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Der Ursprung des Universums.Wie Raum, Zeit und Materie entstanden.

Aus dem Englischen von Friedrich Griese. Bertelsmann, München 1998. 176 Seiten, DM 36,90.

Das Buch faßt die populärwissenschaftlichen Darstellungen des Autors zum Ursprung des Universums zusammen, die bisher nur verstreut in seinen anderen Büchern vorgelegen haben. Dort sind sie in ausufernden Überlegungen zu deren eigentlichen Themen wie „Die linke Hand der Schöpfung“ (mit Joseph Silk, 1995), „Die Natur der Natur“ (1996) sowie „Theorien für Alles“ (1996) nahezu untergegangen. Ich habe das immer bedauert, weil Barrow gerade über das Thema „Ursprung des Universums“ mit bemerkenswerter Klarheit zu schreiben versteht.

Den jetzt vorgelegten Band halte ich für rundum gelungen. Zu bedauern ist nur, daß er so spät geschrieben wurde (das Original ist 1994 erschienen) und erst jetzt in deutscher Sprache vorliegt. Nicht daß sich seit 1991, als „Theorien für Alles“ im Original erschien, vieles so sehr geändert hätte, daß populärwissenschaftliche Darstellungen dies berücksichtigen müßten. Aber Barrows Originalität wäre gebührend gewürdigt worden. Heute steht sein Buch neben zahlreichen Werken anderer Autoren, die ebenfalls bemerkenswert klar über Themen wie Inflation, Schwarze Löcher, Singularitäten, andere Universen und Weltmodelle berichten.

Bei keinem anderen, bei Barrow selbst zuvor nur in einer kurzen Bildunterschrift, habe ich eine Einsicht über die Zahlenwerte von Natur„konstanten“ dargestellt gesehen, die jetzt die Seiten 141 bis 149 einnimmt: Modelle zur Erklärung der tatsächlichen Werte dieser „Konstanten“ sollten nicht nach deren absolut wahrscheinlichsten Werten suchen, sondern nach den wahrscheinlichsten unter der Bedingung, daß sie Leben erlauben. Die wahrscheinlichsten mögen anderswo realisiert sein, nicht unbedingt aber dort, wo sich intelligente Wesen um ihr Verständnis bemühen.

Ich habe mich durch Vergleiche davon überzeugt, daß Barrow seine älteren Darstellungen in dem neuen Buch wieder verwendet, oft mit winzigen sprachlichen Änderungen, deren Grund nicht immer offensichtlich ist. Eine deutlich verbesserte Neufassung verwendet ein Zitat statt indirekter Rede: „In dem Film Annie Hall liegt Woody Allen auf der Couch seines Analytikers und erzählt von seiner Angst im Hinblick auf die Expansion des Universums: ,Das heißt ja, daß Brooklyn sich ausdehnt, daß ich mich ausdehne, daß Sie sich ausdehnen, daß wir alle uns ausdehnen.' Da irrt er, Gott sei Dank. Wir dehnen uns nicht aus. Auch Brooklyn nicht … Nicht einmal die Ansammlungen von Tausenden von Galaxien, die wir ,Galaxienhaufen' nennen. Diese Zusammenballungen von Materie werden alle von chemischen und Gravitationskräften zwischen ihren Bestandteilen zusammengehalten – Kräften, die stärker sind als die Expansionskraft.“

Ich habe dieses Beispiel unter vielen auch deshalb gewählt, weil es Appetit machen kann auf Barrows Antwort auf eine Frage, die von Hörern populärwissenschaftlicher Vorträge zum Ursprung des Universums oft gestellt wird – was expandiert, was nicht, und warum.

Den viel zu viel verheißenden Untertitel „Wie Raum, Zeit und Materie entstanden“ haben wohl Werbestrategen des deutschen Verlages hinzugefügt; im Original ist er nicht enthalten. In der Tat – das Buch erwägt viele Möglichkeiten und stellt einige Gewißheiten im Zusammenhang mit dem Ursprung des Universums heraus. Aber nur Scharlatane können heute eine Antwort auf die Frage versprechen, wie Raum, Zeit und Materie entstanden. Ein Scharlatan ist Barrow aber gewiß nicht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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