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Nikotinsucht: Warum nimmt man zu, wenn man mit dem Rauchen aufhört?

Die Mechanismen, die hinter den zusätzlichen Kilos stecken, erläutert Anil Batra, Professor für Suchtmedizin und Suchtforschung, der selbst seit 20 Jahren "rauchfrei" ist.
Mann zerbricht Zigarette

Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, steht vor einer großen Herausforderung, und sie ist nicht gerade leichter zu bewältigen, wenn man mit zusätzlichen Kilos rechnen muss. Schon 1982 berichteten Wissenschaftler nach Auswertung der damaligen Fachliteratur, dass Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, ein Jahr danach im Schnitt drei bis fünf Kilogramm mehr auf die Waage bringen. Die promovierte Medizinerin Claudia Filozof, Diabetesexpertin und heute in der Pharmaindustrie tätig, stellte in einem Forschungsüberblick fest, dass zwar die meisten Menschen nach einem Rauchstopp nicht mehr als diese drei bis fünf Kilo zunehmen. Doch 13 Prozent legen sogar mehr als elf Kilo zu.

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen führt Rauchen zu einem höheren Grundumsatz unseres Körpers, sprich: Er verbraucht mehr Kalorien. Laut Filozof benötigen Nichtraucher zwischen 4 und 16 Prozent weniger Kalorien als Raucher. Hört man also mit dem Rauchen auf, isst aber weiter wie bisher, legt man automatisch an Gewicht zu.

Ehemalige Raucher benötigen weniger Kalorien als Raucher, nehmen aber täglich 100 bis 300 Kalorien mehr zu sich als zuvor

Zum anderen nehmen Betroffene nach dem Rauchstopp täglich 100 bis 300 Kalorien mehr zu sich als zuvor. Das liegt vor allem daran, dass Nikotin den Appetit hemmt und vermehrt den Hirnbotenstoff Dopamin freisetzt, der das neuronale Belohnungssystem ankurbelt. Fällt die Nikotinzufuhr weg, sucht der Körper nach einem Ersatz, um die Dopaminausschüttung wieder anzuregen – etwa fett- und kohlehydrathaltige Nahrung –, und so greift man öfter zu Süßigkeiten. Filozof zufolge nahmen die Probanden in den einschlägigen Untersuchungen 48 Tage nachdem sie mit dem Rauchen aufgehört hatten, durchschnittlich 227 Kalorien mehr zu sich, und nach 60 Tagen waren es immer noch 122. Langfristig gesehen legen die Exraucher in den ersten beiden Monaten nach dem Stopp am stärksten zu.

Gemäß Filozofs Berechnungen leistet das ausgiebigere Schlemmen einen etwas größeren Beitrag zur Gewichtszunahme als der verringerte Grundumsatz. Aufhörwillige Raucher müssen sich eine ganze Weile beim Essen zügeln, wenn sie nicht zunehmen wollen: Erst nach zwei Jahren Nikotinabstinenz pendeln sich sowohl Grundumsatz als auch Dopaminhaushalt wieder auf dem Ausgangsniveau ein.

Wie heftig sich der Nikotinentzug auswirkt, hängt unter anderem vom Ausmaß des Tabakkonsums ab: Wer mehr raucht und damit stärker abhängig ist, wird nach dem Rauchstopp unruhiger und versucht dies mit einem höheren Nahrungsmittelkonsum zu kompensieren. Das ergab beispielsweise eine Studie des Epidemiologen David F. Williamson und seiner Kollegen vom Federal Center for Disease Control in Atlanta mit über 2600 Probanden. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die mehr als 15-mal am Tag zum Glimmstängel griffen, besonders betroffen waren. Außerdem legen höher gebildete Menschen und jene, die sich schon in ihrer Ausbildung mit Gesundheitsthemen beschäftigt haben, nicht so viel zu.

Filozof stellte überdies fest, dass vor allem Frauen aus Gewichtsgründen dazu neigen, nicht mit dem Rauchen aufzuhören, oder deswegen damit anfangen. Wer sich ertappt fühlt, dem sei gesagt: Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens sind weit gravierender als die des Übergewichts.

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  • Quellen

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Batra, A. et al.: The dopamine D2 receptor (DRD2) gene – a genetic risk factor in heavy smoking? In: Addiction Biology 5, 4, S. 429–436, 2000

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Filozof, C., Pinilla, M. C. F.,Fernández-Cruz, A.: Smoking cessation and weight gain. In: obesity reviews 5, S. 95–103, 2004

Heuer-Jung, V., Batra, A., Buchkremer, G.: Raucherentwöhnung bei speziellen Risikogruppen: Schwangere Frauen und Raucherinnen mit Kontrazeptivaeinnahme. In: PRAXIS der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation 34, S. 114–117, 1996

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Wack, J. T., Rodin, J.: Smoking and ist effects on body weight and the systems of caloric regulation. In: The American Journal of Clinical Nutrition 35, S. 366–380, 1982

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