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Made in Germany Awards: »Hier passiert ganz viel Tolles und keiner kriegt es mit«

Deutschland ist reich an Erfindungen, aber arm an guten Geschichten darüber. Im Interview erklärt der Youtuber Jacob Beautemps, wie seine »Made in Germany Awards« mit Innovationen für bessere Stimmung im Land sorgen sollen.
Eine farbenfrohe Mindmap, die den Prozess von der Ideenfindung bis zur Umsetzung eines Geschäftsprojekts darstellt. In der Mitte ist eine Rakete, die den Start symbolisiert, umgeben von Symbolen wie einem Globus, Zahnrädern und Diagrammen. Begriffe wie "Business", "Work" und "Idea" sind hervorgehoben. Pfeile verbinden verschiedene Elemente, die Teamarbeit, Planung und Innovation darstellen. Die Abbildung vermittelt den kreativen und dynamischen Charakter eines Geschäftsprozesses.
Die Erfindung steht am Anfang. Zur Innovation braucht es dann aber noch den passenden Businessplan und vor allem: Marketing.

Jacob, zusammen mit Doris Mendlewitsch hast du das Buch »Unsere Zukunft neu denken« geschrieben. Darin beschreibst du, wie Innovationen entstehen. Eine gute Frage, finde ich. Wie entstehen denn Innovationen?

Innovationen entstehen immer durch eine bestimmte Art von Menschen. Das ist die wesentliche Erkenntnis, die ich von meinen Reisen durch ganz Deutschland, teilweise Rumänien, die USA und die ganze Welt mitgenommen habe. Ich habe Leute getroffen, die mit einem unfassbaren Drive an Innovation arbeiten und dieser Aufgabe einen Großteil ihres Lebens widmen. Und dabei arbeiten sie nicht nur daran, etwas zu entwickeln, sondern auch daran, ihre Entwicklung bekannt zu machen.

Du meinst, sie vermarkten ihre Erfindung auch?

Ja, viele Menschen in Deutschland sehen Entwicklung und Vermarktung oft als zwei getrennte Bereiche an. Am Anfang gibt es ja immer die Erfindung. Aber damit daraus eine Innovation wird, die in der Realität ankommt, muss ich halt noch mehr mitbringen als »nur« eine geniale Erfindung. Es braucht Marketing und Business. Und das ist etwas, was in Deutschland oft verpönt ist.

Jacob Beautemps |

Über seinen Youtube-Kanal »Breaking Lab« vermittelt der studierte Physiker und Soziologe einem breiten Publikum Themen aus Wissenschaft und Technik. Zudem ist er Erfinder des Livestream-Events YouTopia. 

Zumindest, was die Forschung angeht – eine Voraussetzung für Erfindungen –, steht Deutschland ja nicht schlecht da.

Speziell in der Spitzenforschung ist Deutschland unfassbar weit. Bei der Anmeldung von Patenten liegen wir beim europäischen Patentamt auf Platz zwei – bei den europäischen Ländern sogar auf Platz eins. Im Erfinden sind wir gut. Uns fehlt aber das Gespür dafür, aus der Erfindung ein Business zu machen. Und noch stärker fehlt sogar der Marketing-Part. Am Ende geht es schließlich darum, eine Geschichte zu erzählen, warum etwas eine grandiose Innovation ist und warum die Welt sie braucht. Es gibt Länder, die beherrschen diese Erzählweise – ok, teilweise vielleicht sogar ein bisschen zu gut, denn manchmal werden aus den guten Geschichten auch Märchen. Aber ich finde, wir könnten ruhig noch ein bisschen mehr positive Geschichten von Innovationen erzählen.

Vor einigen Monaten hattest du die Idee zu einem Preis, der Innovation aus Deutschland würdigt und der nun »Made in Germany Awards« heißt. Wie kam es dazu?

Mein Eindruck ist, dass die Stimmung im Land schlecht ist. Überall hört man, es gehe bergab. Jedes zweite YouTube-Video handelt davon, wie schlecht gerade alles ist und warum alles falsch läuft. Und, ja, es gibt Dinge, die nicht toll sind, gar keine Frage. Aber es gibt auch sehr viele Dinge, die richtig gut laufen, über die aber viel zu wenig gesprochen wird. Zum Beispiel gibt es sehr viel Innovation, die hier vorangetrieben wird – Innovation Made in Germany. In meinen Vorträgen frage ich immer mal so etwas in die Runde wie: »Was glaubt ihr: Wo wird gerade das größte Windrad der Welt gebaut?« Und die Leute rufen rein »USA« oder »China« oder »Skandinavien«. Aber es wird in Deutschland gebaut, in der Lausitz. Hier passiert ganz viel Tolles und keiner kriegt es mit. Die Frage zu dem Windrad habe ich vielleicht insgesamt an 10 000 Menschen gerichtet, teilweise auch bei Veranstaltungen zu erneuerbaren Energien. Und selbst in der eigenen Branche nimmt man teilweise nicht richtig wahr, dass es da diese krassen Erfolge gibt.

In Deutschland gibt es ja schon einige Innovationspreise. Warum braucht es nun einen weiteren Award?

Es gibt tatsächlich unfassbar viele Innovationspreise, aber das Problem ist: Von sehr vielen bekommt niemand was mit. Teilweise sind die ausgelobten Preise aufwendig und teuer, und die Leute müssen zahlen, um dort eine Idee einzureichen. Das ist ein großer Unterschied zu unseren Made in Germany Awards. Wir erreichen irre viele Leute, zum Beispiel über meinen eigenen Kanal »Breaking Lab«. Aber auch andere Creators beteiligen sich. Über alle Plattformen kommen wir auf eine Reichweite von mehr als 34 Millionen Followern. Wir haben mit Stern TV das Fernsehen als Medienpartner dabei, genauso sind auch Spektrum der Wissenschaft oder die F.A.Z. mit an Bord. Wir tragen den Award also in die breite Öffentlichkeit. Das ist der eine ganz große Unterschied. Der zweite ist, dass viele andere Innovationspreise bei der Vergabe oft intransparent sind. Wir machen das anders.

Und wie?

Jeder kann eine Innovation einreichen. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen, kurz SPRIN-D, prüft, ob die Einreichungen seriös sind und kuratieren dann daraus eine Auswahl. Diese Auswahl stelle ich in Breaking Lab vor, und dann kann die Community abstimmen. Wir haben also die größte Innovationsjury Deutschlands.

Deutschland galt ja mal als sehr innovatives Land. Dann kamen Smartphones, Mikrochips, E-Autos, KI, humanoide Roboter. In den Entwicklungen hatten Forscher in Deutschland sicherlich die Finger im Spiel, aber die großen Geschichten davon wurden woanders erzählt. Ist in den letzten 20 Jahre etwas schiefgelaufen?

Tatsächlich kamen auch in der jüngeren Vergangenheit viele wichtige Innovationen aus Deutschland. Schau dir beispielsweise die Solarenergie an, die Windenergie, auch in der Medizin gab es viele Innovationen. Oft haben aber andere ihre eigenen Innovationen – und auch die Innovationen anderer – deutlich besser vermarktet. Beispiel Computer: Der wurde auch in Deutschland erfunden. Es kommt nach wie vor sehr viel Innovation aus Deutschland. Übrigens auch im Bereich Robotik, in der Automatisierung von Produktion, da ist super viel in Deutschland passiert. Trotzdem muss man aber auch sagen, dass ein paar Dinge nicht so gut gelaufen sind.

Welche?

Das eine ist, dass wir sehr viel Innovation haben abwandern lassen. Die Solarenergie ist da nur ein prominentes Beispiel für das, was auch in vielen anderen Bereichen passiert. Manche Entwicklungen werden hier einfach nicht langfristig genug gedacht. Und der andere Punkt ist die Bürokratie. Dieser Punkt ist immer der erste, der genannt wird, wenn ich mit Leuten rede, egal, ob sie hier in Deutschland Innovation pushen oder ob sie aus Deutschland ausgewandert sind und woanders innovativ sind. Hier muss sich unbedingt etwas ändern, sonst wird es langfristig problematisch. Es gibt aber auch noch ein drittes Problem, und das ist größer, als man denkt. Es geht um den Mindset und darum, wie risikobereit wir sind. Es geht um den Mut zu sagen: Hey, ich wage jetzt einfach mal was! In anderen Ländern wie den USA gibt es eine viel höhere Risikoaffinität. In Deutschland haben wir stattdessen oft grandiose Ansätze, aber die werden dann nicht weit genug verfolgt, teils auch, weil der Mut von Kapitalgebern fehlt.

Aber wie schafft man sich dieses Mindset?

Wir brauchen positive Geschichten und Vorbilder, die jungen Menschen schon in Schule und Universität den Mut zum Gründen beibringen oder die ihnen Offenheit für unvorhergesehene Situationen mit auf den Weg gibt. Und wir müssen besser darin werden, auch über die Erfolge zu reden, statt immer nur darüber, was nicht funktioniert.

Über deinen Youtube-Kanal erreichst du Menschen aller Altersklassen, insbesondere aber auch junge. Dieses Mindset, von dem du sprichst, diese Bereitschaft, sich auch mal auf unvorhersehbare Situationen einzulassen, ist die je nach Generation unterschiedlich ausgeprägt?

Bei meinen Vorträgen treffe ich ja die Leute, die meinen Kanal sehen. Die sind zwischen 20 und 60 Jahre alt, und sie unterscheiden sich nicht in ihrer Einstellung, Dinge anzupacken und innovativ zu sein. Der große Unterschied bei Leuten, die Bock auf Innovationen haben, ist tatsächlich das Mindset. Einen Generationenkonflikt gibt es hier nicht. Was ich allerdings schon wahrnehme, ist, dass viele junge Leute verängstigt sind. Die Sorgen vor Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind hier schon verbreitet. Aber Innovationen können hier auch Hoffnung spenden. Leute, die Innovation machen, sind anders. Beispielsweise Forscherinnen und Forscher, die sich mit Lösungen für Nachhaltigkeit beschäftigen – die hätten allen Grund frustriert zu sein. Und trotzdem sind die alle total gut drauf! Natürlich sehen auch sie die Probleme, aber sie arbeiten eben auch an Lösungen und sind deswegen oft optimistisch.

Noch mal zurück zu dem Award. Ihr verleiht Preise in sechs Kategorien, zum Beispiel für KI, Energie, Medizin und Mobilität. Diese Kategorien sind ein Stückweit nachvollziehbar, denn hier geht es um neue Technologien. Wie ausgereift müssen diese Technologien denn sein?

Wir haben uns auf Technology Readiness Level von mindestens vier geeinigt, denn das sind genau die Dinge, die zeitnah unsere Zukunft verändern werden. Wir brauchen also einen Prototypen, und damit mehr als ein reines Konzept.

Dann gibt es noch die Kategorie Gesellschaft. Welche Art von Innovationen erwartet ihr hier?

Innovation kann sehr vielseitig sein. Hier geht es darum zu zeigen, dass Innovation nicht immer heißt, dass man die abgefahrenste Technik braucht. Es kann auch etwas sein, was gewissermaßen den vorhandenen Werkzeugkasten auf innovative Weise einsetzt, und zwar für das Gemeinwohl. Innovationen sind wichtig für eine funktionierende Gesellschaft. Die wesentlichen Spielregeln sind zwar immer klar, die stehen in unserem Grundgesetz. Angesichts immer neuer Herausforderungen müssen sie aber auch immer wieder neu interpretiert werden. KI wird die Gesellschaft so unfassbar verändern, beispielsweise unsere Arbeitswelt. Der demografische Wandel fordert neue Ansätze für das gesellschaftliche Miteinander. All das braucht Innovation.

Und dann gibt es aber auch noch die Kategorie »Ideen«. Geht's nicht bei jeder Innovation um Ideen?

Absolut, aber diese Kategorie unterscheidet sich von den anderen. Wir fordern hier kein spezielles Technology Readiness Level. Hier können einfach alle Leute teilhaben, auch solche, die nicht die Möglichkeit haben, einen Prototypen in einem Labor zu bauen. Die Community hat hier also die Möglichkeit, sich auszudrücken. Sie tauschen sich vielleicht über Ideen aus und möglicherweise kommen da Leute zusammen, die gemeinsam auf völlig neue Ideen kommen. Den größten Impact haben oft Projekte, die zunächst komplett unvorhergesehen waren. Und es soll dann auch ein bisschen zeigen: »Hey, jeder kann innovativ sein.« Man muss nicht gleich ein Roboterlabor bauen, um innovativ zu sein, sondern man kann auch einfach eine smarte Idee haben. Wie man mit Fake News umgeht, zum Beispiel, oder wie man Leuten KI beibringt oder so ähnlich.

Mit Blick auf die Innovationskraft im Land zeichnest du ein optimistisches Bild. Was muss in den nächsten zehn Jahren passieren, damit auch möglichst viele andere Menschen den Eindruck gewinnen, wir lebten in einem Innovationsland?

Zuallererst müssen wir ändern, wie wir über Themen reden. Dass alles entweder »grauenhaft« oder »super gut« ist, spiegelt die Realität nicht wider. Wir müssen gute Geschichten erzählen, ohne falsche Versprechungen zu machen, also Geschichten über realistische, gute Dinge. Das ist das Erste. Das Zweite ist der Bürokratieabbau, und drittens brauchen wir den Wandel im Mindset. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beweisen dafür, dass wir große Probleme gelöst bekommen. Man muss sich doch nur anschauen, wie die Leute vor 100, 200, 300 Jahren gelebt haben. Seither hat sich doch schon wirklich einiges zum Besseren verändert. Wenn wir mit einer positiven Einstellung zusammenkommen, kriegen wir megaviele Sachen hin. Und wenn es immer wieder heißt, hierzulande gehe es die ganze Zeit nur bergab, dann kann ich mit felsenfester Überzeugung entgegnen: Das Land ist innovativer, als es vielleicht aussieht.

Wie lässt sich messen, wie ausgereift eine Technologie ist? Dazu hat sich die neunstufige TRL-Skala (Technology Readiness Level) etabliert. Sie reicht von einer ersten Idee bis zum erfolgreichen Einsatz im Betrieb.

  • TRL 1: Grundprinzipien sind beschrieben und beobachtet. Wissenschaftliche Konzepte liefern erste Anhaltspunkte für eine mögliche Umsetzung.
  • TRL 2: Technologiekonzept ist formuliert. Die Idee wird konkretisiert und denkbare Anwendungen werden eingehender untersucht.
  • TRL 3: Machbarkeit ist experimentell nachgewiesen. Erste Untersuchungen im Labor bestätigen, dass die Technologie grundsätzlich funktionieren kann.
  • TRL 4: Einzelne Komponenten sind im Labor validiert. Erfolgreich getestete Bauteile zeigen auf, wie ein Prototyp aussehen muss.
  • TRL 5: Technologie wird in die Einsatzumgebung überführt. Die Komponenten kommen in ein Umfeld mit realitätsnäheren Anforderungen.
  • TRL 6: Prototyp wird in realistischer Umgebung demonstriert. Das System arbeitet möglichst nah am tatsächlichen Bedarf.
  • TRL 7: Prototyp wird eingesetzt. Die Technologie fügt sich erstmals in ein bestehendes industrielles Umfeld ein und wird dort getestet.
  • TRL 8: Das System ist vollständig und qualifiziert. Alles ist funktionstüchtig und erfüllt sämtliche praktischen Anforderungen.
  • TRL 9: Erfolgreicher Betrieb. Die Technologie hat sich im regulären Einsatz bewährt.

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