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Sing mir das Lied vom Denken

Beate Wendt
Schlaganfälle können beängstigende Folgen haben. Ist zum Beispiel ein Sprachzentrum im Gehirn betroffen, besteht mitunter die Gefahr, die Fähigkeit der Kommunikation teilweise einzubüßen. Doch erst solche Ausfallsituationen machen deutlich, wie stark das Sprechen unser Denkverhalten und unsere Persönlichkeit beeinflusst. Fälle dieser Art ermöglichen es daher Forschern, Rückschlüsse auf die Funktionsweise des gesunden Gehirns und die verschiedenen Ebenen von Sprache zu ziehen. Die Sprechwissenschaftlerin Beate Wendt beschäftigt sich mit der Frage, wie die dafür zuständigen Systeme arbeiten und interagieren.

Beate Wendt hat Sprechwissenschaften und Phonetik in Halle an der Saale studiert. Zu diesem Fach gehört eine Ausbildung in Sprach-/Sprech-/Stimmstörungen, in Rhetorik, in Phonetik und in Sprecherziehung. Im Rahmen einer Therapieausbildung ist sie an das Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg gekommen, wo sie insbesondere die von der lautsprachlichen Ebene zu unterscheidenden Aspekte der Prosodie untersucht. Um auf die normale Funktionsweise der Sprachverarbeitung schließen zu können, hat sie mit Schlaganfallpatienten gearbeitet, die auf Grund verschiedener neurologischer Defekte unter Störungen der Sprachverarbeitung leiden.


Frau Dr. Wendt, Sie haben im Rahmen ihrer Promotion am Leibniz-Institut einen Sprachtest entwickelt, der sich spezifisch mit der emotionalen Prosodie beschäftigt. Wie läuft so ein Test ab, und was kann man damit herausfinden?

Man kann damit untersuchen, ob und inwiefern dieses Sprachsystem von Schlaganfallpatienten durch die Läsion betroffen ist. Der Test ist spezifisch für die Untersuchung mithilfe der nicht invasiven Bildgebung entwickelt worden. Dazu gehört die Kernspintomografie, aber auch MEG und EEG, wo elektrische Ableitungen gemacht werden.
Solche Untersuchungssituationen versetzen die Probanden immer in eine künstliche Situation, die sich stark von einer normalen Kommunikationssituation unterscheidet. Im Gegensatz zu einer normalen Kommunikationssituation fehlt im Kernspintomografen der eigentliche Gesprächskontext. Um diesen Umstand zu berücksichtigen, musste das Testmaterial in der Art der Präsentation angepasst werden.
Ich habe bedeutungslose Kunstwörter verwendet, damit die Ebene der semantischen Informationsvermittlung wegfällt und die Testpersonen wirklich nur auf die prosodischen Informationen hören. Dazu werden den Probanden zweisilbige Pseudowörter präsentiert, die von Schauspielern in verschiedenen Emotionen gesprochen wurden – Freude, Trauer, Angst, Wut, Ekel – und sachlich, dem "keine Emotion" zugeordnet wird. Die Aufgabe der Hörer ist es, das jeweils präsentierte Pseudowort mit der wahrgenommenen Emotion zu kennzeichnen.

Wie lässt sich von dem Testergebnis auf eine neurologische Störung schließen?

Es gibt für Schlaganfallpatienten, bei denen auch das Sprachzentrum betroffen ist, bereits eine Reihe von Sprachtests, mit denen untersucht wird, auf welchen Ebenen der Sprache die Störung vorliegt. Das kann bei der Sprachrezeption, wie auch bei der Sprachproduktion der Fall sein – und ganz verschieden aussehen: Es kann sein, dass die Betroffenen nur bestimmte grammatische Strukturen nicht mehr realisieren können. Es kann aber auch sein, dass ihnen ganz bestimmte Worte nicht mehr einfallen oder dass sie bestimmte Laute verwechseln.
All diese herkömmlichen Tests beinhalten aber nicht dieses Mitgesungene, die Prosodie, die ich untersucht habe. Derzeit wird ausgewertet, ob die Ergebnisse der Sprach- und der Prosodietests korrelieren. Ob beispielsweise Patienten, die in den normalen Sprachtests schlecht sind, auch in der prosodischen Ebene schlecht sind. Aber wie gesagt, die Datenanalyse läuft gerade noch. Ich kann Ihnen leider noch keine konkreten Aussagen darüber liefern, welche Erkenntnisse den Testergebnissen im Endeffekt zu entnehmen sind.

Spielt Prosodie nur in der menschlichen Kommunikation eine Rolle?

Nein. Tieren fehlt zwar das sprachlich-inhaltliche Informationsvermittlungssystem, aber die Ebene der emotionalen Kommunikation gibt es auch in der Tierwelt. Dieses emotionale Urkommunikationssystem ist angeboren. Kinder können von Geburt an schon ausdrücken, ob es ihnen gut oder schlecht geht, ohne dazu Worte verstehen zu müssen. Es ist aber eben noch nicht klar, in welchem Ausmaß das Sprachsystem, in dem Worte verwendet werden, auf dieses Urkommunikationssystem zurückgreift und es mitverwendet. Deshalb wissen wir auch nicht, inwieweit das eine System beispielsweise durch einen Schlaganfall des anderen in Mitleidenschaft gezogen wird und ob es in der Therapie unabhängig trainierbar ist oder nicht.

Ist sie also vielleicht sogar so wichtig, dass es gar nicht auf den Inhalt des Gesprochenen ankommt, um zu kommunizieren?

Psychologen nehmen an, dass wir als Menschen ein gemeinsames Grundsystem an Emotionen haben. Diese Basisemotionen können interkulturell vermittelt und verstanden werden, weil sie sprachlich unabhängig sind. Sie kommen in reiner Form aber kaum vor, sondern sind immer durchwachsen mit anderen Emotionen. Wie stark sie in der jeweiligen Kultur ausgedrückt werden, kann außerdem sehr unterschiedlich sein. Daher würde es ohne die sprachlich vermittelten Inhalte leicht zu Missverständnissen kommen.

Und neben den kulturellen Unterschieden: Kann man auch Einflüsse der Struktur der Muttersprache auf das jeweilige Denkverhalten feststellen?

Ja. Wenn es in meiner Sprache für bestimmte Sachen keine Worte gibt, kann ich nicht in Austausch darüber treten und folglich nur rudimentär etwas in diese Richtung denken. Die Struktur der Muttersprache und folglich auch, was ich darin denken kann, hängt immer davon ab, wie meine Umwelt beschaffen ist. Wenn bestimmte Dinge nicht bekannt sind, gibt es dafür eben auch keine Worte. Es gibt zum Beispiel Studien zu intersprachlichen Unterschieden bei Wegbeschreibungen vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Die Art der Wegbeschreibungen kann so extrem unterschiedlich ausfallen, dass sie Andere in die Irre führen würde.

Generell drücken sich ja auch individuelle Eigenschaften über die Sprechweise aus. Wie lässt sich denn dieser Zusammenhang erklären?

Was für eine Persönlichkeit ich bin, wie ich mich fühle, das beeinflusst ganz stark meine Art mich auszudrücken. Wenn ich entspannt bin, dann klinge ich zum Beispiel ganz anders, als wenn ich angespannt und gestresst bin. Das hat einfach mit dem gesamten Körpertonus zu tun, der sich automatisch auf die Stimme überträgt. Deswegen sagt man auch: Stimme hängt ganz stark an Stimmung.
Es gibt dazu viele Untersuchungen, bei denen man über die Stimme Verschiedenes einschätzen lässt. Zum Beispiel konnten Hörer mit einer ziemlich hohen Trefferquote nur auf Grund einer präsentierten Stimme feststellen, ob der jeweilige Sprecher krank war. Man baut sich also immer auch ein Bild von der Person aus dem Klang ihrer Stimme. Das ist wahrscheinlich eine Sache, bei der wir auf Erfahrungswerte zurückgreifen, also mit Menschen vergleichen, die so ähnlich klingen. Aber man kann nicht sagen, dieser Stimmklang steht dafür und jener Stimmklang für etwas anderes. Es gibt zwar eine hohe Prozentzahl an Treffern, aber kein 1-zu-1-Verhältnis.

Kann man auch in die Richtung denken, dass über das Sprechen Einfluss ausgeübt wird? Die Idee einer negativen Manipulation hat ja schon George Orwell mit dem Konzept der "Neusprech"-Sprache in seinem Roman "1984" verarbeitet. Darin wird versucht, über Reduktion von Sprache den geistigen Horizont der Menschen einzuschränken.

Genau. Bei Orwell sind die Menschen durch die vorgeschriebene Reduktion der Sprache eingeschränkt in ihrer Freiheit sich auszudrücken. Eine ähnliche Begrenztheit in ihrem Kommunikationsverhalten erfahren aber auch Patienten mit Aphasie, also einem eingeschränktem Sprachwortschatz nach einem Schlaganfall oder auch mit kranker Stimme. Wenn zum Beispiel durch eine starke Erkältung die Stimme so schwach ist, dass Patienten bloß flüstern können. Mit dieser Einschränkung sind sie dann nicht in der Lage, ihrem Umfeld mitzuteilen, was sie möchten. Sie werden oft auch nur eingeschränkt wahrgenommen, und darunter leiden sie natürlich. Das führt mitunter in einen Zirkel, wo das eine das andere immer wieder bewirkt: "Mich hört sowieso keiner und dann brauch' ich auch gar nichts sagen."
Aber andererseits ist auch ein positiver Einfluss durch Sprach- und Sprechtherapie möglich. Wenn man beispielsweise eine introvertierte Person dazu bringt, mit ihrer Stimme lauter zu werden, sich bei anderen mehr Gehör zu verschaffen, kann sich das durchaus auch auf ihre Persönlichkeit auswirken. Die Person macht die Erfahrung: "Ich kann auch anders wirken, ich werde auch anders wahrgenommen." Dann wächst ihre Persönlichkeit mit ihrer Stimme.


Das Interview führten Ines Schiller und Theresa Stiller, Studierende des Studiengangs "Philosophie – Neurowissenschaften – Kognition" an der Universität Magdeburg, im Rahmen des Seminars "Medienpraxis" unter der Leitung von G&G-Chefredakteur Carsten Könneker.

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