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Tagebuch: Besuch beim Philosophen

ulian Nida-Rümelin und Reinhard Breuer
Neulich in München: Als ich in Schwabing der U-Bahn an der Haltestelle "Universität" entsteige, empfängt mich Nieselregen. Ich gehe die Ludwigstraße entlang, am Geschwister-Scholl-Platz vorbei in Richtung Siegestor. Während ich nach der Adresse "Ludwigstraße 31, Rgb." spähe, geht mir durch den Kopf, dass ich hier um die Ecke in der Schellingstraße 3 einst mein Habilitationskolloquium über "Strahlung und Schwarze Löcher" gehalten habe. Tempi passati.

Julian Nida-Rümelin und Reinhard Breuer
Im Hinterhof stoße ich auf ein kurioses Idyll: eine Art einstöckiges Gartenhäuschen, in dem Julian Nida-Rümelins Lehrstuhl für Philosophie und Politische Theorie untergebracht ist. "Da sind alle Mitarbeiter unter einem Dach", freut sich der Philosoph, als wir zum Dekanat hinübergehen (denn er ist derzeit auch Dekan der Philosophischen Fakultät), um das Interview zu führen. Es wird übrigens den Auftakt zur Spektrum-Serie "Die größten Rätsel der Philosophie" bilden, die im nächsten Frühjahr beginnt.

Im Besprechungsraum will uns der Fotograf erst vor einer Bücherwand ablichten, doch dieser ist fast buchfrei (siehe Foto). So gehen wir über den Flur die Bibliothek und landen ausgerechnet vor der theologischen Sektion. Zur Schau für das Foto greifen wir ins Regal: Ein Werk über "Psalmen" fällt uns in die Finger. Nida-Rümelin schmunzelt: "Die Theologen und Philosophen haben hier ihre Bücher zusammen."

"Kurioses Idyll" | Julian Nida-Rümelins Lehrstuhl für Philosophie und Politische Theorie ist in einer Art einstöckigem Gartenhäuschen untergebracht.
Dann legen wir los. Ich bekenne, dass ich seine Interessensbreite auffällig finde, von seinen politischen Ambitionen als ehemaliger Kulturstaatsminister unter Schröder oder als (gescheiterter) Kandidat um das Amt des Präsidenten der Ludwigs-Maximilians-Universität einmal ganz zu schweigen. "Das ist in der Philosophie anders als etwa in der Physik, wo man sich doch spezialisieren muss", sagt er. Sein Lehrstuhl befasst sich denn auch mit "Rationalitätstheorie, Ethik, Politischer Philosophie mit Ausgriffen in die Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie".

Nida-Rümelin entstammt selbst einer Künstlerfamilie – Vater und Großvater waren Bildhauer, seine jüngere Schwester arbeitet gleichfalls als Philosophin in der Schweiz. Sein eigener Weg führte Nida-Rümelin während eines Studiums der Physik und Mathematik in München zu dem großen Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller, bei dem er promovierte. Aber all diese Einflüsse prägen Nida-Rümelin bis heute: rationales Handeln, das durchdringt beinah jeden Gedanken seiner zahlreichen Bücher, ob über Demokratie, Ökonomie oder Bioethik.

Die "Bewohner" des Gartenhauses
"Philosophie ist Orientierungswissenschaft", sagt er, aber nicht als Lehrmeister, sondern als Berater. "Philosophie darf sich auch nicht übernehmen." Aber die philosophische Praxis liegt ihm am Herzen. Als derzeitiger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie bereitet er gerade deren nächsten Kongress im September 2011 in München vor. Dieser beschwört "Die Welt der Gründe" und Nida-Rümelin sagt dazu: "Es gibt Gründe für Überzeugungen, für Handeln und sogar für Emotionen." Diese Themen vernetzen die Philosophie mit anderen Wissenschaften – etwa der Psychologie oder den Neurowissenschaften.

Aber die Rationalität politischen Handelns sei immer wieder bedroht durch die periodischen irrationalen Aufwallungen der "Mediendemokratie". Das gelassene Abwägen sei oft kaum mehr möglich, wenn schon keiner den anderen mehr ausreden lässt.

Reinhard Breuer
Chefredakteur

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