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Leiden auch Tiere an Übelkeit während der Schwangerschaft?

Jeden Morgen dasselbe Spiel: Der werdenden Mutter wird übel, bestimmte Gerüche sind ihr plötzlich zuwider, ebenso manche Speisen. Eine typische Schwangerschaftsübelkeit. Bis zu 60 Prozent der Schwangeren leiden daran. Kennen auch Tiere dieses Phänomen?

Tiere sind dem Menschen in vielem ähnlich. Doch vom Schwangerschaftserbrechen bleiben sie verschont. Dessen ist sich Andreas Ochs, Tierarzt des Zoos Berlin, sicher: "Mir ist so etwas noch nicht untergekommen."

Für Tiere wären solche Beschwerden evolutionär gesehen auch eher problematisch. Denn in freier Wildbahn sind geschwächte Tiere eine leichte Beute – und wenn trächtige Weibchen regelmäßig von ihren Fressfeinden gerissen würden, hätte das für den Fortbestand der Population doch recht negative Konsequenzen. Entsprechend sei ein Schwangerschaftsempfinden bei Tieren nicht ausgeprägt, erläutert der Veterinär.

Auch aus einem anderen Grund haben viele Tiere nicht mit morgendlichem Erbrechen während ihrer Trächtigkeit zu kämpfen: Einhufer wie Pferde oder Zebras, aber auch Nashörner, Elefanten und Wiederkäuer können sich nämlich schlicht nicht übergeben. "Und wenn sich ein Tier einmal erbricht, beispielsweise ein Affe, dann liegt das meines Erachtens nicht an der Schwangerschaft", erläutert Ochs, "sondern daran, dass das Tier faule Früchte gefressen hat oder ernsthaft krank ist."

Verantwortlich für die Reaktion bei schwangeren Frauen ist vermutlich ein bestimmtes Glykoprotein der Plazenta, das Humane Choriongonadotropin (HCG), das vorwiegend in den ersten Schwangerschaftsmonaten produziert wird. Warum schwangere Frauen aber so häufig mit der Morgenübelkeit zu kämpfen haben, ist bislang ungeklärt. Immerhin klagen 30 bis 60 Prozent der Schwangeren darüber – steckt dahinter ein evolutionärer Vorteil?

Womöglich dient die so genannte Emesis gravidarium als Schutz gegen bestimmte Speisen, welche die Entwicklung des Embryos gefährden könnten. Das legt eine kulturübergreifende Untersuchung nahe, die Paul Sherman und Samuel Flaxman von der Cornell University in einer Literaturstudie sichteten: In genau 7 von 27 untersuchten Kulturen war die Morgenübelkeit bei Schwangeren unbekannt – allesamt Gesellschaften, in denen nur wenig tierische Produkte gegessen werden. Gerade gegen fleischliche Kost entwickeln denn auch viele Schwangere, die unter Emesis gravidarium leiden, eine starke Abneigung.

Vielleicht, so vermuten die Forscher, reagiert der schwangere Körper instinktiv gegen solche Speisen, die häufig mit Krankheitserregern kontaminiert sind und dadurch eine Gefahr für den Nachwuchs darstellen könnten. Außerdem tritt Schwangerschaftsübelkeit zumeist in der 6. bis 18. Woche auf – einer Zeit, in der die Embryonalentwicklung leicht durch chemische Störungen beeinflusst werden kann, berichtet Sherman. Zudem hätten Frauen, die Morgenübelkeit empfinden und sich erbrechen müssten, seltener Fehlgeburten. Das klingt durchaus danach, als hätte das Übel einen Sinn.

In letzter Zeit werden jedoch verstärkt auch psychische Ursachen als Begleitkomponenten der leichten Form der Schwangerschaftsübelkeit angenommen, erklärt Holger Maul vom Universitätsklinikum Heidelberg. Wenn Schwangerschaft nicht als natürliches Ereignis, sondern eher als Krankheit wahrgenommen werde, könne dies die Symptome und das Unwohlsein verstärken.

Von dem richtigen Krankheitsbild des Schwangerschaftserbrechens, der Hyperemesis, sind übrigens nur 0,1 bis 2 Prozent der Frauen betroffen.

12.11.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.11.2005

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