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Tagebuch: Der heimliche Star der IdeenExpo

IdeenExpo
Die große Ausstellung IdeenExpo, die seit dem vergangenen Samstag auf dem Messegelände in Hannover stattfindet, kann sich über Mangel an Prominenz wahrhaftig nicht beklagen: Bundespräsident Wulff kam zur Eröffnung, desgleichen Wirtschaftsminister Rösler, weitere bedeutende Persönlichkeiten werden noch erwartet. Die von der niedersächsischen Landesregierung ins Leben gerufene Ausstellung, die in diesem Jahr (nach 2007 und 2009) zum dritten Mal stattfindet und vor allem der Jugend die Technik nahebringen soll, kann mit vielen erstaunlichen und lustigen Exponaten aufwarten.

Bastelfreudige Besucher am Spektrum-Messestand | Wer auf der IdeenExpo den Stand von Spektrum der Wissenschaft besucht, wird dort den Spektrum-Redakteur Christoph Pöppe treffen – und kann sich aufs Angenehmste in mathematische Ideen einführen lassen.
Aber als Vertreter eines Verlages, der sich neben der geballten Großindustrie unweigerlich etwas mickrig vorkommen muss, erlaube ich mir eine auf die eigene Präsentation eingeengte Weltsicht. (Was bleibt mir anderes übrig – ich komme ja nicht weg von unserem Stand, so übermächtig ist der Andrang.) Und in dieser Sicht ist der große Star des vergangenen Wochenendes für die Fachleute ein alter Bekannter, für die meisten Besucher ein Überraschungsgast: das Rhombendodekaeder.

Sein Name wird nicht genannt – man will ja die vorbeiströmenden Gäste nicht gleich mit griechischen Fachausdrücken verschrecken. Wer will, kann sich in aller Ausführlichkeit in den Folgen 3 und 4 meiner Serie zur räumlichen Geometrie informieren. Vielmehr tritt der Star den Besucher in Gestalt eines Bastelbogens entgegen. Fünf Minuten genügen, und er hat daraus einen Ring aus sechs Rauten zusammengeklebt, den er wiederum an ein anwachsendes, im Prinzip in der Größe unbegrenztes Gebilde ankleben kann.

Blau und Weiß in friedlicher Koexistenz | Zukunftsvision für streitbare Völker? Wer im blauen Teil dieses architektonischen Gebildes lebt, wird nie auf Lebewesen im weißen Teil treffen – obwohl die Gänge regelrecht ineinander verschlungen sind.
Ich nenne es den "Ameisenhaufen der friedlichen Koexistenz". Zwei Ameisenvölker, die sich gegenseitig nicht ausstehen können, bewohnen störungsfrei dasselbe Volumen. Das eine Volk lebt in dem Teilraum mit den blauen Wänden, das andere in dem mit den weißen Wänden. Beide verfügen einerseits über beträchtlichen Freiraum – es gibt sogar Durchblicke durch das gesamte eigene Wohngebiet –, andererseits über eine ziemlich winkelige, Intimität vermittelnde Architektur. Das Gesamtvolumen ist zu genau gleichen Teilen zwischen ihnen aufgeteilt, und ihre Wege kreuzen sich nie, obgleich sie einander beliebig oft umschlingen.

In den Workshops, die wir von Montag bis Freitag für angemeldete Schülergruppen veranstalten, wird das Rhombendodekaeder mit seiner Eigenschaft als Raumfüller (beliebig viele Exemplare lassen sich lückenlos im Raum stapeln) noch mehrfach zu Ehren kommen.

Im Scherz preise ich zwei Lehrern aus Braunschweig den "Ameisenhaufen" als politische Lösung des Problems mit der Altstadt von Jerusalem an – und erwische durch Zufall gerade den Richtigen! Der Historiker Christian Werner hat am Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e. V. (CJD) ein Projekt ins Leben gerufen, das sich mit der Lösung des Palästinenserkonflikts befasst – diesmal aber ernsthaft.

Turm aus gehörnten Oktaedern | Dass ein Oktaeder plus sechs Tetraeder von einem Drittel der Kantenlänge ebenfalls einen Raumfüller ergeben, war auch für den Mathematiker Matthias Muschick neu und überraschend.
Derweil bleibt sein Mathematikerkollege Matthias Muschick fasziniert vor unserem Turm aus gehörnten Oktaedern sitzen. Dass ein Oktaeder plus sechs Tetraeder von einem Drittel der Kantenlänge ebenfalls einen Raumfüller ergeben, war für ihn neu und überraschend. Kein Wunder – ich selbst habe diese Aussage in einer wissenschaftlichen Arbeit gefunden, die erst wenige Monate alt ist, und in einen Bastelbogen umgesetzt. In nächster Zeit soll darüber auch in "Spektrum der Wissenschaft" berichtet werden.

Aus 4D mach 3D | Zwei verschiedene Schatten des vierdimensionalen Analogs des Würfels hat die junge Besucherin hier mit einem Geometriebaukasten "gesteckt".
Vier Dimensionen übersteigen bekanntlich unser Vorstellungsvermögen. Aber immerhin können vierdimensionale Objekte dreidimensionale Schatten werfen. Was die junge Besucherin da mit Hilfe des ungeheuer vielseitigen Geometriebaukastens "Zometool" erstellt hat, sind zwei verschiedene Schatten vom vierdimensionalen Analog des Würfels. Das sieht man wahrhaftig nicht auf den ersten Blick! (Hier können Sie den Systembausatz "Zometool" in unserem ScienceShop bestellen.)

Auch der unwissenschaftliche Gebrauch ... | ... des regulären Ikosaeders besitzt entschiedenen Reiz.
Selbstverständlich kann man wissenschaftliches Spielzeug auch unwissenschaftlich verwenden, eine Möglichkeit, von der unsere Gäste zumal am Eröffnungswochenende entschiedenen Gebrauch gemacht haben. Es schadet dem Ansehen des regulären Ikosaeders aber keineswegs, wenn es zugleich als Knospe und als Blüte eines surrealen Dreibeinbaums erscheint.

Von meinem Spektrum-Artikel über "Mukundis Krone" inspiriert, hat der Hamburger Spielzeughersteller Frank Rittel ein Sortiment von Filzbausteinen entworfen, das außer der Krone selbst auch die verwandten Bausteine Fünfeck, breite und schmale Goldene Raute enthält. Da lassen sich riesengroße Muster legen, in denen die Bauart der Teile eine Fünfersymmetrie nachdrücklich nahelegt …

Filzbausteine mit "Mukundis Krone" | Dieses Sortiment aus Filzbausteinen enthält neben "Mukundis Krone" auch die verwandten Bausteine Fünfeck, breite und schmale Goldene Raute. Eine Fünfersymmetrie ergibt sich da fast wie von selbst.
Fünfersymmetrie funktioniert auch mit einem einzigen Typ von Bausteinen ...
... und die Kuscheltiere gehören natürlich auch dazu.
Am kommenden Wochenende werden wir abermals unsere Geometriespielzeuge zur allgemeinen Erbauung und natürlich zum Anfassen zur Verfügung stellen, mit neuen Massenbastelaktionen. Kommen Sie auf die IdeenExpo!

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