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Sucht: Vertreibt Alkohol die Sorgen?

Was stellt Alkohol mit unserem Gehirn an? Warum eine Droge, die Menschen ruinieren kann, zunächst einmal wirklich zu entlasten scheint, erklärt der Suchtexperte Falk Kiefer.
Mensch trinkt SchnapsLaden...

Es gibt viele Gründe, Alkohol zu trinken. In unserer Gesellschaft gehört es wie selbstverständlich dazu, sich seine beruhigende und angstlösende Wirkung zu Nutze zu machen. Der pharmakologische Effekt ähnelt dabei dem von klassischen Beruhigungsmitteln wie Diazepam. In kleineren Dosen macht Alkohol jedoch eher munter, da er hemmende Mechanismen im Gehirn wiederum hemmt.

Geht die kritische bewusste Kontrolle auf diese Weise verloren, werden wir extravertierter und kontaktfreudiger. Dies ist sicher der häufigste Grund, Alkohol zu konsumieren. Junge Menschen machen ihre ersten Trinkerfahrungen meist in der Gruppe mit anderen Jugendlichen und stellen fest, dass sie sich im Zustand des leichten Rausches besser fühlen und von ihren Freunden positive Rückmeldung erhalten. Zahlreiche Menschen trinken allerdings bewusst, um Probleme auszublenden. Gelingt das – zumindest kurzfristig?

Nimmt man größere Mengen Alkohol zu sich, breiten sich dämpfende Effekte auf das ganze Gehirn aus. Viele von uns haben diese Wirkung selbst erlebt: Man wird nach einigen Gläsern insgesamt ruhiger, Anspannung und Ängste gehen zurück, und Sorgen, die einen gerade noch beschäftigten, treten in den Hintergrund. Menschen, die besonders ängstlich oder besorgt sind, oft unter Druck stehen oder schlecht einschlafen können, trinken häufig Alkohol, um diese Symptome zu »behandeln«. Wer sich schon einmal in schlechter Stimmung betrunken hat, kennt aber womöglich auch den gegenteiligen Effekt: Die Selbstkontrolle lässt nach, Sorgen und Probleme brechen ungehindert hervor, und man lässt seinen negativen Gefühlen freien Lauf.

Welche dieser Wirkungen eintritt, lässt sich im Einzelfall nur schwer vorhersagen. Die alkoholbedingte Gelöstheit kann dabei immer wieder ins Gegenteil umschlagen: Vor allem bei großen Trinkmengen kommt es mitunter zu ungehemmtem Grübeln. Häufig tritt dann viel Selbstmitleid zu Tage, welches der Betroffene im nüchternen Zustand besser kontrollieren kann. Offenbar sind wir unter Alkoholeinfluss generell emotionaler – sei es euphorisch oder aber betrübt.

Ängstliche Menschen trinken oft, um sich selbst zu »behandeln«

Die angenehmen Effekte des Alkohols führen dazu, dass Menschen nach den ersten Erfahrungen mit Spirituosen häufig den Drang verspüren, diese Wirkung erneut zu erleben. In dieser Phase sprechen Fachleute von einem noch »funktionalen Konsum«. Hier gibt es jedoch ein gravierendes Problem: Alkohol macht süchtig. Zum einen gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an die Wirkung, so dass immer größere Mengen erforderlich sind, um den gleichen Effekt zu erzielen. Zum anderen nimmt das psychische Verlangen nach Alkohol stetig zu. Man trinkt irgendwann also nicht mehr nur, um zu entspannen oder aus sich herauszugehen, sondern das Trinken wird zum Selbstzweck. An diesem Punkt wird der Alkoholkonsum meist dysfunktional. Man trinkt immer weiter und immer mehr, obwohl sich das Leben dadurch negativ verändert: Es kommt zu Filmrissen, Erbrechen, anderen körperliche Beschwerden, und das Umfeld wendet sich mehr und mehr ab.

Hier beginnt der Übergang zur Abhängigkeit. Regelmäßiger Alkoholkonsum führt langfristig zu erhöhter Reizbarkeit und dysphorischer, also getrübter Stimmung. Wer regelmäßig trinkt, muss umso mehr Alkohol zu sich nehmen, um aus der negativen Gemütslage herauszukommen, die der Alkohol schließlich selbst hervorruft – ein Teufelskreis.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Jugendliche und junge Erwachsene frühzeitig andere Möglichkeiten kennen lernen, mit Belastungen, Ängsten und Sorgen umzugehen, statt zur Flasche zu greifen. Denn Alkohol verschafft vielleicht im ersten Moment Linderung, führt aber langfristig dazu, dass keines der Probleme nachhaltig gelöst wird, sondern im Gegenteil neue hinzukommen.

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  • Quellen

Kiefer, F.: Wege aus der Sucht. Ruperto Carola Forschungsmagazin 9, 2016

Van den Brink, W., Kiefer, F.: Alcohol use disorder. In: Geddes, J. R. et al. (Hg.): New Oxford Textbook of Psychiatry. Oxford University Press, 3. Auflage 2020, Kapitel 50

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