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Tagebuch: Von abgeriegelten Geländen, Zeitreisen und dem Großvaterparadoxon (II)

Schwarzes Loch im Atlas-Detektor
Die Konferenz findet auf einem abgeriegelten Gelände am Rande von Dubna statt. Wer vielleicht zunächst befürchtete, nicht dorthin zu finden, weiß bei der Ankunft gleich, dass er hier richtig ist: Eine lange Schlange ergrauter Herren mit Aktenkoffern weist den Weg. Am Zaun des Geländes angekommen, treten die Teilnehmer in ein kleines Häuschen, das als Schleuse fungiert. Darin, hinter einer dicken Glasscheibe, eine Frau in Uniform, eine zweite außen, hinter einer Drehtür. Der Pass ist vorzulegen. Stimmt etwas nicht, greift die Dame hinter der Scheibe zum uralten Telefon mit geringeltem Zuführungskabel und telefoniert mit ihrer Leitstelle.

Aber kaum sind wir durch die Schleuse hindurch, bieten unsere Gastgeber im dahinterliegenden Gebäude alles, womit auch europäische und amerikanische Konferenzen aufwarten: einen großen Vortragssaal mit Holztäfelung und Blumenschmuck, Powerpoint-Präsentationen und – natürlich nicht zuletzt – hervorragende wissenschaftliche Vorträge.

Unter den Teilnehmern, die der Direktor des Dubnaer Joint Institute for Nuclear Research begrüßte, befindet sich auch Professor Dmitrij Shirkov. Ihm, der in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, ist die Konferenz gewidmet. Shirkov gehört zu den Urgesteinen der theoretischen Physik und ist ein Beispiel dafür, wie man in der internationalen Physikergemeinde zu "Jemandem" wird.

Als solcher Jemand gilt nämlich nur, wer einer Theorie seinen Namen gegeben, ein unsterbliches Buch geschrieben hat oder Schüler eines berühmten Lehrers ist. Für Shirkov gilt zweites. Zusammen mit Nikolai Bogoliubov, einem der Väter der Quantenfeldtheorie, verfasste er in den 1950er Jahren eines der berühmtesten Lehrbücher, "The Theory of Quantized Fields". Es wurde Arbeitsgrundlage für eine gesamte Physikergeneration zunächst in Russland und verbreitete sich später auch in USA.

Mich fasziniert heute vor allem der Vortrag der Moskauer Physikerin Irina Arefeva. Ihr Thema: geschlossene Zeitschleifen, Zeitreisen und daraus entstehende Paradoxien. Sie kennen vielleicht das Großvater-Paradoxon, bei dem jemand in die Vergangenheit reist und seinen Großvater tötet, bevor dieser die Großmutter kennen lernen kann. Ein schauriges, aber vor allem paradoxes Szenario: Denn wie konnte der Mörder dann zur Welt kommen?

Arefeva erklärt, dass Zeitreisen in unserem Universum – anders als der englische Physiker Stephen Hawking momentan vermutet – doch möglich seien. Abenteuerliche Zeitwege, die sie auf die Leinwand wirft und die von der Zukunft in die Vergangenheit und wieder zurück führen, illustrieren ihre Theorie. Mini-Zeitmaschinen könnten sogar im LHC-Beschleuniger am europäischen Teilchenforschungszentrum CERN entstehen. Allerdings würden sie wohl nur "winzige" Zeitschleifen durchlaufen – was das genau heißen könnte, führt Arefeva leider nicht aus. So bleibt auch Science-Fiction-Fans noch etwas zum Träumen.

Interessant aber, dass auch Arefeva die Schwarzen Minilöcher, die möglicherweise am LHC entstehen werden, für ungefährlich hält. Mit einer Handbewegung wischt sie elegant die Frage eines belgischen Kollegen vom Tisch, der noch einmal formuliert, was in letzter Zeit immer wieder durch die Medien geistert: nämlich die Frage, ob in dem gigantischen Teilchenbeschleuniger, der gerade in Betrieb geht, durch die hohen Kollisionsenergien ein schwarzes Loch im Ruhesystem der Erde entstehen könnte, das genügend lange lebt, um Materie aus der Umgebung anzuziehen und zu wachsen.

Natürlich streiten die Physiker am CERN so etwas als Angstmache ab – ihrer Meinung nach lebt ein solches Schwarzes Loch, sollte es entstehen, nicht lang genug, um Schlimmes anzurichten. Irina Arefeva denkt ebenso. "Those will be only micro black holes", sagt sie mehrmals – freundlich, bestimmt und mit einem charmanten russischen Akzent. Gut – ohne tieferes Verständnis für die komplexe Problematik will auch ich dies vorerst einfach als weiteres Zeichen dafür werten, dass Schwarze Löcher in der Schweiz zu Unrecht gefürchtet werden.

Aber mal sehen, ob das Thema heute Abend noch einmal aufkommt. Gleich nämlich erwartet uns hier eine Willkommensfeier auf dem Balkon der Cafeteria, von wo aus man sicher noch einmal auf das Gelände rings um das Konferenzgebäude blicken kann – wo überall Gras und Fichten zwischen niedrigen Häusern wachsen, das Fotografieren aber leider verboten ist.

Vera Spillner

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