Reisekrankheit: Warum wird einem nur als Beifahrer schlecht?

Vielleicht kommt Ihnen das bekannt vor: Sie fahren mit dem Auto in den Urlaub, und die Straße windet sich in Serpentinen den Berg hinauf. Doch Sie können die Aussicht nicht genießen. In Ihrem Magen breitet sich ein flaues Gefühl aus, Speichel sammelt sich im Mund, Sie werden blass. Mit jeder Kurve nimmt die Übelkeit zu – vielleicht müssen Sie sich sogar übergeben. Das Verblüffende an diesem Phänomen: Das passiert Ihnen nur, wenn Sie Mitfahrer sind. Sitzen Sie hinterm Lenkrad, geht es Ihnen bestens. Woran liegt das?
Der Fachbegriff für die beschriebenen Symptome ist Kinetose, besser bekannt als Bewegungskrankheit. Wobei der Ausdruck »Krankheit« irreführend ist: Die Sinnessysteme, die Bewegungen registrieren und die Beschwerden auslösen, sind völlig gesund.
Warum einem schlecht wird, erklärt am plausibelsten die »Mismatch-Theorie«, die auf den britischen Psychologen James Reason zurückgeht. Demnach ist der menschliche Körper auf aktive Fortbewegung ausgelegt. Beim Gehen oder Joggen greift das Gehirn auf eine Art »inneres Modell« für Bewegungsabläufe zurück. Die Sinnessysteme senden fortlaufend Signale ans Gehirn: Mit den Augen sehen wir, wie sich die Umgebung verändert, die Gleichgewichtsorgane im Innenohr registrieren Beschleunigung und Kurven, Rezeptoren in Muskeln und Gelenken melden die Lage des Körpers im Raum.
Konflikt der Sinneseindrücke
Bewegen wir uns passiv im Auto vorwärts, decken sich die Sinneseindrücke nicht mit den Erwartungen des Gehirns. Wandert unser Blick zu Mitfahrenden, über die Zeilen einer Buchseite oder die Textnachrichten auf dem Smartphone, sehen die Augen eine weitgehend ruhige Umgebung. Gleichzeitig registrieren die Gleichgewichtsorgane jede Bewegung des Fahrzeugs.
Der Unterschied zwischen Fahrer und Beifahrer: Wer fährt, plant Bewegungen, antizipiert Kurven und Bremsmanöver. Die Signale aus dem Innenohr passen daher gut zu dem, was das Gehirn zuvor selbst vorhergesagt oder veranlasst hat. Beifahrer sind den Bewegungen jedoch schlicht ausgeliefert. Beschleunigung, Bremsen und Richtungswechsel treffen sie oft unvorbereitet, und der Konflikt zwischen den Sinneseindrücken fällt größer aus. Die Folge: Übelkeit.
Der Psychologe Michel Treisman vermutete, dass es sich dabei um einen gesunden Schutzmechanismus handeln könnte. Denn auch Nervengifte können widersprüchliche Sinneseindrücke verursachen: Ihnen wird schlecht, damit Sie sich übergeben und vermeintlich schädliche Stoffe loswerden.
Meine Kollegen und ich haben festgestellt, dass Kinetose erst ab einem Alter von etwa zwölf Monaten vorkommt. Säuglinge nutzen ihr Sehsystem noch nicht zur Raumorientierung, weil es noch nicht ausreichend entwickelt ist. Bei ihnen kommt es nicht zum Konflikt zwischen den Signalen der Augen und der Gleichgewichtsorgane. Am empfindlichsten sind Kinder zwischen 4 und 13 Jahren. Danach nimmt die Anfälligkeit meist wieder ab – vermutlich ein Gewöhnungseffekt.
Doch nicht nur beim Autofahren kann einem übel werden. Manche Menschen reagieren auch auf Turbulenzen im Flugzeug oder die künstlichen Bewegungen in Virtual-Reality-Spielen. Bereits die antiken Griechen und Römer kannten die Seekrankheit, die militärische Einsätze auf dem Wasser erschweren konnte.
Warum manchen Menschen schneller schlecht wird als anderen, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich spielen viele Dinge eine Rolle. Bei einigen reagiert das Nervensystem empfindlicher. Frauen wie auch Menschen mit Migräne trifft es häufiger. Außerdem spielt die seelische Verfassung eine Rolle: Angst, Anspannung oder emotionale Labilität verursachen zwar keine Bewegungskrankheit, können sie aber deutlich verstärken.
Was kann Ihnen helfen, um die Reise als Mitfahrer zu genießen? Am besten richten Sie den Blick nach vorn auf die Straße, so wie der Fahrer. Halten Sie den Kopf möglichst ruhig, um die Gleichgewichtsorgane nicht zusätzlich zu reizen. Medikamente aus der Apotheke können die Beschwerden zudem lindern. Allerdings machen sie müde und verlangsamen die Reaktion – selbst fahren sollten Sie damit also auf keinen Fall.
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