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Warum bekommen wir einen Ohrwurm?

Da ist doch der Wurm drin? Was lässt uns plötzlich und hartnäckig nachhaltig alberne Melodien mitsummen, wie ... Moment, vorab eine Warnung: Lesen Sie diesen Text nicht, wenn Sie in der nächsten halben Stunde Stimmen im Kopf ablenkend finden könnten.
Ohrwurm: Profis bekämpfen ihn mit GegenbeschallungLaden...

Er kommt ohne Vorwarnung, getarnt als harmlose Dudelei, und lässt uns alberne Melodien mitsummen. Die Weihnachtszeit ist längst vorbei und doch sitzen Übeltäter wie »Last Christmas« immer noch tief in unseren Hirnwindungen und geben als hartnäckige Dauerschleife in den Ohren keine Ruhe. Fast jeder hat schon einmal Bekanntschaft gemacht mit dem berühmtesten aller Würmer – dem Ohrwurm. Oder wie man ihn in anderen Ländern liebevoll betitelt: dem Ohrbohrer, Ohrkaugummi oder Klebeton.

Dass er eine gewisse anhaftende Persönlichkeit hat, kann man nicht bestreiten. Flink und wendig nistet er sich in den ungünstigsten Situationen in unserem Gehörgang ein, und hat er es sich dort erst gemütlich gemacht, bekommt man ihn nur schwer wieder los. Er ist ein wahrlich treuer Geselle, dieser Wurm, beständig, ergeben und vor allem anhänglich. Wäre da nur nicht diese eine Sache: Hat er sich einmal in die Köpfe unschuldiger Menschen eingeschlichen, entpuppt er sich oft als wahres Folterinstrument. Mit »I just can’t get you out of my head …« hatte Kylie Minogue 2003 einen ihrer größten (Ohrwurm-)Hits und den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur warum kommt dieser melodische Übeltäter genau dann, wenn wir ihn am wenigsten gebrauchen können, und sogar in Form von Liedern, die wir am liebsten für immer aus unserem Gedächtnis verbannen möchten?

Musikalische Ohrwürmer haben nur wenig mit ihren tierischen Namensvettern gemeinsam. Wenn man von ihnen spricht, dann meint man Gedächtnisinhalte, die uns eine bestimmte Melodie oder auch nur einzelne Abschnitte immer und immer wieder innerlich hören lassen – und zwar ohne, dass wir es wirklich wollen.

Das hab ich doch schon mal irgendwo ...?
Zumindest zur Saison der unangefochtene Spitzenreiter. Sorry.

Im Gehirn laufen dabei einige interessante Dinge ab: Die Melodie wird beim ersten Hören zunächst in unserem Schläfenlappen abgespeichert. Das führt zu einem »inneren Hören«, das Lied spielt sich also in Gedanken ab. Gleichzeitig wird aber auch ein Reizsignal an unseren Stirnlappen versendet, der dafür verantwortlich ist, dass wir die Melodie innerlich im Kopf mitsingen – wer es mal ausprobieren will, lese folgende Zeilen: Cheri, cheri lady – Goin’ through a motion – Love is where you find it – Listen to your heart …

Wie ein nicht zu durchbrechender Kreislauf führt das Singen in Gedanken anschließend erneut zum inneren Hören des Liedes. Daraufhin – man ahnt es schon – folgt wieder ein geistiges Mitsummen. Diese Endlosschleife bekommen wir fast nicht mehr los.

Je weniger Hirn, desto häufiger der Wurm

Untersucht haben Wissenschaftler aber nicht nur, wie der Wurm reinkommt, sondern auch wann. Seltsamerweise tauchen die nervigen Dudeleien nämlich oft dann auf, wenn wir überhaupt nicht viel tun. Sei es beim Abspannen auf der Couch, Kochen, Autofahren, Spazierengehen – immer dann, wenn nichts Spannendes unsere Aufmerksamkeit fordert und wir Routinetätigkeiten nachgehen, drängt die Musik in unseren Kopf.

Da möchte man nur mal in Ruhe lässig seinen wohlverdienten Feierabend genießen, und plötzlich gräbt der melodische Wurm sich an die Oberfläche unseres Bewusstseins. Ohrwürmer können freie Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses benutzen und sich dort festsetzen. Bei voller Konzentration dagegen wird die Nervenverbindung zwischen Schläfen- und Stirnlappen unterdrückt, so dass der unliebsame Singsang keine Chance hat. Öfter mal Sudoko rätseln, könnte also nicht nur vor geistiger Verarmung schützen, sondern auch präventiv für einen musikbefreiten Kopf sorgen.

Nicht jeder ist übrigens gleich ohrwurmanfällig. Vor allem musikbegeisterte Menschen und Profis, die sich oft mit Liedern, Gesang und Melodien beschäftigen, werden sehr gerne von dem heimtückischen Wesen befallen. Neurowissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass das Gehirn von ohrwurmgeplagten Personen besondere Merkmale aufweist.

Im Kernspintomografen konnte man erkennen, dass sie eine dünnere Hirnrinde in zwei wichtigen Hörregionen des Gehirns aufweisen als Personen, die weniger oft mit musikalischen Dauerschleifen zu kämpfen haben. Die rechte Heschl’sche Querwindung und die rechte untere Stirnwindung sind unter anderem auch dafür verantwortlich, musikalische Empfindungen zu unterdrücken. Je dünner sie sind, desto weniger Unterdrückung und desto mehr Ohrwürmer.

Gibt es eine Ohrwurm-Formel?

Hochgradige Ansteckungsgefahr geht nicht nur von berühmten Weihnachtsklassikern wie »Last Christmas« aus, auch Lady Gaga, Queen oder Maroon 5 haben es schon auf die Liste der häufigsten Ohrwürmer geschafft. In einer Studie der American Psychological Association führen 2016 »Bad Romance« von Lady Gaga, »Can’t Get You Out Of My Head« von Kylie Minogue, »Don’t Stop Believing« von Journey und »Somebody That I Used To Know« von Gotye als Top 4 die meist genannten Lieder an. Besonders aktuelle Songs aus den Charts scheinen uns im Gedächtnis zu bleiben.

Es gibt zwar keine »Ohrwurm-Formel«, aber erfüllt ein Lied gewissen Kriterien, steigt die Chance, dass es sich in unserem Kopf einnistet. Dieselben Forscher der Universität London, die bereits die Hitliste der Ohrwürmer erstellt haben, fanden heraus, dass besonders erst steigende und dann wieder fallende Tonhöhen sich ins Gedächtnis einbrennen. Diesen melodischen Aufbau kennen wir meist aus Kinderliedern wie »Alle Meine Entchen« – er wird aber auch in vielen Popsongs eingesetzt.

So folgt beispielsweise das Eröffnungsriff in »Moves Like Jagger« von Maroon 5 dem klassischen Muster aus Anstieg und Abfall der Tonhöhe. »Die recht einfache melodische Kontur könnte dem Gehirn helfen, sich daran besonders leicht zu erinnern«, vermutet Studienautorin Kelly Jakubowski. Die meisten untersuchten Lieder hatten außerdem ein schnelleres, peppiges Tempo, woraus die Wissenschaftler folgern, dass vor allem tanzgeeignete Songs, zu denen wir uns gerne bewegen, Ohrwurm-Potenzial hätten.

Andere Untersuchungen erklären Musikstücke mit Noten von längerer Dauer und kleineren Tonhöhenintervallen mit unerwarteten Sprüngen zu Topanwärtern für einen »Klebe-Song«. Wir mögen bekannte, vorhersehbare Tonabfolgen, die uns plötzlich überraschen. Auch häufige Wiederholungen von Musikschnipseln wie etwa das berühmte Gitarrenriff im Deep-Purple-Song »Smoke on the Water« helfen beim Festsetzen in den Ohren.

Wichtig sei vor allem, dass die Melodie einfach, rhythmisch einprägsam und gut singbar ist, erklärt Eckart Altenmüller, Neurophysiologe und Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule Hannover. »Dazu ein schöner Text, der emotional stark ansprechend ist und eventuell noch in Verbindung mit emotional aufgeladenen Bildern steht wie zum Beispiel im Hintergrund eines Filmes.« In Zusammenhang mit emotionalen Erlebnissen blieben laut Altenmüller die Ohrwürmer noch besser in unseren Köpfen hängen.

Ohrenschmaus oder Ohrengraus

Einen Ohrwurm bekommen wir glücklicherweise meistens von Liedern, die uns gefallen. Allerdings ist manchmal auch das genaue Gegenteil zu beobachten: nervige Lalalas, die uns auf die Palme bringen, möchten partout nicht mehr unseren Gehörgang verlassen. Schon Edgar Allen Poe beschrieb, wie es ist, vom »Klingeln in unseren Ohren« durch »Erinnerungen an ein gewöhnliches Lied« »verärgert« oder sogar »gequält« zu werden (»The Imp of the Perverse«, 1845). Warum das so ist, wissen Forscher nicht. »Möglicherweise wird Musik immer dann unbewusst und unwillkürlich memoriert, wenn sie parallel zum Hören mit einer starken positiven oder negativen Bewertung verbunden wird«, glaubt Musikforscher Jan Hemming von der Universität Kassel.

Ebenso wenig, wie man das Auftreten des Ohrwurms voraussagen kann, lässt sich die Dauer der akustischen Endlosschleife vorher bestimmen. Untersuchungen von Hemming zeigen, dass mancher Befragte bereits nach einmaligem Hören vom Wurm befallen wird, dieser aber nach einigen Minuten wieder verschwindet. Andere Probanden berichten dagegen erst nach mehreren Tagen von den musikalischen Begleitern im Kopf, und einige wurden noch bis zu drei Wochen von ihnen heimgesucht.

Philip Beaman von der University of Reading stellte fest, dass Leute, die sich von der immer wiederkehrenden Melodie aktiv abzulenken versuchten, im Durchschnitt 40 Minuten von ihr geplagt wurden. Wer aber dem Ohrwurm keinerlei Beachtung schenkte, wurde bereits nach durchschnittlich 22 Minuten wieder von ihm erlöst. Manchmal sollte man den Ohrwurm wohl also besser Ohrwurm sein lassen.

Sind Ohrwürmer ein Spiegelbild unserer Seele?

Seit den 1980er Jahren bezeichnet man die melodischen Ohrdudeleien im wissenschaftlichen Fachjargon als INMI (involuntary musical imagery), was so viel bedeutet wie unfreiwillige musikalische Bilder. Und trotz der fleißigen Erforschung des Ohrwurm-Phänomens lastet ihm immer noch etwas Mystisches an. Denn die Frage nach dem Sinn der in unseren Köpfen fest sitzenden Melodien ist nicht geklärt.

In dem Buch »Musicophilia: Tales of Music and the Brain« (Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn) macht sich der Neurologe Oliver Sacks auf die Suche nach möglichen evolutionären Gründen, wieso Ohrwürmer nützlich sein könnten. Eine seiner Theorien lautet, dass sie eine wesentliche Rolle in der Jäger-Sammler-Gemeinschaft spielten, um sicherzustellen, dass Umgebungsgeräusche wie beispielsweise verschiedene Tierrufe wiederholt werden, bis der Verstand gelernt hat, sie zu erkennen.

Eine andere Hypothese des Psychoanalytikers Theodor Reik besagt, dass die inneren Melodien ein Spiegelbild unserer inneren unbewussten Assoziationen seien. So kann manch nostalgisches Lied schöne Kindheitserinnerungen wecken oder romantische Gefühle auslösen. Reik glaubt, dass die meisten dieser Assoziationen unbemerkt bleiben, aber immer da sind. In »The Haunting Melody: Psychoanalytic Experiences in Life and Music« beschreibt der ehemalige Schüler Freuds, dass die Musik, die unser bewusstes Denken begleitet, nie zufällig sei – auch wenn man Sinn und Botschaft nicht begreife.

Ob Ohrwürmer tatsächlich den Spiegel unserer Seele bilden oder nicht, zumindest können sie ähnlich positive Effekte haben wie echtes Musizieren. Schon das bloße Nachdenken über ein Lied und geistiges Mitsummen soll gleiche neuronale Regionen unseres Gehirns aktivieren wie das eigenständige Klimpern am Klavier oder Mitträllern des neuesten Konzerts unserer Lieblingsband. Die inneren musikalischen Empfindungen könnten vergleichbare Auswirkung auf die Psyche haben und helfen, Depressionen oder Angstzustände zu verbessern.

Das Lied zum Ohrwurm
... weil ich in deinen Ohren steck, und ich geh hier nie mehr weg ...

Allerdings nur, wenn man sie positiv wahrnimmt. Unliebsame Melodieschleifen können Menschen dagegen schier zum Wahnsinn treiben. So berichtet Hemming in einem Fallreport von einem 33-jährigen DJ, der nach zahllosen Klubnächten von immer wiederkehrenden Ohrwürmern so stark geplagt wurde, dass er seinen Beruf aufgeben musste. Im gleichnamigen Lied der Wise Guys wird der Ohrwurm treffend beschrieben: »Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los!« und »Weil ich in deinen Ohren steck, und ich geh hier nie mehr weg!«.

Entwurmung für die Ohren

Aber wie bekommt man seinen nervigen musikalischen Mitbewohner denn nun wieder aus dem Kopf? Dazu gibt es unterschiedliche Ratschläge. »Meistens bleibt ein Song in den Köpfen der Leute hängen, weil sie sich nicht erinnern, wie er aufhört«, erklärt Kelly Jakubowski von der University of London. Eine Abhilfe könne schaffen, das Lied erneut bis zum Ende zu hören. Dabei komme der so genannte Zeigarnik-Effekt zum Tragen: Man erinnert sich nämlich an unterbrochene Gedanken und unvollendete Aufgaben besser als an abgeschlossene.

Neuropsychologe David Kraemer ging diesem Phänomen in der Fachzeitschrift »Nature« auf den Grund. Versuchspersonen, denen etwa die »Pink Panther Theme« oder »(I Can’t Get No) Satisfaction« von den Rolling Stones vorgespielt und plötzlich unterbrochen wurde, entwickelten eine starke Aktivierung des auditorischen Assoziationskortex. Dieser Teil des Gehirns ist vor allem für die Verarbeitung und Verknüpfung von Gehörtem zuständig. Hört der Song plötzlich auf, versuche das Gehirn, die Melodie in Gedanken weiterzuspielen, um die Lücke zu schließen. Wird es dagegen bis zum Schluss gehört, setze sich das Lied weniger wahrscheinlich im Kopf fest.

Viele Menschen versuchen auch, sich an einen anderen Song zu erinnern, um den aktuellen Ohrwurm wieder loszuwerden. Laut Jakubowski stehe bei den Briten die Nationalhymne »God Save the Queen« dafür hoch im Kurs. Allerdings ist der Erfolg der Methode umstritten und kann ein zweischneidiges Schwert sein, wenn sich stattdessen das neue Lied im Gehörgang einnistet.

Crazy-Horse-Frontman Neil Young soll dem Musikpsychologen Daniel Levitin einst empfohlen haben den Ohrwurm einfach selbst nachzuspielen, um ihn loszuwerden. Auch Jakubowski rät dazu sich mit dem Ohrwurmlied aktiv zu beschäftigen, um die Dauerschleife zu durchbrechen. Philip Beaman von der Universtiy of Reading dagegen bevorzugt das simple Abwarten. Seine Untersuchungen zeigen, dass die passive Akzeptanz des inneren Singsangs erfolgsversprechender zu sein scheint als aktive Blockierungsversuche.

Andere Forscher haben dagegen eine eher kuriose Lösung für das Problem gefunden: Kaugummi kauen. In einer englischen Studie beglückte man Teilnehmer mit eingängigen Popsongs von Maroon 5 und David Guetta. Die mehr oder weniger freiwilligen Probanden wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Hälfte musste sich der Musikbeschallung ohne Hilfsmittel hingeben, die andere durfte währenddessen Kaugummi kauen. Und tatsächlich, je mehr die Leute ihre Kiefermuskeln mit der zähklebrigen Masse trainierten, desto seltener entwickelten sie Ohrwürmer. Und selbst wenn sich eine Endlosschleife einstellte, konnte sie durch Kaubewegungen schnell wieder unterdrückt werden.

Die Wissenschaftler erklärten sich dies damit, dass einige Hirnregionen, die an der Entstehung der Ohrwürmer beteiligt sind, gleichzeitig auch eine Rolle bei Mahlbewegungen der Kiefermuskeln spielen. Unter der Doppelbelastung von Ohrwurm und Kauen hat die innere Melodie offenbar die schlechteren Karten und macht einen Rückzieher. Und einen praktischen Nebeneffekt hat der Kaugummi noch dazu: Mit vollem Mund wird das unfreiwillige laute Mitträllern der gedanklichen Melodie sehr viel schwieriger. Die Kollegen werden es einem nicht nur des frischen Atems wegen danken.

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