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Grafologie: Was verrät die Handschrift über uns?

Handschrift mit FüllfederLaden...

Wenn der ehemalige US-Präsident Donald Trump vor laufender Kamera einen Erlass unterschrieb, setzte er meist eine riesige ­Unterschrift unter das Dokument. Wer ihm dabei zusah, dachte vielleicht: typisch! Das beweist, dass die Handschrift den Charakter eines Menschen widerspiegelt – aus der Schriftgröße lässt sich sicher auf das Selbstbewusstsein des Schreibers schließen. Doch was ist an der Grafologie, der Lehre von der Handschrift als Ausdruck der Persönlichkeit, wirklich dran?

Es klingt zunächst durchaus plausibel, dass die Art und Weise, wie wir uns bewegen, etwas über das aktuelle Befinden oder den Charakter aussagt. Was für die Körperhaltung oder den Gang zutrifft, könne auch für die Handschrift gelten. Allerdings gibt es inzwischen zahlreiche empirische Studien, die keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Schriftmerkmalen ergaben. Selbst akuter Stress und emotionale Belastung führen allenfalls zu einem undeutlichen Schriftbild, weil die Betreffenden schneller als üblich mit den Stift hantieren. Und wenn es ­anders lautende Befunde gab, so gründeten diese meist auf schwachen statistischen Effekten. Um beim Beispiel Trump zu bleiben: Vermutlich kennt fast jeder einen Menschen, der überaus selbstbewusst ist und trotzdem keine weit ausholende Handschrift hat.

Zudem kursieren eine Menge falsche Versprechen. So sind viele Aussagen von Grafologen schlicht unseriös – etwa die, eine Schriftprobe könne dem Arbeitgeber verraten, ob eine Bewerberin schwanger ist. Laut US-amerikanischen »Experten« soll sich das an der Breite der g-Schleife im Bewerbungsschreiben ablesen lassen.

Verrät Handgeschriebenes denn wenigstens das Geschlecht des Verfassers? Auch darüber lässt sich keine sichere Aussage treffen. Gleichwohl haben etwas mehr Frauen als Männer eine regelmäßige, ordentliche Handschrift. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass Frauen im Schnitt über eine bessere Feinmotorik ver­fügen. Doch diese Unterschiede im Schriftbild gingen in den letzten Jahrzehnten immer mehr zurück. Mitte des letzten Jahrhunderts legte man in der Schule noch gro­ßen Wert auf Schönschrift – und zwar vor allem bei Schülerinnen, die man stärker als Schüler auf eine saubere, gut leserliche Handschrift trimmte.

Viele Erwachsenen schreiben nicht mehr so, wie sie es in der Schule gelernt haben. Die Handschrift verändert sich im Lauf des Lebens. Wie man etwa mit 18 Jahren seinen Führerschein signierte, hat oft nur wenig mit der Unterschrift 20 Jahre später zu tun, denn mit der Zeit verkürzt und vereinfacht sich das Schriftbild. Im höheren Alter können zudem feinmotorische Störungen auftreten, die sich in der Handschrift, nicht aber in der Grobmotorik zeigen. Darüber hinaus verwenden Ältere mitunter noch Buchstaben in Sütterlinschrift.

Nicht nur das Alter, sondern auch bestimmte Krankheiten verändern das Schriftbild. Parkinsonpatienten haben oft eine verkleinerte Handschrift, die so genannte Mikrografie. Als man in den 1950er Jahren erstmals Neuroleptika zur Behandlung von Schizophrenie einsetzte, riefen diese bei zu hoher Dosierung parkinsonähnliche Symptome hervor. Der Psychiater Hans-­Joachim Haase führte die Handschriftenanalyse zur ­Bestimmung der passenden individuellen Dosis ein. Denn bevor gravierende Nebenwirkungen in anderen Bereichen oder im subjektiven Erleben zu Tage traten, waren sie bereits in der Schreibmotorik erkennbar. Zwei weitere Faktoren sind wichtig: Beruf und Herkunft. Längere Schulzeiten, Studium und ein Beruf, in ­dem viel geschrieben wird, führen zu einem vereinfachten Schriftbild. Das oft unleserliche Gekrakel von Ärzten ist ein gutes Beispiel. Häufig verrät die Handschrift zudem, in welchem Land der Schreiber zur ­Schule ging. Die deutsche »Schulausgangsschrift«, die die Grundlage des Unterrichts bildet, unterscheidet sich in einzelnen Merkmalen von der in anderen Ländern.

Allerdings ist völlig offen, ob uns die Schrift als Informationsquelle in Zukunft erhalten bleibt. Wir schreiben immer weniger per Hand, sondern tippen auf Tastaturen oder Displays, und die digitale Unterschrift setzt sich zunehmend durch. Damit schwindet vermutlich die Chance, Rückschlüsse aus der Handschrift auf den jeweiligen Menschen zu ziehen.

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  • Quellen
Halder-Sinn, P. et al.: Handwriting and emotional stress. Perceptual Motor Skills 87, 1998

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