Gute Frage: Ist man während der Periode streitsüchtig?

Fährt eine Frau im gebärfähigen Alter aus der Haut, heißt es manchmal: Die hat wohl ihre Tage! Wer gerade menstruiert, gilt in vielen Gesellschaften als hysterisch oder zickig. Solche Stereotype führen dazu, dass Ärger vorschnell den Hormonen zugeschrieben und abgewertet wird. Doch wenn hormonelle Veränderungen mit höherer Reizbarkeit verbunden sind, dann meist nicht während der Periode, sondern kurz davor. In dieser Zeit reagieren manche tatsächlich empfindlicher auf Stress.
Viele Frauen berichten in den Tagen vor der Menstruation über körperliche Beschwerden – etwa Wassereinlagerungen, Rücken-, Bauch- oder Kopfschmerzen. Dieses Bündel an Symptomen wird als »prämenstruelles Syndrom« (PMS) bezeichnet. Psychische Veränderungen wie Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen können ebenfalls auftreten, stehen aber oft nicht im Vordergrund.
Anders verhält es sich bei der deutlich selteneren »prämenstruellen dysphorischen Störung« (PMDS), einer besonders schweren Form des prämenstruellen Syndroms, die zu den depressiven Erkrankungen zählt. Eine Metaanalyse eines Teams um die Psychologin Alexis Cullen vom Karolinska-Institut in Schweden kommt zu dem Ergebnis, dass rund 3,2 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter von PMDS betroffen sind. Im Zentrum stehen hier starke psychische Beeinträchtigungen. In der zweiten Zyklushälfte nimmt dabei unter anderem die Reizbarkeit zu, was zu Konflikten in Partnerschaft, Familie und Beruf führen kann.
Wie ausgeprägt die Reizbarkeit mitunter ist, zeigte eine Befragung an etwa 1600 Frauen mit PMDS: Nahezu alle litten darunter; etwa drei Viertel von ihnen empfanden sie als schwerwiegend. Ähnlich häufig waren Stimmungsschwankungen, innere Anspannung, Angst, Depressivität, Konzentrationsprobleme, Energiemangel, geringere Unternehmungslust und Heißhungerattacken. Die Beschwerden setzen typischerweise in der Woche vor der Menstruation ein. Mit Beginn der Blutung lassen sie meist rasch nach und spielen in der ersten Zyklushälfte kaum noch eine Rolle.
Bildgebende Studien deuten darauf hin, dass sich bei PMDS die Art verändert, wie das Gehirn emotionale Reize verarbeitet. In einer Untersuchung des Mediziners Mingzhou Gao vom College für Traditionelle Chinesische Medizin in Shandong reagierten bei betroffenen Frauen kurz vor der Menstruation einige Hirnregionen stärker, andere schwächer als üblich auf negative Stimuli – etwa auf Bilder von Gewalt oder offensichtlichen Ungerechtigkeiten. Gao und seine Co-Autoren interpretieren dieses Muster als Hinweis auf eine beeinträchtigte Emotionsregulation.
Mehr als nur Hormone
Wie es dazu kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich reagieren Betroffene sensibel auf die natürlichen Hormonschwankungen in der fruchtbaren Lebensphase. Eine einzelne Ursache lässt sich dennoch nicht benennen. Eine Rolle könnte der Neurotransmitter Serotonin spielen: Kurz vor der Periode ist die Dichte seines Transporterproteins im Gehirn von Frauen mit PMDS erhöht, was den Abbau des Botenstoffs begünstigt. Psychische Belastungen, soziale Rahmenbedingungen und die persönliche Lebenssituation können die Symptome zusätzlich beeinflussen, ebenso die zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien.
Ein Zyklustagebuch oder entsprechende Apps können helfen, die Beschwerden über mehrere Monate hinweg zu verfolgen. Das ist wichtig, um die Diagnose zu stellen. Erste Anlaufstelle ist meist die Frauenarztpraxis. Viele Betroffene profitieren von Hormontherapien, die die natürlichen Schwankungen im Zyklus dämpfen. Auch Antidepressiva – kontinuierlich oder nur in der zweiten Zyklushälfte eingenommen – helfen bei PMDS. Psychotherapie unterstützt dabei, mit den Symptomen umzugehen und Stressfaktoren zu reduzieren. Für die meisten ist schon die Diagnose entlastend. Gibt es eine Partnerin oder einen Partner, kann es sinnvoll sein, die Person einzubeziehen: Kennt sie die sensiblen Zyklusphasen, kann sie in kritischen Momenten unterstützend reagieren.
Erhöhte Reizbarkeit während der Phase vor der Menstruation ist keine bloße Laune. Für Betroffene ist sie oft sehr belastend. Am besten stehen ihnen Menschen zur Seite, die verständnisvoll reagieren und die Beschwerden ernst nehmen.
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