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"Kleine Veränderungen führen oft zu großen Erfolgen"

Prof. Dr. Gisela Mohr
Gisela Mohr ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Mit G&G sprach sie über die Rolle der Psychologie in Arbeit und Wirtschaft und die Berufsaussichten in diesem Bereich.

 
Frau Professor Mohr, womit befasst sich die Arbeits- und Organisationspsychologie (kurz: A&O-Psychologie)?
Im Wesentlichen befasst sie sich mit der Frage, wie Arbeit aussehen sollte, damit der Mensch gesund bleibt und Freude an seiner Tätigkeit hat.

Es gibt mittlerweile einige Unis, die spezialisierte Bachelor- oder Masterprogramme für Wirtschaftspsychologie anbieten. Würden Sie zu einem solchen Studium raten oder eher ein allgemeines Psychologiestudium empfehlen?
Ich würde in jedem Fall dazu raten, erst einmal einen allgemeinen Bachelor zu machen. Dort bekommt man eine fundierte Grundlagenausbildung, die einem später – unabhängig vom Berufsfeld – sehr nützlich sein kann. Erst beim Master halte ich eine Spezialisierung für sinnvoll, wobei solche Spezialisierungen ja immer in gewissem Rahmen noch die anderen Fächer mit abdecken. Ein absolutes Muss ist die Spezialisierung aber auch hier nicht. Ich habe selbst schon psychotherapeutisch gearbeitet und kann daher aus eigener Erfahrung sagen, dass man oft besser damit fährt, sich breit aufzustellen.

Kann einem das Wissen in Klinischer Psychologie also bei einer Tätigkeit im Bereich der Wirtschaft helfen?
Mit Sicherheit. Als Arbeitspsychologe/-in kann man manche Dinge besser beurteilen, wenn man ein bisschen Knowhow im klinischen Bereich hat. Gleiches gilt aber auch umgekehrt: Die Klinische Psychologie ist häufig zu losgelöst von der Arbeit der Menschen – und das, obwohl die meisten Leute tagtäglich sehr viel Zeit bei der Arbeit verbringen. Hier kann das Wissen aus der AOW-Psychologie auch für einen klinischen Psychologen sehr hilfreich sein.

Wie sieht es mit den Chancen für AOW-Psychologen auf dem Arbeitsmarkt aus?
Dadurch, dass in der Arbeitswelt von heute sehr viele Umwälzungen stattfinden, sind die Berufsperspektiven für AOW-Psychologen/-innen recht gut. Viele Firmen sehen nach und nach ein, dass es sich bei Problemen oft um psychologische Fragestellungen handelt.
Auf der anderen Seite sind Psychologen/-innen in Unternehmen natürlich auch von der wirtschaftlichen Gesamtsituation abhängig, und viele Betriebe sparen dort zuerst, wo sich Erfolge nicht gleich in den Zahlen niederschlagen – auch wenn dies vielleicht nicht die richtige Entscheidung ist.

Wie weit kann ein Psychologe in einem Betrieb aufsteigen?
Psychologen/-innen haben in Unternehmen meist eine Beratungsfunktion, bei der ein Aufstieg nicht gerade vorprogrammiert ist. Theoretisch bieten sich hier aber Möglichkeiten, wie man zum Beispiel an der Bundesagentur für Arbeit sieht, der eine Zeit lang ein Psychologe vorstand. Man lernt in der Psychologie, mit zwischenmenschlichen Problemen umzugehen – eine Fähigkeit, die in der Betriebsleitung sehr wichtig ist. Mir sind allerdings keinerlei Statistiken bekannt, die besagen, dass Psychologen/-innen in größerem Umfang bis ganz zur Spitze aufsteigen.

Mit welchem Thema beschäftigen Sie sich in der A&O-Psychologie? Was finden Sie daran besonders spannend?
Einer meiner Schwerpunkte ist die Erforschung der Auswirkungen von Stress auf die psychische Gesundheit. Dabei liegt der Fokus in der Arbeitspsychologie nicht auf der Person, sondern mehr auf der Situation: Was sind Stress auslösende Bedingungen am Arbeitsplatz? Wie kann Stress verhindert werden? Die Arbeitspsychologie geht präventiv vor, dass heißt wir entwickeln Interventionskonzepte um zu verhindern, dass Menschen krank werden. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass häufig schon sehr kleine Veränderungen zu großen Erfolgen führen können. Die Beschäftigten haben dabei häufig die Lösungen schon selbst im Kopf, und es kommt nur darauf an, ihre Gedanken herauszukitzeln und sie mit ihnen umzusetzen. Es fasziniert mich immer wieder: Das Wissen ist eigentlich schon da, als Psychologe/-in muss man nur den passenden Anstoß geben.

Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?
Es gibt immer wieder Fälle, in denen die Mitarbeiter von Kitas sich zu wenig oder schlecht absprechen, was auch zu einer Belastung der persönlichen Beziehungen zwischen den Kollegen führen kann. Absprachen werden häufig zwischen Tür und Angel getroffen, weil es schlichtweg an Raum und Zeit für eine ordentliche Besprechung mangelt. In einer solchen Situation kann es sehr hilfreich sein, ein wöchentliches Meeting zu einer bestimmten Zeit und in einem geschützten Rahmen festzulegen.

Frau Professor Mohr, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Fragen stellte Christoph Böhmert.

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