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Konzentration: Kann man ohne Frühstück schlechter denken?

Hängt der Magen in den Kniekehlen, streikt gefühlt auch der Kopf. Um das zu ergründen, wird im Dienst der Wissenschaft das Müsli gestrichen.
Mädchen frühstückt am Laptop
Gerade Schüler kommen morgens geistig besser in die Gänge, wenn sie satt sind. (Symbolbild)

Wer kennt nicht den Spruch »Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages«? Tatsächlich ist er ein Werbeslogan für Kellogg’s Frühstücksflocken aus dem Jahr 1917. Dem gegenüber steht ein jüngerer Trend: das Intervallfasten, bei dem man die tägliche Nahrungszufuhr auf ein bestimmtes Zeitfenster beschränkt. Oft fällt das Frühstück dabei aus. Dem Intervallfasten werden weit reichende gesundheitliche Effekte zugeschrieben, von einer verbesserten Insulinsensitivität, die bei Diabetes Typ II beeinträchtigt ist, bis hin zu einem längeren Leben – Letzteres jedoch nur basierend auf Tierstudien. Was stimmt nun? Muss ich frühstücken, um fit und leistungsfähig zu sein? Oder sollte ich zu Gunsten meiner langfristigen Gesundheit darauf verzichten?

In einer Reihe von Studien wurde untersucht, ob das Auslassen des Frühstücks zu kognitiven Leistungseinbußen führt. Das war insbesondere bei Schülerinnen und Schülern der Fall, da die ersten Unterrichtsstunden schon früh geistige Fokussierung verlangen. Eine 2016 veröffentlichte Übersichtsarbeit von Psychologinnen der University of Leeds fasste 45 Studien zusammen, die die morgendliche Leistungsfähigkeit mit und ohne Frühstück verglichen hatten. Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche konnten sich ohne Frühstück schlechter konzentrieren. Die Probleme an frühstücksfreien Tagen betrafen Aufmerksamkeit, Gedächtnis und so genannte exekutive Fähigkeiten – also zum Beispiel das Treffen von Entscheidungen. Diese Effekte waren aber kurzlebig und traten vermehrt bei Schülerinnen und Schülern auf, die sich zu Hause ungesund ernährten. Außerdem entdeckten die Wissenschaftlerinnen methodische Schwächen in den betrachteten Experimenten, zum Beispiel zu kleine Stichproben und eine Überrepräsentation von Sechs- bis Zehnjährigen. Zudem fanden die meisten Versuche im Labor statt. Um die Ergebnisse auf den echten Schulalltag übertragen zu können, ist daher weitere Forschung nötig.

Schränkt ein leerer Magen auch bei Erwachsenen die Denkkraft ein? Ein ebenfalls 2016 erschienener systematischer Übersichtsartikel spricht dafür. Erwachsene, die etwas gegessen hatten, zeigten am Vormittag leichte Vorteile, was ihre Merkfähigkeit anging. Keinen klaren Einfluss hatte die Morgenmahlzeit bei ihnen auf Aufmerksamkeit und exekutive Fähigkeiten. Das Team prüfte zudem, ob die Art des Frühstücks eine Rolle spielt. Es fand jedoch keine ausreichend belastbaren Studien, um eine abschließende Aussage etwa darüber zu treffen, ob Rührei fitter im Kopf macht als zuckrige Maisflocken.

Obwohl die Aussagekraft einiger Studien begrenzt ist, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Frühstücken zumindest kurzfristig Vorteile bringt. Die naheliegende Erklärung: Denken braucht Energie, die das Gehirn vorwiegend aus Glukose zieht. Ohne das Marmeladenbrot ist das Gehirn schlechter damit versorgt. Allerdings wäre auch eine andere Erklärung denkbar. Die meisten Menschen sind schlicht an ihr Frühstück gewöhnt. Wird es ihnen im Dienst der Wissenschaft vorenthalten, sinkt die Laune. Dadurch leidet womöglich die Motivation, sich in den Konzentrationsaufgaben anzustrengen, die Teil der Studien sind.

Mit letzterer Hypothese wäre die Beliebtheit des Intervallfastens besser in Einklang zu bringen, da hier die Nachteile nur am Anfang einer Ernährungsumstellung auftreten würden. Wie bei jeder Veränderung braucht es auch beim Intervallfasten eine Umgewöhnungszeit, in der Nebenwirkungen wie Abgelenktheit und Konzentrationsschwierigkeiten auftreten. Unsere evolutionäre Geschichte war jedoch geprägt von längeren Perioden ohne Nahrungszufuhr, was unter anderem dazu führte, dass wir eingelagertes Fett verstoffwechseln können. Dank dieser alternativen Energiequelle ist sichergestellt, dass unser Gehirn ausreichend Energie erhält, selbst wenn wir eine Weile ohne Nahrung auskommen müssen. Wenn man also bereit ist, einen holprigen Start in Kauf zu nehmen, kann man langfristig wahrscheinlich auch ohne Frühstück wach im Kopf sein – natürlich nur, solange man trotzdem insgesamt ausreichend Nährstoffe zu sich nimmt.

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  • Quellen

Adolphus, K. et al.: The effects of breakfast and breakfast composition on cognition in children and adolescents: A systematic review. Advances in Nutrition 7, 2016

Galioto, R., Spitznagel, M. B.: The effects of breakfast and breakfast composition on cognition in adults. Advances in Nutrition, 7, 2016

Mattson, M. P.: An evolutionary perspective on why food overconsumption impairs cognition. Trends in Cognitive Sciences 23, 2019

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