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Schildkröten und Schulen

Madagassische Kinder
Heute ist Freitag, und wir haben Freigang. Doch diesmal fahren wir nicht direkt nach Morondava: Léon ist zur Einweihung einer Schule in dem winzigen Dorf Akaivo im Norden von Kirindy eingeladen, und Susanne und ich begleiten ihn.

Finanziert und geplant wurde der Bau der dortigen Schule durch den Durrell Wildlife Conservation Trust – eine britische Naturschutzorganisation mit Hauptsitz auf der Kanalinsel Jersey, deren namensgebender Gründer Gerald Durrell einigen vielleicht auch durch seine Abenteuerbücher über Expeditionen und Tierfänge in verschiedenen Urwäldern dieser Erde bekannt ist – ich erinnere mich, als Kind sein Buch "Ein Koffer voller Tiere" gelesen zu haben. In Morondava teilen sich das DPZ und der Durrell Trust ihre Büroräume, so kam es zur Einladung für Léon und uns.

Unser Ziel – Akaivo – liegt noch ein ganzes Stück nördlich von Belo sur Tsiribihina, einer kleinen Stadt nahe der Mündung des Flusses Tsiribihina, den wir nach eineinhalb Stunden Fahrt erreichen. Der Name "Tsiribihina" bedeutet soviel wie "Wo man nicht tauchen sollte" – wahrscheinlich wegen der im gemächlich dahin fließenden, braunen Wasser dümpelnden Krokodile.

Fähre über den Fluss Tsiribihina | Um den Fluss Tsiribihina zu überqueren, werden die Jeeps über wackelige Metallpritschen auf ein noch wackeligeres Boot manövriert. Einige der Schaulustigen wenden sich ab, sobald die Autos das sichere Ufer verlassen – sie wollen einen eventuellen Sturz ins Wasser nicht sehen.
Wir fahren mit Mitarbeitern von Durrell (unter anderem dem wissenschaftlichen Direktor für Madagaskar, Richard Lewis), dem C.F.P.F. und dem madagassischen Umweltministerium in einer Kolonne aus vier Jeeps, die vom Flussufer alle über zwei abenteuerliche und notdürftig befestigte Metallpritschen auf eine kleine Fähre mit dem ansprechenden Namen "Disco" manövriert werden. Am Ufer zwischen einigen ärmlichen Lehm- und Strohhütten tollt derweil übermütig eine Gruppe kleiner Mädchen herum, tanzt im Kreis, singt und will mit uns vazahas ("Fremden" – das Wort für alle hellhäutigen Besucher Madagaskars) fotografiert werden.

Madagassische Mädchen | In Belo belagert uns eine Gang kleiner Mädchen in zerlumpten Kleidern: Sie wollen Fotos mit uns zusammen machen und tollen übermütig um uns herum.
Auf der anderen Flussseite in Belo angekommen, gibt es erstmal ein kleines Mahl: Süßer, dickflüssiger Tee mit Brot, dann Reis mit gegrilltem Fisch – irgendwer berichtet, das es jetzt noch etwa drei Stunden Fahrzeit bis nach Akaivo seien. Die Straßen werden schmaler, die Schlaglöcher größer; das Tempo nimmt stetig ab. Ab und zu passieren wir kleine Dörfer: fünf oder sechs erdfarbene Hütten; Jungen, die mit einem Stock einen geflickten Reifen vor sich hertreiben, Mädchen mit langen geflochtenen Zöpfen; im Staub dösende Hunde.

Auf einem Markt in einem winzigen Ort stoppt die Kolonne nach drei Stunden erneut; wir sind die Attraktion des Jahres – zumindest nach den ungläubigen Blicken der Marktfrauen zu urteilen, die auf dem Boden vor kleinen Säcken mit Reis und Maniok sitzen. Wir haben uns verfahren; keiner ist sich des Weges sicher. Also rumpeln wir in unbestimmten Kurven durch die Grassavanne, bis wir schließlich auf eine schmale Erdpiste stoßen. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zwanzig Kilometern pro Stunde folgen wir dem Weg, der vollends von tiefen Erosionslöchern durchzogen und teils überflutet ist. Nach eineinhalb weiteren Stunden haben wir das Dorf fast erreicht; letzte Hürde ist ein schlammiger Abschnitt, den die Dorfbewohner für uns Besucher mit frisch gefällten, parallel in den Matsch gelegten Palmstämmen befestigt haben – einige der Hölzer glimmen noch, anscheinend wurde ihr Standort vor dem Abholzen brandgerodet.

Auf dem Weg nach Akaivo | Die Straßen nach Akaivo sind abenteuerlich: Teils sind die Pisten so stark erodiert, dass die Jeeps bedenkliche Schieflage haben. Teils führt der Weg durch flache Seen.
Schweißgebadet erreichen wir Akaivo: ein paar Hütten aus Lehm, einige frei laufende Schweine – und eine brandneue Schule aus Stein, die wie ein Ufo abseits auf einer staubigen Fläche thront. Vor dem Gebäude sitzen aufgereiht Jungen und Mädchen in bunten T-Shirts. Ein aufgespanntes, verblichenes Tuch beschattet einige Plastikstühle, auf denen die Ehrengäste – Richard Lewis und die Regionsabgeordnete des madagassischen Umweltministeriums – Platz nehmen. Ein Mann in einer Art roten Pfadfinderuniform (der Dorfpolizist, wie mir Léon zuflüstert) hisst die madagassische Fahne etwa zwei Meter hoch an einem in den Boden gerammten Baumstamm, dann beginnen die Reden: Der Bürgermeister Akaivos, Lewis, dann die Politikerin. Die Kinder starren gebannt auf die ungewohnte Versammlung.

Die neue Schule | Richard Lewis, wissenschaftlicher Direktor von Durrell in Madagaskar, hält eine Rede vor dem neuen Schulgebäude in Akaivo.
Später beim Essen in einer der Hütten frage ich Lewis nach den Details des Naturschutzprojektes von Durrell in Akaivo. Er erklärt mir, dass es in einem nahen See eine große Population der endemischen Großkopfschildkröte Erymnochelys madagascariensis gebe, die stark bedroht sei. Habe man ein besonders schützenswertes Gebiet lokalisiert, verfolge Durrell stets einen zweigleisigen Ansatz: Zunächst gebe es in Absprache mit den Bewohnern Richtlinien für Artenschutzprojekte in mehreren Kommunen der Gegend. Alle paar Monate werde dann die Einhaltung der Auflagen (wie Fangquoten) kontrolliert und die Fortschritte verglichen. Als "Preis" erhalte das ambitionierteste Dorf schließlich finanzielle Unterstützung, beispielsweise in Form einer neuen Schule. (In Akaivo wurde bislang im Schatten eines großen Baumes unterrichtet.)

Im Fall der Schildkröte haben die Bewohner von Akaivo eine Ruhezone für die Tiere im See eingerichtet (und berücksichtigt), in der sich die Population erholen kann. So werde ökologisches Engagement mit dem Aufbau der Infrastruktur gewürdigt – der einzige Ansatz, der Mensch und Tier gleichermaßen gerecht werde, so Lewis.

Nichts geht mehr | Auf dem Rückweg von Akaivo bleiben wir im Schlamm stecken. Umringt von schaulustigen Akaivorianern gelingt es schließlich, uns per Seilwinde mit einem anderen Jeep aus dem Morast zu befreien.
Der Rückweg wird zur Strapaze. Erst bleiben wir an der Stelle mit den Palmstämmen im Schlamm stecken. Ein Pulk schreiender Kinder ist sofort schaulustig zur Stelle. Unser Auto wird schließlich von einem anderen Jeep mit einer Seilwinde aus dem Morast gezogen. Um sechs Uhr ist es stockfinster, und unsere Kolonne rumpelt noch langsamer als auf der Hinfahrt dahin. Fix und fertig erreichen wir um vier Uhr morgens Morondava – eine ganz persönliche Erfahrung, wie weite Wege der Naturschutz manchmal gehen muss.

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