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Nach der Schlacht

2009 werden es genau zwei Jahrtausende sein, dass Varus und seine Legionen im Teutoburgerwald untergingen. Doch während sich Experten noch immer über den genauen Ort der Varusschlacht streiten, entsteht ein neues Betätigungsfeld für die Forscher. Im niedersächsischen Kalkriese, einem Favoriten in der Diskussion, etabliert sich eine noch junge Disziplin: die Schlachtfeldarchäologie. Der Archäologe und Autor Dirk Husemann hat die Grabungsstätte für epoc besucht.
In Kalkriese graben Archäologen erstmals einen antiken Kampfplatz in Europa aus. Daran gibt es keinen Zweifel. Seit Anfang der 1990er Jahre stoßen die Wissenschaftler in dem kleinen Ort im Osnabrücker Land auf Knochengruben mit eilig Verscharrten, mit Metall­fetzen römischer Rüstungen, Waffen und Münzen. Doch warf sich hier wirklich der Feldherr Varus in sein Schwert, wie manche meinen? Bislang fehlt der Beweis. Und es ist zu erwarten, dass – selbst wenn er erbracht wäre – Zweifel blieben, ist sich Joseph Rottmann, Geschäftsführer des Museums und Parks in Kalkriese, sicher: »Solange wir Varus nicht persönlich finden, können wir auch keinen Beweis erbringen, dass die drei Legionen hier untergegangen sind. Aber wir haben viele Indizien, und es werden mit jeder Grabungskampagne mehr.«

Mehr als 30 Quadratkilometer Gelände müssen untersucht werden, auf dieser Fläche zogen sich die Kämpfe beim heutigen Kalkriese hin. Gewiss ist, dass an diesem Ort kein Waffengang auf offenem Feld stattfand, sondern der Überfall auf eine Marschkolonne von mehreren Kilometern Länge. Erst als sich die Überraschten sammeln konnten, begann eine Schlacht, vielleicht die des Cheruskers Arminius gegen den Römer Varus im Jahr 9 n. Chr. Susanne Wilbers-Rost und Achim Rost von der archäologischen Abteilung des Museums Kalkriese interessieren sich sowohl für die Rekonstruktion des Ereignisses als auch für die neuen Möglichkeiten, die ihnen die Wissenschaft dafür an die Hand gibt.

Ob nun tatsächlich Varus’ Legionen an dieser Stelle ihrem Schicksal begegneten, ist für die Rosts Nebensache: »Die Frage, ob dieser Ort als Schauplatz der Varusschlacht identifiziert werden kann, hat andere, wichtigere Aspekte dieses Forschungsprojekts in den Hintergrund gedrängt.« Aspekte, welche die Historiker für weit aussagekräftiger halten als den Varus-Beweis: Das Ehepaar Rost rekonstruiert nicht das Sterben auf einem Schlachtfeld, sondern das Leben in dessen Umfeld.

Abdruck honorarfrei bei Quellenangabe: epoc, Oktober 2008
Ein Beleg wird erbeten.

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