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Kommentar: Streit um LOHAFEX

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Polarstern | Das deutsche Forschungsschiff Polarstern ist derzeit auf dem Weg in Richtung des südwestlichen atlantischen Sektors des Südlichen Ozeans.
Es läuft nicht alles glatt mit LOHAFEX, dem derzeit größten Forschungsprojekt zur Eisendüngung des Ozeans. Zwar ist das deutsche Forschungsschiff Polarstern bereits am 7. Januar 2009 aus dem Hafen von Kapstadt ausgelaufen und befindet sich weiterhin auf Kurs in den Südpazifik. Dort sollen zwanzig Tonnen Eisensulfat auf einer Meeresfläche von dreihundert Quadratkilometer ausgebracht werden, um Phytoplankton zum Wachsen anzuregen. Dadurch wird Kohlendioxid gebunden und aus der Atmosphäre entfernt. Am vergangenen Dienstag teilte das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI), das LOHAFEX gemeinsam mit dem indischen National Institute of Oceanography durchführt, denn auch mit, dass die Fahrt der Polarstern bislang planmäßig verlaufe und im Einklang mit der UN-Konvention zur Biodiversität (Convention of Biodiversity, CBD) stünde.

Doch die Idee, den Ozean mit Eisensulfat zu düngen, ist so umstritten, dass sich das Bundesforschungsministerium (BMBF) in dieser Woche veranlasst sah, das Projekt auszusetzen. Das AWI, das nun keineswegs mehr im Plan ist, darf LOHAFEX erst dann durchführen, wenn weitere Gutachten zur Unbedenklichkeit des Experiments eingeholt sind.

Größenwahnsinniger Plan?

Die Umweltschützer der Aktionskonferenz Nordsee in Bremen wird das freuen. Auch sie hatten das Vorhaben kritisiert und es als "größenwahnsinnigen Plan" bezeichnet. Und am Mittwoch sagte ein Sprecher des Umweltministeriums der Nachrichtenagentur dpa: LOHAFEX "untergräbt Deutschlands Glaubwürdigkeit und Vorreiterrolle beim Klimaschutz. Es widerspricht den Bonner Beschlüssen der 9.  Vertragsstaatenkonferenz über die Biologische Vielfalt", also der genannten CBD.

Unter deutschem Vorsitz hatte die CBD im Mai 2008 einen Passus zur Ozeandüngung beschlossen, der von den Mitgliedsländern auch unterzeichnet wurde. Dem Moratorium zufolge soll die Ozeandüngung so lange untersagt bleiben, bis eine verlässliche Datengrundlage gewonnen sei und feste Regeln für den Einsatz des Verfahrens bestehen.

Das klingt zunächst plausibel. Natürlich muss festgelegt werden, wer wo wie stark und unter wessen Kontrolle düngen darf, bevor man den freien Markt auf unsere Meere loslässt. Immerhin sitzen Unternehmen wie KlimaFa oder die Ocean Nourishment Corporation schon in den Startlöchern, um mit der Technologie in den Emissionshandel einzusteigen.

Wo endet die Forschung, wo beginnt die Düngung in großem Stil?

Ebenfalls leuchtet ein, dass man Ozeandüngung in großem Stil erst dann zulassen will, wenn alle Folgen bekannt sind. Hier wird das Moratorium allerdings zweischneidig. Denn dafür müssen weitere Daten gesammelt werden, die CBD impliziert also auch einen Forschungsauftrag. Ob die Konvention dem geplanten Polarstern-Experiment wirklich entgegensteht, ist daher selbst bei Experten umstritten. Wo endet der Forschungsauftrag und wo beginnt die Düngung "in großem Stil"?

Kompliziert ist der Streit um LOHAFEX auch, weil er bei genauerem Hinsehen eher wie eine Privatfehde zwischen Umweltminister und Bundeskanzlerin wirkt. Sigmar Gabriel nämlich präsentierte sich auf der CBD 2008 als Umweltschützer und schrieb sich den neuen Passus zum Düngeverbot als Verhandlungserfolg auf die Fahnen. Angela Merkel wiederum wohnte während ihrer Indienreise der Unterzeichnung der Projektverträge in Neu Delhi bei und ließ sich bei dieser Gelegenheit für ihre exzellente Forschungspolitik auf die Schulter klopfen.

Und irgendwo zwischen Minister und Kanzlerin hat sich nun auch noch das BMBF aufgestellt. Allerdings lässt es beide Parteien ihr Gesicht wahren: Es gebietet den Forschern zwar Einhalt, wird sie aber am Ende nicht an ihrem Experiment hindern. Denn dass die geforderten Gutachten positiv ausfallen werden, daran zweifelt eigentlich niemand.

Gefährlich oder nicht?

Bleibt noch die eigentliche Frage: Ist das Experiment wirklich gefährlich? Zwanzig Tonnen Eisen klingen nach viel, sollten uns aber nicht gleich zahlenblind machen. Denn verteilt auf 300 Quadratkilometer ergibt sich ein Wert von lediglich 0,07 Gramm Eisensulfat pro Quadratmeter. Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich das Material nur bis in zehn Meter Tiefe verteilt, kommt man so auf gerade einmal 7 Milligramm pro Kubikmeter. Das ist kaum mehr als die natürliche Konzentration von Uran im Meerwasser, die etwa drei Milligramm pro Kubikmeter beträgt. Dass eine solche Konzentration in eine ökologische Katastrophe mündet, ist eher unwahrscheinlich.

Im Gegenteil: Das Experiment könnte helfen, uns vor katastrophalen Klimaentwicklungen durch einen zu hohen Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre zu bewahren. Dazu müssten wir aber mehr über die Folgen der Eisendüngung wissen, die in großen Teilen noch unverstanden sind. Das beginnt schon mit der Frage, ob das gebundene Kohlendioxid durch die künstlich ausgelöste Algenblüte überhaupt gebunden bleibt, das organische Material also dauerhaft in die Tiefen des Meeres absinkt. Der schwierige Nachweis, ob dies der Fall ist, ist in vergangenen Experimenten bislang allerdings noch nicht gelungen.

Auch einen zweiten großen Pferdefuß hat das Verfahren. Denn Mikroorganismen und Zooplankton konsumieren einen Teil der Algenblüte, was sie zum Wachsen anregt und damit auch ihren Sauerstoffbedarf erhöht. Kurbelt man ihr Wachstum also in großem Stil an, dürften der Sauerstoff in den gedüngten Ozeanbereichen und auch manche Nährstoffe bald zur Neige gehen. Geradezu vermessen klingen denn auch die Behauptungen mancher Forscher, durch Düngung des gesamten Pazifischen Ozeans ließe sich jährlich etwa eine Gigatonne Kohlendioxid binden.

Noch aber weiß man schlicht zu wenig, um das Verfahren endgültig bewerten zu können. Setzt man es kontrolliert dort ein, wo reichlich Sauerstoff und Nährstoffvorräte vorhanden sind, gelingt es vielleicht tatsächlich, viel Kohlendioxid mit wenig Kostenaufwand und ohne Folgeschäden für die Natur im Ozean zu versenken. Als Wunderwaffe taugt die Düngung mit Sicherheit nicht, könnte uns aber wenigstens etwas Luft im Kampf gegen den Klimawandel schaffen. Umso wichtiger ist es daher, sich nicht mit Querelen aufzuhalten, sondern die Polarstern ihre Aufgabe erledigen zu lassen. Erst wenn wir das Verfahren gründlich erforscht haben, wissen wir, ob es überhaupt etwas wert ist.

Miriam Ruhenstroth

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