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Schlafmedizin: Warum kann man sich beim Aufwachen manchmal nicht bewegen?

Schätzungsweise acht Prozent der Bevölkerung erleben zumindest einmal im Leben eine Schlaflähmung.
Schlafender MannLaden...

Die Nacht neigt sich dem Ende zu, es dämmert schon, und das erste Licht fällt durchs Schlafzimmerfenster. Doch irgendetwas stimmt nicht. Obwohl ich erwacht bin und die vertrauten Konturen erkenne, kann ich mich nicht rühren und auch nur mit Mühe atmen. Ein Druck lastet auf meiner Brust, und ich bekomme Angst. Angst zu ersticken. Ich will rufen, schreien, aber ich kann nicht. Endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit – gelingt es mir, den kleinen Finger zu bewegen, und im selben Augenblick ist der Spuk auch schon vorbei.

Das ist nicht etwa Teil einer Gruselgeschichte, sondern für manche Menschen ein nur allzu reales Erlebnis. So schildern viele Betroffene eine Schlaflähmung. Schätzungsweise acht Prozent der Bevölkerung erleben zumindest einmal im Leben diesen Zustand. Berichte darüber gibt es seit der Antike und aus etlichen Ländern der Erde. Die Schlafparalyse ist an sich ein ganz normaler Bestandteil des gesunden Schlafs. Sie tritt vor allem während des REM-Schlafs, der Phase lebhafter Träume, auf. Die Lähmung der willkürlich bewegbaren Muskulatur verhindert, dass wir die geträumten Bewegungen tatsächlich ausführen, und schützt den Schläfer vor Verletzungen.

Die Schlaflähmung ist medizinisch harmlos

Wer tief schlummert, bemerkt diese Lähmung nicht. Wacht man währenddessen jedoch auf, kann sie starke Angst auslösen. Die Schlafparalyse kommt auch beim Einschlafen vor und bringt neben der Furcht einflößenden Muskelstarre zuweilen Halluzinationen mit sich. Obwohl man sich wach fühlt, findet man sich plötzlich mitten in einem Albtraum wieder: Einige Betroffene sehen geheimnisvolle Gestalten, hören Schritte oder Stimmen – manche haben sogar das Gefühl, berührt zu werden oder den eigenen Körper von oben zu betrachten. Die Bandbreite außergewöhnlicher Erfahrungen ist groß. Doch so verständlich das Unbehagen ist, so unbegründet ist es. Der Körper nimmt während einer Schlaflähmung keinen Schaden, und nach kurzer Zeit endet sie von selbst wieder.

Das Phänomen wurde je nach Kulturkreis unterschiedlich erklärt. Für die westliche moderne Forschung zählt es zu den Schlafstörungen, genauer zu den Parasomnien. Als Ursache gilt eine Desynchronisation von physiologischen Merkmalen des REM-Schlafs und des damit normalerweise verbundenen Bewusstseinszustands. Der Muskeltonusverlust, der eigentlich nur im Traum auftritt, wird dann fälschlicherweise im Wachzustand erlebt. Menschen mit unregelmäßigen Schlafgewohnheiten, psychischem Stress oder einer Angststörung leiden häufiger darunter.

Außerdem ist das Schlafen in Rückenlage ein begünstigender Faktor. In dieser Position fällt das Atmen durch die Kraft, die auf Gaumen- und Halsgewebe wirkt, bereits natürlicherweise etwas schwerer. Möglicherweise empfindet man die Muskellähmung dann eher als Druck- und Würgegefühl und somit als bedrohlicher. Entsprechend berichten manche Betroffene, irgendein Wesen hätte auf ihrer Brust Platz genommen. Ob Halluzinationen dieser Art tatsächlich eher bei Rückenschläfern auftreten, ist allerdings noch nicht ausreichend erforscht. Definitiv spielt jedoch die kulturelle Prägung eine Rolle dabei, welche Szenen und Fantasien sich während einer Schlafparalyse entspinnen.

Da es sich bei dem Phänomen trotz der beängstigenden Qualität um ein aus medizinischer Sicht vollkommen harmloses Geschehen handelt, bedarf es normalerweise keiner Behandlung. Nur wenn die Störung häufig auftritt und den Alltag stark beeinträchtigt, kann der Gang zum Arzt ratsam werden. Andererseits gibt es durchaus auch Menschen, welche die Angst vor solchen Episoden verloren haben und schon auf den nächsten »Kick« warten. Immerhin gibt es sonst kaum Gelegenheit, dem eigenen Körper zu entschweben oder Besuch von »Schattengestalten« zu bekommen.

8/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 8/2018

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  • Quellen

Fuhrmann, M., Mayer, G.: Schlafparalyse. Phänomenologie, Deutungen, Coping. In: Zeitschrift für Anomalistik 16, S. 275–306, 2016

Sharpless, B. A., Doghramji, K.: Sleep Paralysis. Historical, Psychological, and Medical Perspectives. Oxford University Press, 2015

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