühsam. Nur zu häufig verkeilen sich die beiden Roboter ineinander, bevor sie eine Dose auch nur zu fassen bekommen haben, und kommen bis zum Ende aus dieser Umarmung nicht los. Es ist zwar vorgeschrieben, dass in die Geräte eine Kollisionsvermeidung eingebaut ist, aber offensichtlich versagt die entsprechende Software ebenso häufig wie die anderen Teile der Programmierung. Nachdem bei einer solchen Begegnung der eine Roboter dem anderen eine Fotozelle beschädigt hat, tappt der halbblind in der Gegend umher. Auch ohne solche Verletzungen verfällt ein anderer in meditatives Nichtstun; ein dritter fährt zielgerichtet zu einer Stelle, die nicht der Sammelbehälter ist, und bemüht sich redlich, eine Dose aus seinem Inneren zu entfernen – aber da ist gar keine Dose drin. Nach vollbrachtem Einsammelakt senkt Leobot seine Schaufeln; da aber eine Dose daruntergerollt ist, hebt er mit den eigenen Schaufeln seine Vorderräder vom Boden und macht sich dadurch bewegungsunfähig.

Als nach quälend langem Hin und Her die erste Dose fällt, brandet großer Beifall auf. Viel mehr Müllsortierung findet nicht statt: Beide Halbfinalspiele und das Endspiel gehen 0:0 aus und müssen wiederholt werden. Nachdem auch in der Verlängerung keine Entscheidung fällt, wird der Sieger mit einer dafür vorgesehenen Hilfsregel aus den Punktzahlen der Vorrunden bestimmt.

Wodurch kommt diese enttäuschende Bilanz zu Stande? Vielleicht war die unscheinbar anmutende Aufgabe doch zu schwer. Oder es ist ein Diaspora-Effekt zu beobachten: Der Wettbewerb stammt ursprünglich aus Frankreich, feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen und hat sich erst in den letzten Jahren zögerlich auf Europa ausgebreitet. Ein knappes Dutzend europäischer Länder meldet in den nationalen Ausscheidungskämpfen einstellige oder geringfügig höhere Teilnehmerzahlen, Frankreich selbst aber 160! In diesen Tagen (16. bis 20. Mai) findet in La Ferté-Bernard südwestlich von Paris die Endausscheidung statt. Vielleicht ist die Kunst des Roboterbaus im Mutterland des Wettbewerbs so weit entwickelt, dass dort die Aufgabe vom Schwierigkeitsgrad her eigentlich angemessen ist und nur die ausländischen "Außenseiter" nicht mithalten können.

Am Rande des Wettbewerbs macht ein anmutiges, annähernd gorillaförmiges Blechmännchen mit riesengroßen rechteckigen Blechfüßen und Zangenfingern seine Geh- und Greifübungen: das Werk einer Gruppe von der gastgebenden SRH-Fachhochschhule Heidelberg. Aber zum Dosensammeln tritt es gar nicht erst an: Die Konstrukteure sind mit der Programmierung nicht weit genug gekommen. Das ist wenig erstaunlich. Stehen und Gehen ist für einen Roboter etwas vom Schwersten; auch die viel professioneller gebauten Kollegen aus der Fußballliga haben damit noch enorme Probleme.

Christoph Pöppe

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