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Warum befüllen Profi-Radsportler ihre Reifen mit Stickstoff und nicht mit normaler Luft?

1998 beim Prolog der Tour de France in Irland: Die Experten des Reifenherstellers Continental befüllen die Reifen der Zeitfahrmaschine von Jan Ullrich nicht mit Luft, sondern mit einem "Wundergas". Später wird bekannt, dass es sich dabei um reinen Stickstoff handelte. Wir fragten Frank Badel von Continental, was es damit auf sich hatte.

Schneller, leichter, steifer: So lautet die Devise im professionellen Radsport. Zu den wichtigsten Komponenten eines Rads gehören die Reifen. Sie übertragen die Kraft des Athleten auf die Straße – und bremsen ihn, indem sie sich verformen und per Reibung Widerstand leisten. Neben speziellen Reifen für das Zeitfahren von Jan Ullrich und Co. haben die Forscher des Reifenherstellers Continental auch mit exotischen Gasen als Luftersatz experimentiert.

Nach zahlreichen Experimenten im Labor stellte sich tatsächlich heraus, dass es zur ordinären Luft eine Alternative gibt: Stickstoff. Ein Reifen, der allein mit Stickstoff befüllt ist, hat einen um rund drei Prozent geringeren Rollwiderstand.

Das ist sehr wenig und liegt bei Tests auf Prüfständen gerade über der technischen Nachweisgrenze. Bei Ausroll- oder Leistungsmessungen mit Testfahrern ist dieser Unterschied überhaupt nicht nachweisbar.

Die Ursache für das Phänomen ist nicht wirklich verstanden, und der Skeptiker mag einwenden, dass ja normale Luft bereits um die 80 Prozent Stickstoff enthält. Völlig richtig, aber die Minderung des Rollwiderstands ist messbar.

Warum der Rollwiderstand von Reifen, die mit "normaler" Luft befüllt sind, höher ist, liegt wahrscheinlich in den physikalischen und chemischen Wechselwirkungen zwischen den Gasen der Luft. Weil die Forschungsbudgets der Fahrradreifenindustrie die exakte Erforschung des Phänomens nicht erlauben, verlässt man sich auf empirische Erkenntnisse.

Rückendeckung bekommen die Continental-Forscher dabei von ganz anderer Seite, denn auch Spediteure lassen die Reifen ihrer LKWs mit Stickstoff befüllen und sparen wegen des geringeren Rollwiderstands teuren Kraftstoff.

Beim Einsatz im Radrennen muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Rollwiderstand nur einen Bruchteil des Gesamtfahrwiderstands darstellt. Schon bei normalen Fahrradgeschwindigkeiten von 20 bis 25 Kilometern pro Stunde ist der Luftwiderstand viel bedeutsamer. Bei den typischen Geschwindigkeiten der Zeitfahrer von 50 bis 60 Kilometern pro Stunde macht der Luftwiderstandsanteil etwa 85 Prozent des Gesamtwiderstands aus.

So bleiben von der dreiprozentigen Reduzierung bei Verwendung von Stickstoff als Reifenfüllgas alles in allem nur noch zirka 0,5 Prozent Reduzierung des Gesamtfahrwiderstands übrig. Kleinste Änderungen des Luftwiderstands durch die Bewegungen des Fahrers haben bereits einen ähnlichen Effekt.

Aber im Hochleistungssport muss jeder Vorteil realisiert werden, und ist er noch so klein. Derzeit setzen die Forscher von Continental auf ihre neueste Entwicklung: das Conti-Tuning-Liquid, welches auf die Rollflächen der Reifen aufgesprüht wird. Die derart vorbehandelten Reifen haben einen bis zu 20 Prozent geringeren Rollwiderstand.

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