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Gute Frage: Sind Einzelkinder besonders narzisstisch?

Ein Kind ohne Bruder und Schwester, heißt es oft, ist verwöhnt, egoistisch und unfähig, mit anderen zu teilen. Ist an den Vorurteilen irgendetwas dran?
Kleine Prinzessin bewundert im Spiegel ihren frisch aufgetragenen Lipgloss

Sie seien verwöhnt, egoistisch und unfähig, mit anderen zu teilen – solchen Vorurteilen begegnen Einzelkinder häufig. In den Medien, in Ratgebern sowie im alltäglichen Miteinander werden ihnen immer wieder negative Eigenschaften zugeschrieben. Und die Vorstellung vom »geschwisterlosen Tyrannen« hat eine lange Geschichte: Bereits 1896 erschien eine wissenschaftliche Arbeit, die derartige Annahmen zu bestätigen schien. Der Pädagoge Eugene William Bohannon (1865–1955) von der Clark University in Massachusetts hatte Probanden zum Charakter beliebiger Einzelkinder befragt, die den Teilnehmern in den Sinn kamen. In 196 von 200 Fällen wurden die Betreffenden als übertrieben verwöhnt beschrieben. Ist also doch etwas an der Sache dran?

Meine Kollegen und ich untersuchten ein bestimmtes Vorurteil – nämlich, dass Einzelkinder besonders narzisstisch seien. Unter Narzissmus versteht man die Tendenz, sich selbst in einem grandiosen Licht zu sehen und andere zugleich abzuwerten. Stark narzisstische Menschen halten sich für besser oder wichtiger als andere, fordern für sich eine Sonderstellung oder mindestens Bewunderung. Wird ihnen diese verwehrt, sind sie schnell gekränkt, wobei sie die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen oft ignorieren. Denkbar wäre nun, dass Kinder, die die Aufmerksamkeit ihrer Eltern mit niemandem teilen mussten, eher solche Eigenschaften entwickeln.

Meine Kollegen und ich prüften zunächst, wie verbreitet das Stereotyp vom narzisstischen Einzelkind in der Bevölkerung ist. In einem Onlinefragebogen baten wir mehr als 500 Menschen, das »typische Einzelkind« im Vergleich zu einer typischen Person mit Geschwis­tern einzuschätzen. Tatsächlich schrieben die Befragten den Einzelkindern einen stärkeren Hang zum Narzissmus zu – und zwar vor allem solche Probanden, die selbst Geschwister hatten! Das Stereotyp existiert also, und zwar, wie so oft, vor allem unter jenen, die selbst nicht betroffen sind.

Aber stimmt diese Vermutung? Um das zu beantworten, analysierten wir die Narzissmus-Werte von mehr als 1800 Personen aus einer Stichprobe, die repräsentativ ist für die deutsche Bevölkerung. Dabei zeigte sich: Welches statistische Verfahren wir auch wählten, es fanden sich keine Hinweise auf stärkeren Narzissmus bei Einzelkindern. Die Werte waren nahezu identisch mit denen von Menschen mit Geschwistern.

Die Befunde legen nahe, dass das Vorurteil vom narzisstischen Einzelkind existiert, aber falsch ist. Dies passt gut zu früheren Studien, in denen sich immer wieder zeigte, dass es keine gravierenden Persönlichkeitsunterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern gibt. Das berichtete etwa die Sozialpsychologin Toni Falbo von der University of Texas in Austin, die selbst Einzelkind ist, Mitte der 1980er Jahre. Ihre Überblicksarbeit, für die sie mehr als 200 Studien zum Thema in Augenschein nahm, bestätigte: Die wissenschaftliche Datenlage lässt keinen Einfluss der Geschwisterkonstellation auf den individuellen Charakter einer Person zu.

Es mag uns naheliegend erscheinen, dass bestimmte Charakterzüge von Menschen damit zu tun haben, ob diejenigen mit oder ohne Geschwister aufwuchsen. Laut der empirischen Forschung dürften wir den Einfluss der Geschwisterkonstellation auf die Persönlichkeit dabei jedoch systematisch überschätzen.

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  • Quellen
Bohannon, E. W.: A study of peculiar and exceptional children. The Pedagogical Seminary 4, 1896 Dufner, M. et al.: The end of a stereotype: Only children are not more narcissistic than people with siblings. Social Psychological and Personality Science 11, 2020 Falbo, T., Polit, D. F.: Quantitative review of the only child literature: Research evidence and theory development. Psychological Bulletin 100, 1986

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