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Ausgestorbene Sprachen: Kann man herausfinden, wie eine verschwundene Sprache einst klang?

Kann man herausfinden, wie eine verschwundene Sprache einst klang? Ja, sagt der Linguist Christian Nicolas. Um auf das Lateinische zurückzuschließen, vergleicht er die Lautentwicklung von dessen Tochtersprachen.
Lateinische Inschrift

Auf der Welt werden derzeit ungefähr 7000 verschiedene Sprachen gesprochen. Man schätzt, dass jeden Monat zwei von ihnen mit ihrem letzten Sprecher aussterben. Eine Vielzahl von Sprachen sind so schon verschwunden – oft ohne die geringste materielle Spur zu hinterlassen.

Um diese Phantome wieder zum Leben zu erwecken, verwenden Linguisten verschiedene Methoden. Einige der verlorenen Sprachen haben eine Schrift entwickelt, die wir heute entschlüsseln können. Aber ihren Inhalt zu verstehen, bedeutet nicht zwangsläufig, auch zu wissen, wie sich die Sprache anhörte. Dazu benötigen wir historische Dokumente, die ihre Phonetik – die sprachlichen Laute – beschreiben. Allerdings erfahren wir daraus nur etwas über die betreffende Periode, denn die gesprochene Sprache entwickelt sich schnell.

Die beste Methode, um die Laute einer Sprache zu rekonstruieren, ist ihre Tochtersprachen zu vergleichen und daraus auf die wahrscheinlichste Entwicklung zu schließen. Wir können zum Beispiel den lateinischen Laut, den wir mit dem Buchstaben »g« schreiben, aus den romanischen Sprachen ableiten, da sie sich aus dem Lateinischen entwickelten. Die »g«-Laute der romanischen Sprachen spricht man vor den meisten Konsonanten und vor den Vokalen »a«, »o« und »u« als »Plosiv«, als Verschlusslaut, etwa im französischen Wort für Junge, »garçon«. Vor dem »e« und dem »i« jedoch bilden sie einen »Frikativ«, einen Reibelaut, wie im französischen »genre«. Doch dieses weiche »g« wird in jeder romanischen Sprache unterschiedlich ausgesprochen.

Um die Laute einer Sprache zu rekonstruieren, kann man ihre Tochtersprachen hinzuziehen

Daraus folgt: Im historischen Latein handelte es sich um einen Verschlusslaut; erst später entwickelten sich die Reibelaute – weil sie sich vor »e« und »i« bequemer aussprechen lassen: Das frikative »g« ist näher an der Artikulation der hellen Vokale »e« und »i«, da sich die Zunge in diesen Fällen nach vorne bewegt, während das plosive »g« einer Rückwärtsbewegung der Zunge bedarf. Dessen Verschwinden vor »e« und »i« in den lateinischen Tochtersprachen liegt also daran, dass sich »ge« und »gi« als Reibelaut leichter aussprechen lassen.

Auf diese Weise kann man Phoneme historischer Sprachen ziemlich genau zurückverfolgen. Das gilt zwar immer nur für eine bestimmte Epoche, aber wenn man den gemeinsamen Stammbaum berücksichtigt, lässt sich auf die Aussprache in anderen Perioden schließen.

Wir können diese Methode auch auf Sprachen übertragen, für die es keine Schriftzeugnisse gibt. Das beste Beispiel ist die indogermanische Ursprache, die laut einigen Theorien vor rund 8000 Jahren verschwand, aber ein großes Erbe hinterließ: im Lateinischen, im Griechischen, in den germanischen und in vielen weiteren Sprachen. Anhand dieser Nachfolger können wir die Laute des Indogermanischen heute noch nachvollziehen.

Ein Beispiel: Um auf die Aussprache des indogermanischen Wortes für »Vater« zu schließen, betrachtet man seine Nachkommen etwa im Lateinischen und Griechischen (»pater«), Sanskrit (»pitar«), Deutschen (»Vater«) und Englischen (»father«). In den drei ältesten Sprachen, Griechisch, Latein und Sanskrit, beginnt das Wort mit dem Phonem »p«. Also ist davon auszugehen, dass das auch für das Indogermanische gilt. Es ist außerdem einfacher, den Übergang von »p« zu »f« zu erklären als den in umgekehrter Richtung, weil ersterer die Artikulation erleichtert. Aus denselben Gründen dürfte das dritte Phonem eher der Verschlusslaut »t« gewesen sein als ein Reibelaut wie im englischen »father«. Andere Varianten sind zwar denkbar, aber weniger wahrscheinlich – und so lässt sich rekonstruieren, wie eine seit Jahrtausenden verschwundene Sprache vermutlich einmal geklungen hat.

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