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Im Kopf des Psychopathen

Psychopathen mangelt es an Mitgefühl, Furcht und Moralempfinden – und ihre Gehirne zeigen eine Reihe von "Anomalien", wie das Magazin Gehirn&Geist in seiner neuen Ausgabe (7-8/ 2009) berichtet.
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Im Rahmen eines weltweit einmaligen Forschungsprojekts untersuchte der Neuropsychologe Kent Kiehl von der University of Mexico mit einem mobilen Hirnscanner Häftlinge mit psychopathischer Persönlichkeit in mehreren Gefängnissen. Laut Kents Ergebnissen sind vor allem der präfrontalen Kortex sowie Teile des Schläfenlappens bei psychopathischen Straftätern im Durchschnitt verkleinert oder weniger aktiv. Diese Hirnregionen sind am Erlernen von Furchtreaktionen sowie am Moral- und Mitgefühl beteiligt.

Aber kann man anhand eines Hirnscans auf die Gefährlichkeit eines Psychopathen schließen? "Eine naive Hoffnung", nennt das der Psychiater Henning Saß vom Universitätsklinikum Aachen. "Entscheidend ist nicht die Biologie, sondern wie sich diese auf das Erleben und Verhalten des Einzelnen auswirkt." Ob jemand erneut kriminell werde, lasse sich deshalb nicht verlässlich anhand neurobiologischer Marker vorhersagen.

Defekte im Laden...
Defekte im "paralimbischen" System | Psychopathen weisen eine Reihe von Hirnanomalien auf. Vor allem "paralimbische", also mit dem limbischen System verschaltete Gebiete sind betroffen. Eine geringere Aktivität deutet darauf hin, dass Moralempfinden, Emotionsverarbeitung und Verhaltenskontrolle auch auf neurobiologischer Ebene gestört sind.
Forscher entdeckten auch verschieden Erbfaktoren, die antisoziales Verhalten fördern können – darunter eine Variante des Gens MAO-A. Offenbar hängt es mit den beobachteten Anomalien im präfrontalen Kortex und in der Amygdala zusammen, wirkt sich aber nur dann auf das Verhalten aus, wenn traumatische Kindheitserlebnisse hinzukommen.

Psychopathie gilt Forschern als Spezialfall der antisozialen Persönlichkeitsstörung. Rund jeder vierte inhaftierte Straftäter erfüllt deren Diagnosekriterien. Psychopathen gelten in aller Regel als schuldfähig; nur in wenigen Fällen, etwa wenn weiterer Störungen vorliegen, sieht man sie als vermindert schuldfähig an. "Unser Rechtssystem mutet diesen Menschen zu, dass sie sich beherrschen und die Gesetze einhalten", erklärt Saß gegenüber Gehirn&Geist. Die Behandlung von Psychopathen solle am besten verhaltenstherapeutisch ausgerichtet sein.

Es geht darum, alternative Wege zum Umgang mit aggressiven Impulsen einüben und Empathie zu fördern – zum Beispiel, indem man Straftäter ihre Taten aus der Opferperspektive nacherleben lasse. Rückfälle lassen sich auch vorbeugen, indem man Straftäter nach der Haft bei der Resozialisierung unterstützt: etwa durch einen Sozialarbeiter als Ansprechpartner, Unterstützung bei der Arbeitssuche oder Schuldnerberatung.

Über Gehirn&Geist:
Gehirn&Geist ist das Magazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft. Es erscheint seit 2002, mittlerweile in 10 Ausgaben pro Jahr. Fundiert und allgemein verständlich berichten Wissenschaftler und Fachjournalisten in Gehirn&Geist über die Welt im Kopf. Schwerpunkte liegen dabei auf Psyche und Verhalten, Wahrnehmung und Bewusstsein, Intelligenz und Kreativität, Gefühle und Gedächtnis. Neue Erkenntnisse und Trends in der Psychotherapie und Medizin gehören ebenso dazu wie gehirngerechtes Lernen, Kindererziehung, Coaching und gesellschaftliche Debatten. Daneben informieren spezielle Sonderhefte ausführlich über Einzelthemen.

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Juli/August 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Juli/August 2009

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