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Tagebuch: Spiel, das Wissen schafft

Modell eines FünfsterndodekaedersLaden...
Eigentlich war ich nach Garching gefahren, um die neue Ausstellung "Imaginary 2008" zu besichtigen. Sehr sehenswert; aber an diesem Standort, dem Zentrum Mathematik der Technischen Universität München, werden Sie sie nicht mehr besuchen können: Heute (Freitag, 18. Januar) hat sie dort ihren letzten Tag, bevor sie – aus Anlass des Jahrs der Mathematik 2008 – auf Deutschlandrundreise geht.

Aber auch so ist das neue Mathematikgebäude eine Reise wert (Münchener U-Bahn U6 bis Endstation Garching Forschungszentrum). Einmal im Leben sollte man sich das Vergnügen machen, in der großen parabelförmigen Rutschröhre binnen Sekunden äußerst schwungvoll vom dritten Stock zum Erdboden zu gleiten. Keine Bange: Bei der Eröffnung ist selbst Edmund Stoiber gerutscht und heil wieder unten herausgekommen. Aber legen Sie eines der bereitliegenden Teppichstücke unter, sonst haben Sie hinterher von der Reibungshitze Brandlöcher in der Hose.

Museum nach dem Geschmack des Initiators

Mitten im Luftraum prangt ein Prachtexemplar einer kugelförmigen Tensegrity-Struktur: lauter Stangen, die einander nicht berühren und nur durch kunstvoll verspannte Seile in ihrer Position gehalten werden (Bild 1).

Verglichen damit geradezu unauffällig steht zu ebener Erde ein quadratischer Glaskasten namens "ix-Quadrat". Es handelt sich um ein kleines Mathematikmuseum, mit nur drei Themen ("Symmetrie", "Perspektiven von Escher" und "Womit Sie rechnen können") und erkennbar von den persönlichen Vorlieben seines Initiators geprägt: Jürgen Richter-Gebert, Inhaber des Lehrstuhls für Geometrie und Visualisierung, gibt offen zu, dass wesentliche Teile der Ausstellung in den letzten vier Wochen vor der Eröffnung von einer Gruppe nachtaktiver Mathematiker fertiggestellt wurden. Aber welch eine Pracht ist dabei zustande gekommen! Berühmte Bilder von Escher, aus Legosteinen nachgebaut (Bild 2); verschiedene mechanische Rechengeräte, darunter die berühmte Curta, eine unglaubliche Anzahl an Polyeder-Durchdringungskörpern, die der Emeritus Rüdiger Finsterwalder eigenhändig entworfen und gebaut hat, und allerlei zur Symmetrie, von Spiegeln bis zu einem Programm, das automatisch die Mauszeichnung des Benutzers zu einem symmetrischen Ornament ergänzt – alle 17 kristallografischen Symmetrien sind anwählbar.

Mit Cinderella berühmten Problemen auf der Spur

Spielerisch entdeckt Richter-Gebert, welche Materialien sich unerwartet für geometrische Konstruktionen eignen. Wohlkonstruierte Gestrüppe aus Stangen halten ohne weitere Hilfsmittel zusammen, wenn die Stangen nur eine gewisse, geringe Elastizität haben und richtig geflochten werden (Bild 3). Aus einem Workshop mit Schülern gehen dann auch mal monumentale Bambusskulpturen hervor (Bild 4). Während des Gesprächs kramt er eine Packung Pfeifenreiniger hervor und flicht nebenher die Taschenform des Sternkörpers (Bild 5).

Übrigens kommt bei all dieser Spielerei auch ernsthafte Mathematik zu Stande. Paradebeispiel ist das von Richter-Gebert gemeinsam mit Ulrich Kortenkamp entwickelte Geometrieprogramm Cinderella. Es bietet so viele Spielmöglichkeiten, dass man gar nicht umhinkann, neue mathematische Zusammenhänge zu entdecken. So kann im notorisch schweren Dreikörperproblem ein leichter Planet, der dem Schwerefeld zweier Sonnen ausgesetzt ist, auf die Dauer ein Gebiet mit zitronenförmigem Rand ausfüllen. Das Phänomen harrt noch – zumindest für seinen Entdecker – einer Erklärung.

Christoph Pöppe
Redakteur Spektrum der Wissenschaft

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