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Kommt die Malaria nach Deutschland zurück?

Noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts grassierte die Malaria in Deutschland und forderte vor allem im Rheintal viele Todesopfer. Berühmtester Leidtragender war wohl Schiller: Er erholte sich nie von der Krankheit, die er sich mit 23 in Mannheim zuzog. Spätestens 1920 galt die Tropenkrankheit dann aber hier zu Lande offiziell als ausgerottet. Zu früh, denn am Ende des Zweiten Weltkriegs lief erneut eine Welle des Fiebers durch Deutschland. Zurückkehrende Soldaten brachten den Parasiten in ihrem Blut mit nach Hause - die Überträgermücke, die es in Deutschland noch gab und auch weiterhin gibt, verbreitete den Parasiten. Demnach müssten wir uns doch eigentlich auch heute noch vor Malaria fürchten – oder nicht?

Als Johann Gottfried Tulla 1817 begann, den Rhein zu begradigen, tat er das zum Hochwasserschutz und nicht, um die Malaria in Deutschland auszurotten. Trotzdem: Durch die Regulierung des Gewässers trockneten die Rheinarme aus, und Überschwemmungen wurden immer seltener. Am Ende hatte damit der hiesige Überträger des Parasiten – die Stechmücke Anopheles maculipennis – seine Brutplätze verloren. Sein Zwischenwirt, der Mensch, veränderte zudem seine Gewohnheiten: Die früheren Überschwemmungsgebiete wurden nun für Landwirtschaft genutzt, und man siedelte sich in flussferneren Regionen an. Das machte den Weg des Moskitos zu seinem Wirt beschwerlicher; gleichzeitig aber hatte der Parasit noch ein schwerer wiegendes Problem: Bei den niedrigen Temperaturen in Deutschland ist sein Lebenszyklus so langsam, dass eine Mücke etwa fünf Blutmahlzeiten braucht, bis der Einzeller infektiös ist. Das Insekt musste demnach mindestens fünfmal von seinen Brutgewässern zum Blutwirt fliegen – der nun im Durchschnitt knapp einen Kilometer entfernt vom Fluss zu finden war –, um den Parasiten beim Stechen zu übertragen.

Schlechte Karten also für die Malaria. Zum endgültige Aus für den Parasiten wurde aber, dass sein Überträger sich nicht mehr die Mühe machen musste, bis zum Menschen zu fliegen. Stattdessen konnte er nun mit den in direkter Nähe seiner Brutplätze weidenden Rindern vorliebnehmen. Damit waren dem Malariaerreger der Zwischenwirt und so auch die Überlebensgrundlage geraubt.

Zumindest unsere ortsansässige Anopheles-Art wird uns heute folglich wohl keine Infektion mehr bescheren, denn sie hat sich so sehr an die Rinder gewöhnt, dass sie das Vieh heute einem Menschen sogar vorzieht. Und noch etwas hat sich geändert: Der Parasit kann in den Mücken des Rheintals kaum noch überleben – zu grundlegend haben sie sich mittlerweile verändert.

Allerdings gab es in Deutschland ohnehin nie die Malaria, vor der man sich heute fürchtet, sondern nur die mildere Malaria tertiana: Sowohl der Plasmodium-Spezies der gefährlichen Malaria tropica als auch dessen Überträger Anopheles gambiense ist es in Deutschland zu kalt.

Bleibt noch zu klären, ob die Anopheles-gambiense-Mücke vielleicht im Zuge der Klimaerwärmung bald wieder nach Deutschland einwandern könnte. Und immerhin bringen zirka 1000 Fernreisende, die jährlich mit einer Malaria nach Deutschland zurückkommen, auch genügend Parasiten mit zu uns. Doch das bliebe das völlig ungefährlich, solange beide nicht in Kontakt kommen, meint etwa der Tübinger Entomologe Jörg Grunewald. Und dies sei extrem unwahrscheinlich: Schließlich ist Malaria in Deutschland meldepflichtig, und Infizierte werden isoliert – kaum jemals dürfte sich in dieser Situation ein Moskito anstecken, um die Krankheit dann zu übertragen. Mit nur wenig Glück bleibt der im Jahr 1956 gestorbene letzte Malariatote Deutschlands also wirklich der letzte.

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