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Laudatio auf Lars Fischer

Gehalten von Beatrice Lugger, Wissenschaftjournalistin,
aus Anlass der SciLogs-Preisverleihung 2010.


Zu dem Mann, den und dessen Blog ich hier belobigen will, müsste ich eigentlich gar nichts sagen. Es würde genügen, seinen Namen zu nennen und ihr alle würdet den Kopf nickend mit mir übereinstimmen, dass er und sein Blog wirklich herausragend sind.
Aber so leicht kann ich es mir natürlich nicht machen und so will ich erzählen, wann und wo ich das Blog und schließlich ihn kennengelernt habe. Es war vor ziemlich genau drei Jahren, als ich gebeten wurde für Hubert Burda Media die deutschen ScienceBlogs aufzubauen.
Fortan habe ich mit noch mehr Interesse Blogs gelesen und speziell wissenschaftliche Blogs verfolgt. Dabei blieb ich ziemlich bald an einem Blog hängen, das mir durch seine Präzision und Geschwindigkeit in der Themenumsetzung auffiel, während der Blogger sich zugleich die Zeit nahm, sprachlich verständlich, erklärend, ja aufklärend zu wirken.
Es war zu großen Teilen ein Chemieblog und ich als Chemikerin fragte mich des Öfteren, weil hier Forschungsergebnisse so beeindruckend schnell und exakt zugleich thematisiert wurden, ob mein Studium einfach schon so lange her ist , mein Hirn ein Sieb ist, oder dieser Blogger einfach so extrem intelligent und am Puls der Zeit.

Langer Rede kurzer Sinn: Er zählte zu meinen Topfavoriten. Ich habe ihn eingeladen. Und er kam und war genauso kritisch und schlau, wie erwartet. ... und blieb distanziert. Egal welche Köder ich auswarf, wieder und wieder, dieser Fisch wollte einfach nicht anbeißen.
Ich spreche natürlich über den geschätzten Lars Fischer und sein Fischblog. Ich muss schon sagen. Hut ab, wie ihr ihn langsam eingefangen habt. Zunächst als Mann im Hintergrund für die SciLogs. Bis er im vergangenen Sommer tatsächlich mit seinem Blog zu euren WissensLogs gezogen ist.

Lars ist ein Top-Blogger. Er setzt Themen und bleibt an ihnen dran. Er ist authentisch, äußert seine Meinung, hat Haltung. Er greift aktuelle Forschungsthemen auf, ist ein Richtigsteller, wenn andere nicht präzise sind, er sorgt sich um den Wissenschaftsstandort Deutschland und vieles mehr. Mir imponiert seine Art, dies zu tun. Da hatte ich bei der Lindauer Nobelpreisträgertagung, während der Lars unter anderem ein schönes Interview mit Ryoji Noyori führte, ein kleines Panel zum Thema Open Access geladen. Und was macht Lars sofort daraus? Er startet eine Online-Petition für Open Access wissenschaftlicher Publikationen an den deutschen Bundestag. Mit Stand von gestern hat diese Petition bislang 23631 Unterzeichner gefunden.

Sein Spektrum hat Lars längst deutlich erweitert. Die Chemie macht nur mehr einen Teil seiner Blogbeiträge aus. Er begleitet die Messenger auf ihrer Umlaufbahn um den Merkur, sorgt sich um mögliche Manipulationen in der Pharmaforschung , schreibt über die Grippe und das Wetter oder greift etwa im Sommer 2009 ein Thema auf, weil, so denke ich, er darüber stolpert und sich einfach Luft verschaffen muss, wenn Marketing für Wissenschaft ohne Wissenschaft läuft.
Am 24. August titelte Lars wunderbar: Konstanz – die Stadt am Formaldehyd? Auf großen Werbeplakaten sollte für den innovativen Wissenschafts- und Forschungsstandort Konstanz geworben werden. Doch die Darstellung von Wasser geriet den Werbern zum chemischen Unsinn. Die vermeintlichen Wassermoleküle glichen eher Formaldehyd und keinesfalls Wasser. Grausig – und zu recht von Lars auf die Schippe genommen. Kopfschüttelnd fragte er sogar wohlwollend am Ende: "Kann mir vielleicht ein Konstanzer Leser kurz bestätigen, dass es sich nicht um einen Hoax handelt?"
Es ist nicht nur so, dass sein Thema anschließend von vielen Medien wie etwa dem Spiegel aufgegriffen wurden, Lars hat sich – und tut dies stets – den Kommentaren – auch denjenigen des verantwortlichen Konstanzer Marketingschefs – gestellt, der vor allem grafische Gründe anführte. Lars erwiderte u.a.: "Ich habe ja volles Verständnis dafür, dass ein Grafiker zuerst einmal die ästhetische Qualität im Blick hat und da gegebenenfalls auch mal an der Realität herumschrauben muss. Aber der Punkt ist doch, dass Wasser diese hexagonalen Strukturen (näherungsweise) tatsächlich bildet. D.h. man hätte so ein Bild auch bekommen können, wenn man die tatsächliche Struktur korrekt abgebildet hätte."

Das kennzeichnet Lars. Er gibt nicht einfach Statements ab. Er diskutiert, mag in die Mangel genommen werden und seine Meinung vertreten. Er weiß um polemisierende Themen, bleibt dabei aber durchaus nüchtern. Lars selbst stuft übrigens die Konstanzer Wassergeschichte als eher zweitklassig in seinem Blog ein. Zu recht. Und dennoch. Wenn keiner diese und andere Fehldarstellungen gerade rückt, bleiben sie. Natürlich bloggt Lars hauptsächlich zu aktuellen wissenschaftlichen Publikationen. Eines seiner Topthemen, die chemisches Evolution, möchte ich hier noch aufgreifen und dabei zeigen, wie sorgsam Lars bei solch heiklen Themen ist. Am 22. Februar diesen Jahres widmete er sich den: "Lebenskeime aus dem All und aus dem Labor?" Und er äußert gleich zu Beginn: "Unser Wissen über den Ursprung des Lebens ist derzeit noch so unvollständig, dass neue Erkenntnisse aus der chemischen Grundlagenforschung zu den treibenden Kräften der Forschung in diesem Bereich gehören. Stand der Dinge ist immer das, was gerade als möglich gilt – bis Chemiker die nächste spannende Reaktion oder neue Analyseverfahren auf die Bedingungen der probiotischen Erde anwenden und zuvor ungeahnte Potentiale entdecken."
Dieser Beitrag bringt in Zusammenhang, was die Weltraumforschung und die erdverhaftete Forschung zu den chemischen Grundlagen der für die Entstehung von Leben relevanten chemischen Verbindungen zu sagen hat. Lars endet fast philosophisch: "Ein plausibles Gesamtszenario für die Entstehung des Lebens ist erst dann in Reichweite, wenn die gesamte Bandbreite der chemischen Ausgangsbedingungen bekannt ist. Bis wir einen Blick auf das Schauspiel werfen können, muss erst das Bühnenbild freigelegt werden. Stück für Stück."

Enden möchte ich mit meiner Lobhudelei wiederum mit Worten von Lars mit denen er sein eigenes Blog bei den Wissenslogs umschreibt:
Wissenschaft erzeugt nicht nur Antworten, sondern vor allem offene Fragen. Der Leser hat das Recht, vom Autor an die Grenze seines Verständnisses geführt zu werden. Wer Wissenschaft verkürzt oder vereinfacht, betrügt den Leser um das Wissen um seine eigene Grenzen und den Reichtum der Welt. Wissenschaft ist die beste Unterhaltung. Wissenschaft ist immer politisch.

Ich kann nur sagen: Für mich ist Wissenschaft sehr gut aufgehoben in den Buchstaben und Posts von Lars in seinem Fischblog.

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