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Futur III: Grüne Fassade

Die Natur schlägt zurück.
Bosco Verticale, die begrünten Zwillingstürme eines Hochhauskomplexes in Mailand, Italien

Aus der Luft sieht Chicago mehr denn je aus wie ein Dschungel: fast nur Grün.

Und Lucas ist dafür verantwortlich.

Er steht am Panoramafenster der Zeppelin-Gondel und blickt auf sein Werk hinab.

Überall, wo unten kein Sonnenkollektor schimmert, wuchern Pflanzen. Bäume. Sträucher. Büsche. Ranken. Gräser. An Fassaden, auf Dächern, zwischen den Schienen, in den Straßen. Dazu kommen große Rasenflächen, ausgedehnte Parks, kleine Wäldchen, breite Kanäle.

Die ganze Stadt strotzt vor filterndem, kühlendem, CO2-abbauendem Grün.

Vor natürlicher Effizienz.

Lucas hört Schritte, die sich ihm nähern.

»Stolz?«, fragt Basira und schmiegt sich von hinten an ihn, schlingt zärtlich die schlanken Arme um seinen Hals.

»Irgendwer muss den Job ja machen«, antwortet Lucas leicht lächelnd, neigt den Kopf und küsst ihr Handgelenk.

»Tu nicht so bescheiden.« Basira klingt amüsiert. »Wie nennt dich die Presse? König des urbanen Dschungels! Bewahrer unserer Metropolen! Gärtner der Zivilisation! Retter des Planeten!«

»Hör auf.« Lucas küsst auch Basiras andere Hand. »Du weißt, dass ich sie das nur schreiben lasse, weil es ohne PR noch schwieriger wäre. Außerdem rette ich nicht den Planeten. Nur die Welt für uns Menschen. Und selbst das nicht allein.«

»Nicht?« Basiras Arme um seinen Hals drücken spielerisch etwas fester zu. »Pah! Was mach ich dann noch in diesem Zeppelin?«

Er lächelt, wegen Basira – und wegen allem anderen.

Lucas ist ein zufriedener Mann.

Als die Menschheit es kurz vor knapp doch noch kapiert hat, wurde der Kampf gegen die Klimakatastrophe zu einem äußerst profitablen Geschäft.

Flutmauern. Waldbrandbekämpfung. Algenfarmen. Wiederaufforstung. Reservate für bedrohte Tierbestände. Offshore-Windparks. Gen-Hacking. Riff-Restauration.

Und eben urbane Begrünung.

Lucas’ Fachgebiet.

Oder besser gesagt: das seiner Firma.

»Ich zieh mich um.« Basira löst sich von ihm. »Damit ich für die Pressedrohnen gut aussehe, wenn ich neben dem grünen Messias aus dem Zeppelin steige …«

Lucas lacht so sehr, dass ihm die Tränen kommen und seine Sicht auf die Stadt verschwimmt.

Der Kampf gegen die Klimakatastrophe wurde zu einem äußerst profitablen Geschäft

Wenn man eine wankende Zivilisation in einer zunehmend unwirtlichen Welt retten will, sind Leute wie Lucas plötzlich sehr gefragt.

Leute mit Fähigkeiten, Ressourcen, Strukturen, Visionen.

Seit 30 Jahren begrünt Lucas nun schon die Großstädte dieser geplagten Erde. Sein Haar und sein Bart sind dabei grau geworden, die größten Citys auf vier Kontinenten jedoch wesentlich grüner, gesünder und gastlicher – besser gewappnet für Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Fluten.

»Mir steht eine ganze Armee zur Verfügung«, erklärt Lucas gerade in einem der Livestream-Interviews, an die er sich längst gewöhnt hat, die er allerdings nie mögen wird. Er muss daran denken, dass er eben im Zeppelin etwas Ähnliches zu Basira gesagt hat. »Städteplaner und Architektinnen. Biologen und Genetikerinnen. Die Landschaftsbauer, Gärtnerinnen und Bauarbeiter nicht zu vergessen, die all die Pläne und Projekte umsetzen – und die oft von einheimischen Firmen oder Freiwilligen unterstützt werden.« Bei diesen Worten blickt Lucas an der Schulter der Moderatorin vorbei, genau in eine der schwebenden Cam-Drohnen. »Wir schaffen es nur als Gemeinschaft. Als Kollektiv.«

Die Medien lieben solche Sätze, die bestens zum Zitieren und Hervorheben geeignet sind.

Lucas gibt bei seinen nächsten beiden Interviewterminen noch ein paar Varianten zum Besten.

Am Nachmittag setzt er in der ersten Verhandlungsrunde über die Verlängerung des Begrünungsprojekts den Bürgermeister und den Stadtrat von Chicago massiv unter Druck.

Abends machen es sich Lucas und Basira auf dem Sofa im Wohnzimmer seines hiesigen Penthouses bequem.

Es ist schon spät, als ein Anruf kommt.

Lucas hört lediglich zu, betrachtet dabei die bewaldete Dachterrasse hoch über der Metropole. »Bin unterwegs«, sagt er schließlich und trennt die Verbindung.

»Probleme?«, fragt Basira.

Er beugt sich vor und küsst sie. »Wahrscheinlich nicht. Aber der Boss macht alle nervös, wenn er in der Stadt ist.«

»Mich nicht.«

»Du bist ja auch was Besonderes. Bis später …«

Nun ist der Aktivist nicht mehr so gelassen

Die E-Limousine, wie sein Luftschiff von einer KI gesteuert, gleitet in die Tiefgarage. Security-Leute mit dem grünen Firmenlogo auf der Brust erwarten ihn bereits.

»Wir haben ihn in Labor 7C auf Ebene –2 geschnappt«, wird Lucas von Tonya, der Sicherheitschefin der Anlage, mit militärischer Sachlichkeit informiert. »Arbeitet seit drei Wochen als Praktikant hier. Er hat Zugangskarten kopiert und wollte an ein Terminal mit Zugriff auf all unsere sensiblen Daten.«

»Industriespionage? Sabotage?«

»Er ist ein Aktivist.«

Lucas seufzt. »Na wunderbar.«

Tonya bringt ihn zu dem Mann, den sie geschnappt haben.

Er ist sehr jung. Und vorlaut. Trotz der Plastikfesseln, die in seine Handgelenke schneiden. »Wow! Der Endgegner persönlich! Ich hab’ Sie mir immer größer vorgestellt.«

Lucas erinnert sich, wie es gewesen ist, so jung und so selbstbewusst zu sein. »Sagen Sie mir trotzdem, was Sie hier wollten?«

Ein übertrieben sorgloses Schulterzucken. »Die Welt soll endlich sehen, dass das alles nur grüne Fassade ist.«

Lucas nickt unverbindlich. »Was genau?«

»Alles! Die Pflanzen, die Ihre Firma seit Jahrzehnten erschafft, sind unnatürliche Hybriden. Sie breiten sich auch außerhalb der Städte aus und zerstören das, was von den alten Ökosystemen noch übrig ist.«

»Weil sie Unwettern widerstehen?«, fragt Lucas ruhig.

»Sie wissen genau, was Ihre Mutanten für die Natur da draußen bedeuten! Für andere Pflanzen. Für Tiere. Für den Boden.« Der Aktivist schnaubt. »Und Sie setzen auf verbotene, nicht getestete Substanzen bei Kompost und Dünger. Ich kenne die Videos der Whistleblower. Und wofür? Damit die grüne Fassade noch schneller wächst. Sie tun total öko. Aber in Wahrheit ist es bloß ein weiteres dreckiges Geschäft. Grüngewaschener Kapitalismus. Einfach das nächste Monster. Sie sind das nächste Monster.«

»Hm«, macht Lucas. Er sieht Tonya an. »Ich will so knapp vor unserem neuen Deal keine Aufmerksamkeit. Keine Polizei. Keine Presse.« Er zögert nur kurz. »Erledigt ihn und werft ihn auf einen Komposter.« Von denen, groß wie Footballfelder, haben sie ganz unten in der Anlage tatsächlich einige. »Die haben’s ihm ja so angetan.«

Nun ist der Aktivist nicht mehr so gelassen.

Er zappelt und brüllt, droht und bettelt.

Tonya tritt hinter ihn und setzt einen Choke an, bis er bewusstlos wird. »Entschuldigen Sie die Störung«, sagt sie zu Lucas.

»Schon gut.« Lucas lächelt leicht. »Ich bring Basira Algensushi von unterwegs mit. Das wird sie freuen …«

Ein Klopfen. Von draußen

Die Vertragsverlängerung mit Chicago ist seit sechs Monaten unter Dach und Fach, dennoch kommt Lucas regelmäßig zurück. Sein Zeppelin pendelt zwischen hier und dem Rest der Welt.

Basira hat in der Stadt einen Job als Moderatorin eines Streaming-Formats bekommen, der ihr großen Spaß macht. Sie avanciert endgültig zum Gesicht des andauernden Kampfes gegen die Klimakrise. Hat aber auch Nachteile.

»Heute wird es spät«, sagt sie bei ihrem Anruf an diesem Abend.

Also geht Lucas nach einer Konferenzschaltung mit Köln und Paris, wo er die ausgetrockneten Flussbetten neu begrünen soll, früh zu Bett. Ein seltener Luxus für ihn.

Er weiß nicht, wie lange er geschlafen hat, als er hochschreckt und das Geräusch hört.

Ein Klopfen. Von draußen.

Aus Richtung der breiten Glasfront des Penthouses.

Lucas erhebt sich, geht nur in Shorts und Shirt ins Wohnzimmer, zur schier endlosen Fensterwand. Späht in die Dunkelheit der Dachterrasse, die so grün ist und wuchert wie der Rest der City.

Ein kleiner Dschungel inmitten des großen Dschungels.

Lucas erwartet, im gedimmten Glühen der Energiesparleuchten draußen einen Vogel zu sehen. Von denen nisten in den Bäumen hier oben viele. Aber nichts. Vielleicht ist er bereits wieder weggeflogen.

Gerade als Lucas sich abwendet, klopft es abermals ans Glas.

Genau hinter ihm.

Er fährt herum – und sieht erneut nichts als die Nacht in seinem Privatdschungel. Seufzend gibt er der Penthouse-KI den Befehl, die Balkontür zu entriegeln. Denn es würde Basira schwer mitnehmen, falls sie morgen früh beim Yoga im Grünen einen toten Vogel entdecken sollte.

Lucas tritt hinaus in die laue Nacht und spürt seine nackten Füße auf warmem Gras. Es riecht nach Wald und Garten. Für Lucas der Duft des Erfolgs. »Wo bist du?«, fragt er und geht ein Stück an den Fenstern entlang.

Da berührt etwas von hinten seinen rechten Knöchel.

Lucas entfährt ein spitzer Schrei. Er führt einen Tanz auf – und kommt sich sofort albern vor, als er die Ranke einer Kletterpflanze sieht, die ihn gestreift hat.

So nah sollte das Ding eigentlich nicht ans Glas kommen.

Da haben es die Gärtnerinnen und Gärtner, die vor einigen Wochen hier gewesen sind, mit dem Dünger wohl zu gut gemeint.

Lucas beschließt, den Vogel seinem Schicksal zu überlassen und Basiras Tränen am nächsten Tag in Kauf zu nehmen.

Kurz bevor er die Tür erreicht, legt sich etwas Festes um seinen Hals und zerrt ihn rabiat zurück.

Lucas krallt die Hände in den grünen Tentakel, der unerbittlich den Druck erhöht.

Röchelnd geht Lucas zu Boden.

Die Schlinge um seinen Hals zieht sich immer fester zu.

Er sieht noch, wie eine weitere Ranke, die sich ins Penthouse geschlängelt hat, zielsicher auf seinem Laptop herumtippt, der die größten Geheimnisse der Firma enthält.

Die Schwärze greift nach ihm.

Sein letzter Gedanke gilt Basira, die nun mehr finden wird als einen toten Vogel im Grün.

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