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Wissensvermittlung: Twitter - ein Dienst, der Wissen schafft

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Wissenschaft in 140 Zeichen? Wie soll das gehen, fragen sich viele Wissenschaftler, wenn sie das Stichwort Twitter hören. Schließlich ist Forschung komplex, ist schwierig zu vermitteln und wird durch journalistische Berichte sowieso schon unzulässig verkürzt und vereinfacht. Wie, bitteschön, soll man dann dem Anliegen der Wissenschaft auf dem Niveau einer SMS gerecht werden?

Solange man in den Strukturen herkömmlicher Lehre und traditionellen Unterrichts befangen ist, geht das natürlich nicht. Es gilt, das Potenzial des Microblogging-Dienstes zu erkunden und konsequent zu nutzen. Mit Twitter erreicht man zunächst ein Publikum, das man für herkömmliche Medien wie etwa wissenschaftliche Zeitschriften nicht (oder wegen des veränderten Leseverhaltens nicht mehr) begeistern kann. Und diejenigen, die man bereits zu seinen Lesern zählt, kann man über Twitter mit zusätzlichen und aktuellen Informationen versorgen.

Zugegeben: Lange Zeit wusste auch ich nicht, was ich mit Twitter anfangen soll. Mehrere Versuche, mich auf der Twitter-Homepage kundig zu machen, scheiterten. Offenbar waren diese unübersichtlichen, aus einem schwülstigen Englisch übersetzten Elaborate für mich nicht geeignet. Was mir in diesem Kauderwelsch fehlte, war eine brauchbare Anleitung der Art "Wie schreibe ich einen Tweet?" (So nennt man in der Zwitscher-Kunstsprache eine Kurznachricht.) Entsprechend dümpelte der Twitter-Account von "Sterne und Weltraum" drei Jahre vor sich hin – es wurden nur Hinweise auf Online-Meldungen auf unserer Website automatisch kund getan. Folglich war die Zahl unserer "Follower" (also die Zahl derjenigen Twitter-Nutzer, die unseren Tweets folgten) eher mäßig: 570 Follower hatten wir Mitte Juni 2011.

Dann fragte ich eine Kollegin, die schon länger auf Twitter aktiv war, um Rat. Und siehe da: Es dauerte keine zehn Minuten, bis sie mir die wichtigsten Grundlagen erklärt hatte. Ich verstand nun, was eine Timeline und ein Hashtag ist, ich wusste, in welches Feld ich einen Tweet schreiben musste, und ich lernte, andere Twitter-Aktive auszumachen, denen zu folgen es sich lohnte. Der Bann war gebrochen – ich übernahm den Twitter-Account von "Sterne und Weltraum" in meine redaktionelle Verantwortung.

"Heute ist astronomischer Sommeranfang. Wir haben die kürzeste Nacht und den längsten Tag des Jahres." So oder so ähnlich lautete mein erster Tweet. (Das war vor genau einem Jahr, am 21. Juni 2011. Er hätte aber auch von heute, dem Sommeranfang des Jahres 2012, sein können.) Ich war erstaunt, dass schon kurze Zeit später einige meiner Follower diese Meldung retweeteten (also ihrerseits an ihre Follower weiterschickten).

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, und ich habe in dieser Zeit rund 3000 Tweets verschickt – Hinweise auf aktuelle Ereignisse am Himmel, Links zu aktuellen Nachrichten aus der Forschung, der Raumfahrt und der Amateurastronomie, Tipps zu eigenen Beobachtungen, Ankündigungen und Berichte von Veranstaltungen, Fotos von den Dingen, die ich selbst am Himmel beobachtet habe, Seriöses und Spaßiges, Sachliches und Flapsiges. Und: Indem ich selbst interessanten Institutionen und Personen folge, fühle ich mich besser und schneller informiert als ohne diesen Microblogging-Dienst – ein nicht unerheblicher Vorteil, wenn man als Redakteur arbeitet.

Mit das Wichtigste an Twitter, das lernt man schnell, ist aber die soziale Vernetzung – mit Gleichgesinnten, die den Spaß an Beruf und Hobby teilen, mit Lesern, mit Sternfreunden ganz allgemein. Diese Vernetzung ist zunächst rein virtuell (aber dennoch sehr ergiebig), kann aber auch zu persönlichen Begegnungen führen. So habe ich zweimal an einem so genannten SpaceTweetup teilgenommen: Einmal lud das DLR gemeinsam mit der ESA eine Gruppe von Leuten, die auf Twitter aktiv sind und sich für Raumfahrt interessieren, zu einer besonderen Veranstaltung während des Tages der offenen Tür in Köln ein (siehe Bildgalerie unten). Und ich hatte das Vergnügen, auf einer ähnlichen Veranstaltung der NASA diese Vernetzung auch international fortzuführen (und nebenbei den Start des Marsrovers Curiosity zu beobachten).

Inzwischen kann ich mir Twitter aus meiner täglichen redaktionellen Arbeit gar nicht mehr wegdenken. Und da astronomische Ereignisse sich nicht unbedingt an die üblichen Bürozeiten halten (und sich im Gegenteil bevorzugt nachts abspielen), ist ein mobiles Gerät zum Twittern immer dabei.

Und warum das Ganze? Weil ich Spaß daran habe, astronomisches Wissen zu vermitteln und Leute zum eigenen Beobachten anzuleiten. Das ist genau die gleiche Motivation, die vor 50 Jahren die Gründer unserer Zeitschrift hatten. Der einzige Unterschied: Das Medium ist ein anderes – der Zeit und der modernen Technik angepasst.

Hinzu kommt der Lohn, den man durch die Rückmeldung der Follower erfährt. Ein Schüler twitterte: "Indem ich @Sterne_Weltraum folge, habe ich bereits mehr über Astronomie gelernt als im einjährigen Astronomie-Physik-Kurs im Gymnasium." Das berührt. Viele Follower bedankten sich, nachdem sie durch meine Beobachtungshinweise erstmals die Venus oder den Jupiter am Himmel erkannten oder die ISS über sich hinwegziehen sahen. Volkstümliche Bildung in seiner besten Art.

Heute erhielt ich eine weitere Bestätigung für mein Tun. Beatrice Lugger – Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin und Social Media Consultant der Lindauer Nobelpreisträgertagungen – publizierte den dritten Teil ihrer Studie zu den Aktivitäten deutscher Wissenschaft auf Twitter. Darin analysiert sie unter anderem die Veränderung der Followerzahlen im Jahresvergleich. Bereits im zweiten Absatz findet sich die Bemerkung: "… die Zeitschrift Sterne und Weltraum hat ihre Twitter-Leserschaft fast verdreifacht …" Und etwas weiter heißt es: "Den größten Zuwachs verzeichnet Sterne und Weltraum mit einer Zuwachsrate von 2,9, die ihren Vorjahresstand somit fast verdreifacht haben (hier sieht man, dass Anfangen sich lohnt!)." Man beachte: "Sterne und Weltraum" hat eine größere Zuwachsrate als Spiegel Wissenschaft, FAZ Wissen odere andere Wissenschaftsmedien! (Okay, dieser Befund ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass wir vor einem Jahr mit einer relativ kleinen Followerzahl begonnen haben. Aber ein kleines bisschen stolz darf ich schon sein, oder?)

Und wie können Sie unsere Tweets nun lesen? Ganz einfach: Wenn Sie bei Twitter angemeldet sind, folgen Sie uns unter @Sterne_Weltraum. Aber auch, wenn Sie keinen eigenen Twitter-Account haben, können Sie unsere Nachrichten lesen: Öffnen Sie in Ihrem Webbrowser einfach die Adresse twitter.com/Sterne_Weltraum, und Sie können durch unsere Nachrichtenliste blättern.

Herzlichst, Ihr

Uwe Reichert

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