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Genuss am Morgen: Wann ist die optimale Zeit für einen Kaffee?

Wann die beste Zeit für einen Kaffee ist, hängt davon ab, was er bewirken soll. Wer den maximalen Hallo-wach-Effekt aus seinem Morgenkaffee wringen möchte, sollte frühestens eine Stunde nach dem Aufwachen zur Kaffeetasse greifen. Das allerdings, wenn möglich, nicht jeden Tag. Reine Genuss- und Ritualtrinker können geflissentlich auf die Uhrzeit pfeifen und dann Kaffee trinken, wenn es sie danach verlangt. Will man jedoch nicht Gefahr laufen, senkrecht im Bett zu stehen, sollte man spätestens sechs Stunden vorm Schlafengehen besser die Finger vom koffeinhaltigen Gebräu lassen.
Tasse KaffeeLaden...

2012 startet der Neurowissenschaftler Steve L. Miller den Blog »NeuroscienceDC«, benannt nach der US-Hauptstadt Washington D. C. (er promoviert ein paar Kilometer weiter). Miller bloggt dort über Neuigkeiten aus der Wissenschaft, die Phänomene aus dem Alltag erklären. Als er im Herbst 2013 seinen siebten Blogbeitrag »Die beste Zeit für einen Kaffee« veröffentlicht, ist die Leserschaft klein. Dann zieht sein Post behäbig Kreise: Erst sind es nur eine Hand voll Kaffee-Aficionados, die Millers Meldung über die beste Zeit für Kaffee aufgreifen. Dann sind die großen Nachrichtenmagazine »Time«, »Forbes« und »The Telegraph« aufgewacht: Zwischen 9.30 und 11.30 Uhr, schreiben alle von Miller ab, wirke der Kaffee bei den meisten Menschen wahrscheinlich am effektivsten. Blöd nur, dass der Neurowissenschaftler irrt.

Ist er denn ...?
»Der Kaffee ist fertig, klingt das net unheimlich zärtlich?« Wenn der Liedermacher Peter Cornelius, wie hier 1980, Kaffee besingt, scheint die aufputschende Wirkung des koffeinhaltigen Gebräus in weiter Ferne.

Nicht alle Menschen ticken gleich, auch in puncto »die optimale Zeit für Kaffee«. Richtig ist (und das schreibt auch Miller): Wer sich unmittelbar nach dem Aufstehen ein Käffchen genehmigt, schöpft das munter machende Potenzial des Kaffees nicht voll aus. Wieso? Kaffee, genauer gesagt das darin enthaltene Koffein, wirkt auf zweierlei Wegen: Einerseits hält Koffein uns davon ab, müde zu werden, andererseits macht es uns zusätzlich wach. Denn wenn wir Energie verbrauchen, werden wir müde. Je mehr Energie wir verbrauchen, desto mehr von dem Schlaf fördernden Molekül Adenosin entsteht und reichert sich in unserem Gehirn an. Wenn Adenosin sich an die Nervenzellen des Gehirns anlagert, macht es sie träge, uns müde und zwingt unser Gehirn gewissermaßen dazu, herunterzufahren. Koffein hat eine ähnliche Struktur wie Adenosin und besetzt die Stellen, an denen sonst Adenosin angreift. Blockiert Koffein die Nervenzellen, werden »sie« nicht müde – will sagen: Wir merken nicht, dass wir müde sind.

Wach, wacher, am wachsten?

Koffein hemmt aber nicht nur unsere Müdigkeit im Gehirn, es weckt auch unseren Körper, indem es die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Kortisol anregt, die die Energieversorgung unseres Körpers erhöhen, indem sie zum Beispiel Puls und Blutdruck nach oben treiben.

Wann ist eine Frage. Aber wie?
Stark muss er sein und heiß. In dem Italowestern »Spiel mir das Lied vom Tod« doziert Protagonist Manuel »Cheyenne« Gutiérrez über den perfekten Kaffeekick.

Wer direkt nach dem Aufstehen Kaffee trinkt, wird in der Regel trotzdem nicht wacher. Wieso? Unser Körper ist gewitzt und schüttet bereits Kortisol aus, um uns in die Gänge zu bringen: Kortisol-Aufwachreaktion nennt sich das Phänomen. Aber Achtung: Die gibt es nur nach einem einigermaßen ausgiebigen Nachtschlaf, nicht nach gelegentlichen Naps. Dann aber ist unser Körper regelrecht mit dem Hormon überflutet – und steht, Kaffee hin oder her, ohnehin unter dem größten Kortisoleinfluss des Tages.

Wer nun für den ultimativen Energiekick eine Tasse Kaffee draufsetzt, der wird enttäuscht. Kurzfristig führt ein solcher Kaffeekick höchstens zu zittrigen Händen, Schweißausbrüchen oder Panik. Langfristig brockt man sich mit dem Käffchen on top zudem ein, dass sich der Körper daran gewöhnt und man immer mehr Kaffee braucht, um in den Tag zu starten: Sind die Adenosinrezeptoren ständig durch Koffein blockiert, produziert der Körper zusätzliche Rezeptoren. So kann Adenosin trotz Koffein wirken, und man braucht immer mehr Koffein, um wach zu bleiben.

Manchmal ist die Antwort auf wann auch nie
Gänsehaut durch miesen Kaffee: Wie man's vermeidet, erklärt die kluge Tante Adele.

Wer das körpereigene Doping optimal mit dem aufputschenden Effekt des schwarzen Goldes kombinieren möchte, der wartet nach dem Aufstehen etwa eine Stunde, bevor er zum Kaffee greift – egal ob er um 6 oder um 16 Uhr aus den Federn steigt.

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