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"Wachsender Bedarf an klinischen Neurowissenschaftlern"

Warum ist Hirnforschung gerade so populär? Auf welche Lebensbereiche nehmen ihre Ergebnisse Einfluss? Und welche Berufsfelder stehen Absolventen eines neurowissenschaftlichen Studiums künftig offen?

Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen und einer der renommiertesten deutschen Neurobiologen, über die Zukunft einer neuen Disziplin im universitären Fächerkanon.
Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth Laden...

Herr Roth, was fasziniert Sie persönlich an den Neurowissenschaften?Ich habe mich schon in der Schule für die Themen Geist und Bewusstsein interessiert. Deswegen habe ich mich nach dem Abitur für ein Studium der Philosophie entschieden und gehofft, dass die Philosophie mir Antworten darauf geben würde. Doch die Ausbildung war überwiegend systematisch und historisch orientiert. Viele spannende Fragen wurden nicht beantwortet, zum Beispiel: Wie funktioniert Wahrnehmung? Was ist Intelligenz? Wo findet Denken statt? So entschied ich mich im Zweitstudium für die Biologie und legte den Schwerpunkt auf neurobiologische Fragestellungen.

In den vergangenen Jahren ist die Hirnforschung immer stärker in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Warum liegen die Neurowissenschaften gerade im Trend?
Auf diesem Forschungsgebiet findet seit einigen Jahren eine Art Revolution statt. Dank neuer Methoden, zum Beispiel der funktionellen Magnetresonanztomografie, weiß man inzwischen viel über geistige Prozesse und das Gehirn. So können wir genau untersuchen, was im Hirn vor sich geht, wenn jemand über etwas nachdenkt, wenn er etwas Bestimmtes sieht oder fühlt. Gehirn und Geist bilden eine funktionale Einheit – und das fasziniert die Menschen. Ein anderer Gegenstand der aktuellen Forschung ist der Zusammenhang zwischen dem Gehirn einerseits und der Persönlichkeit und den psychischen Erkrankungen andererseits. Erkenntnisse in diesem Bereich haben direkte Auswirkungen auf unser Menschenbild und die gesellschaftliche Realität.

Welche Rolle werden die Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften in 10 oder 20 Jahren spielen? Und für welche Lebensbereiche werden sie von Bedeutung sein?Die Erforschung geistiger und psychischer Prozesse geht so schnell voran, dass es einem manchmal schwindlig wird. Die Kenntnis der neurobiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen ist beispielsweise für Krankenkassen von größter Wichtigkeit – da geht es um Milliarden Euro des Gesundheitssystems. Auf dem Gebiet des Neuromarketings werden aber auch Hoffnungen geweckt, die nicht realistisch sind. So wurden wir vor einiger Zeit von einer großen deutschen Autofirma gefragt, ob wir anhand neurowissenschaftlicher Methoden herausfinden könnten, welche Form der Stoßstange den Kunden besser gefällt. Solche Fragen lassen sich jedoch allein mit Hilfe der Hirnforschung nicht beantworten.

Welche Forschungsinstitute arbeiten derzeit an besonders spannenden, viel versprechenden Themen?Zum Beispiel das Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg, das sich der Erforschung von Lernen und Gedächtnis widmet: Die Kollegen sind in der internationalen Forschung Spitze. Sie erforschen unter anderem die neuronalen Grundlagen von Sprache und Musik, also zum Beispiel, wie das Gehirn Gesang verarbeitet, aber auch, welche Rolle das so genannte Belohnungssystem bei der Handlungssteuerung spielt. Forscher der Universität zu Köln entwickeln gerade die Methode der tiefen Hirnstimulation zur Behandlung von Parkinson weiter.

Welche Interessen oder Fähigkeiten sollten Bewerber für das Studium der Neurowissenschaften mitbringen?Sie sollten sich auf jeden Fall für Naturwissenschaften interessieren, aber auch für den Menschen. Dabei sollten sie Fragen aus dem Überlappungsgebiet von Neurobiologie, Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften im Blick haben wie: Wie hängen menschliches Denken, Fühlen und gesellschaftliches Verhalten mit dem Gehirn zusammen? Wer klinisch arbeiten möchte, braucht außerdem die nötige Offenheit für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Welche beruflichen Perspektiven bieten sich nach Abschluss eines neurowissenschaftlichen Studiums?Die meisten unserer Absolventen gehen in den klinischen Bereich – also in die Diagnostik und Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen, die eine starke hirnphysiologische Komponente haben, wie etwa Depression und Demenz. In Krankenhäusern und Kliniken herrscht großer Bedarf an Fachkräften, die in der Neuropsychologie oder mit Methoden der funktionellen Bildgebung arbeiten können. Dieser Bedarf wird in der Zukunft noch weiter wachsen. Ein anderer Weg führt in die Pharmaindustrie oder in wissenschaftliche Einrichtungen wie Universitäten oder Forschungsinstitute. Vor allem Doktoranden werden oft sehr gut gefördert.

Könnten Sie Webseiten oder Bücher empfehlen, die weiterführende Informationen bieten?Lehrbücher zu Neurowissenschaften lassen sich häufig schwer lesen. Einfacher ist es, sich mal die Internet-Seite des Leibniz-Instituts in Magdeburg – www.ifn-magdeburg.de – und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in Tübingen – www.hih-tuebingen.de – anzusehen und von dort aus weiter zu recherchieren. Ebenfalls informativ ist die Webseite der Berlin School of Mind and Brain der Berliner Humboldt-Universität unter www.mind-and-brain.de.

Zur Person Gerhard Roth (geboren 1942 in Marburg) studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft an der Universität Münster und Rom. Im Zweitstudium widmete er sich der Biologie in Münster sowie an der University of California in Berkeley. 1969 promovierte er in Philosophie und 1974 in Zoologie. Seit 1976 ist er Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie an der Universität Bremen und seit 1989 Direktor des dortigen Instituts für Hirnforschung. Außerdem ist er wissenschaftlicher Beirat von Gehirn&Geist und Autor von rund 200 Publikationen auf dem Gebiet der Neurobiologie und -philosophie.

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