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Tagebuch: Tanz mit dem Teufel

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Bevor ich mich dazu entschloss, Physiker zu werden, wollte ich Geschichte studieren. Genau betrachtet, lässt sich zwischen diesen doch sehr verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen sogar eine Brücke schlagen: Wo in der Physik vom Wechselspiel kleinster Partikel auf unsere makroskopische Welt geschlossen wird, untersuchen Historiker, wie das Verhalten einzelner Menschen mächtige gesellschaftliche Wellen schlägt und den Lauf der Geschichte beeinflusst. Vielleicht sind es ja einfach komplexe Kettenreaktionen jeder Art, die mich faszinieren?

Jüngst jedenfalls fanden meine beiden Lieblingsdisziplinen sogar gänzlich zusammen, nämlich beim Vortrag des Historikers Mark Walker im physikalischen Kolloquium der Universität Heidelberg. Der Professor des New Yorker Union College referierte über „Die Physik unter Hitler: Physiker und die Physikalischen Gesellschaften zwischen Autonomie und Anpassung“ und beleuchtete die Jahre zwischen 1933 und 1945 anhand der Einzelschicksale deutscher Spitzenforscher. Allen voran waren das natürlich die großen Physiker, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts die Grundsteine der modernen Physik gelegt hatten.

Krisenzeiten halten der Menschheit den Spiegel vor, sagte ich mir und spürte wieder mein altes Historikerinteresse: Wie hatte sich die Physikerelite Deutschlands im Angesicht des menschenverachtenden Naziregimes verhalten, und was offenbart uns dieser Blick in den Spiegel?

Einstein in der Schusslinie

Die Einstellung der Physiker gegenüber den Nationalsozialisten reichte von offener Ablehnung bis hin zu verblendeter Fahnenführerschaft. Als Beispiel für offene Opposition unter den namhaften deutschen Physikern führte Walker vor allem Albert Einstein an. Einstein war zwar Jude, doch nicht das alleine hatte ihn in der Schusslinie der Nazis positioniert. Viel eher machten ihn seine öffentlichen Äußerungen gegen Hitler zur Zielscheibe. Nach der Machtergreifung Hitlers entschied Einstein, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Amerika auszuwandern. Doch wie verhielten sich jene Spitzenforscher, die sich entschlossen hatten, zu bleiben?

Einer, der das Weltbild der Nationalsozialisten teilte, war der Physiker Johannes Stark – immerhin Nobelpreisträger für einen nach ihm benannten atomphysikalischen Effekt. Stark galt als einer der Rädelsführer bei der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts. Gegen Einstein hatte er sich schon in den 1920er Jahren gewandt, weil dieser für eine Weltanschauung stand, die Stark zutiefst verabscheute: die der Relativitätstheorie und Quantenphysik, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ihren Siegeszug antrat.

Doch die Kritiker dieser Säulen der modernen Physik wurden in der Wissenschaftsgemeinde zunehmend isoliert, da beide Theorien allen experimentellen Überprüfungen standhielten, und so bröckelt auch Starks Ansehen zu Zeiten der Weimarer Republik. Es wird erst wieder hergestellt, als er 1933 dank seiner engen Kontakte zu Hitler den Posten als Vorsitzender der Physikalisch Technischen Reichsanstalt erhält.

Mit dieser neuen Macht im Rücken wettert Stark nicht nur gegen jüdische Physiker und deren Erkenntnisse. Er prägt auch den Begriff der „weißen Juden“, die als „Statthalter des Judentums im Deutschen Geistesleben“ ebenso verschwinden müssten wie die Juden selbst. Hauptziel seiner Angriffe ist der Deutsche Werner Heisenberg, der als führender Forscher auf dem Gebiet der Quantenphysik Starks Zorn auf sich zieht. Stark selbst tritt hingegen, zusammen mit dem Heidelberger Professor und Nobelpreisträger Philipp Lenard, für eine „Deutsche Physik“ ein, die sich auf die Erkenntnisse arischer Forscher stützt und auf der schon damals längst widerlegten Äthertheorie fußt.

Heisenberg gelingt es letztendlich, die Diffamierungskampagne Starks unbeschadet zu überstehen – nicht zuletzt weil Stark seine politische Macht allmählich wieder verliert. Auch hatte er bei den Nazis einen guten Beruf: Ein SS-Bericht Ende der dreißiger Jahre beurteilt Heisenbergs „menschliche und charakterliche Haltung“ als „anständig“. „Im Laufe der Jahre hat sich Heisenberg (...) mehr und mehr durch die Erfolge vom Nationalsozialismus überzeugen lassen und steht ihm heute positiv gegenüber“, heißt es dort, basierend auf dem Urteil eines SS-Mitglieds, das einst bei dem Quantenphysiker studiert hatte.

„Den Rat Himmlers schon von selbst befolgt“

In den kommenden Jahren tritt Heisenberg vornehmlich als regierungstreuer Wissenschaftler auf. Als ihm Himmler 1938 nahe legt, „die Anerkennung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse von der menschlichen und politischen Haltung des Forschers“ klar zu trennen, weiß Heisenberg, was zu tun ist. Kurz darauf distanziert er sich von Einstein: „Den Rat Himmlers habe ich (...) schon von selbst befolgt, da mir Einsteins Haltung der Öffentlichkeit gegenüber niemals sympathisch war.“

Im Jahre 1942 dann wird Heisenberg zum Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik berufen, woraufhin er Heinrich Himmler ausdrücklich dankt. Ein Jahr später betont er sogar: „Die Relativitätstheorie wäre zweifellos auch ohne Einstein entstanden.“

Jagd nach der Bombe

Heisenberg verkörperte das Dilemma der deutschen Physiker wie kaum ein anderer. Besonders greifbar wird das bei der Entwicklung der „Uranmaschine“, die von den Nazis Beginn der Vierziger Jahre forciert wurde. Heisenberg und andere Physiker ließen sich für die Forschung an dem Projekt bereitwillig einspannen, das auf amerikanischer Seite wenige Jahre später in den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gipfelt. Die Physiker nährten obendrein die Hoffnung der Nazis auf eine baldige Verfügbarkeit einer Uranbombe. So schrieb Heisenberg 1942 in „Die theoretischen Grundlagen für die Energiegewinnung aus Uranspaltung“: „Die Reindarstellung von U235 würde zu einem Sprengstoff von unvorstellbarer Wirkung führen.“ Sätze wie diese sollten den Fortbestand seiner Forschung sichern und zementierten seine führende Rolle unter den deutschen Wissenschaftlern.

Nach dem Kriegsende will sich keiner mehr an den ehemals festen Willen der deutschen Physiker erinnern, die Bombe fertig zu stellen. Heisenberg betonte 1946, dass die deutschen Forscher auf dieses Ziel hingearbeitet hätten, „um die Kontrolle über das Vorhaben in der Hand zu behalten“. Tatsächlich nahm die wirtschaftliche Rezession Ende des Krieges den Physikern die endgültige Entscheidung über die Atombombe aus der Hand – das zerbombte Deutschland der Jahre 1944/45 war nicht mehr in der Lage, die zur Fertigstellung nötigen Ressourcen aufzubringen.

Moralische Grauzone

Eine Schlüsselrolle bei den Bestrebungen der Urananreicherung nahm auch der Physiker Carl-Friedrich von Weizsäcker ein, der als Forscher unter Heisenberg bereits vor dem zweiten Weltkrieg die Möglichkeit einer Atombombe erkannt und die Theorie der Plutoniumbombe entwickelt hatte. Rückblickend rechtfertigte er sein Engagement mit dem „träumerischen Wunsch“, einer der wenigen Menschen zu sein, die verstehen, wie man eine Bombe macht – „dann werden die obersten Autoritäten mit mir reden müssen, einschließlich Adolf Hitlers“. Offenbar hoffte von Weizsäcker, selbst der Stein zu sein, der hohe Wellen schlägt und dadurch den wahnsinnigen Diktator auf vernünftigere Bahnen lenken zu können. Können solche Gedanken eine moralische Richtlinie sein? Die Vorhersage der Kettenreaktionen, die zur Explosion einer Atombombe führen, ist eine Sache – doch wie plausibel ist es, dass jemand glaubt, die Kettenreaktionen in der Politik steuern zu können?

Mir zumindest hat Walkers Geschichtsstunde wieder einmal einen Blick in den Spiegel erlaubt und dabei ins Gedächtnis gerufen, dass der Tanz mit dem Teufel außerordentlich heikel ist. Jeder Tänzer muss sich glücklich schätzen, wenn er überhaupt eine Wahl hat. Bei dieser ist die Qual jedenfalls größer als bei meinen Überlegungen, doch noch mal Geschichte zu studieren.

Robert Gast

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