Direkt zum Inhalt

Gesunder Schlaf : Warum schlafen wir?

Fest steht: Wir können nicht ohne - warum genau wir aber regelmäßig schlafen müssen, kann die Wissenschaft noch immer nicht eindeutig beantworten. Sicher erfüllt Schlaf nicht nur eine, sondern viele grundlegend wichtige Aufgaben. Während wir schlafen, laufen im ganzen Körper und ganz besonders im Gehirn Reparatur- und Aufräumarbeiten, Verbesserungs- und Instandhaltungsprozesse ab.
Schlafende FrauLaden...

Schlaf ist alles andere als ein passiver Ausruhvorgang und viel mehr als eine Art biologischer Energiesparmodus, für den man ihn lange gehalten hat. Es stimmt schon: Wir setzen im Schlaf weniger Energie um als im Wachzustand – was allerdings im Lauf der Evolution verschwindend wenig ins Gewicht gefallen sein dürfte, wenn, während wir bewusst- und wehrlos schlafend auftankten, der nächste hungrige Säbelzahntiger um die Ecke gebogen ist. Das regelmäßige Nickerchen muss also dermaßen nützlich sein, dass es sich lohnt, dafür sein Leben aufs Spiel zu setzen. Was genau derart nützlich ist, bleibt bis heute nur ansatzweise gelöst: Viele Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass vor allem unser Gehirn Schuld an unserem Bedürfnis nach Schlaf trägt.

Waschen, schneiden, legen

Was genau passiert also in unserem Kopf, während wir schlafen? »Im Gehirn herrscht nachts reges Treiben. Zu keiner anderen Zeit im Leben wird in unserem Kopf mehr herumgeschraubt als im Schlaf«, sagt der Neurobiologe und Schlafforscher Albrecht Vorster von der Universität Tübingen. Sind wir wach, werden neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen aufgebaut. Schlafen wir, finden Umbau- und Aufräumarbeiten statt. »Schlafen ist in etwa so etwas wie waschen, schneiden, legen fürs Gehirn«, so Vorster. »Die Verknüpfungen zwischen unseren Nervenzellen werden getestet und nachjustiert, damit sie nicht unnötig viel Energie verbrauchen und Informationen ohne Störsignal verarbeiten können. Alles, was im Eifer des Gefechts zu viel gebaut und verknüpft wurde, wird wieder zurückgestutzt. Gleichzeitig werden die Räumlichkeiten unseres Denkorgans durchgekärchert: Alles, was liegen geblieben ist, jegliche Proteinreste und Überbleibsel des Nervenfeuerwerks werden weggespült.«

Schlafforscher beim Schlafforschen
Die Entdeckung der Langsamkeit: Albrecht Vorster forscht an Meeresschnecken, ist mehrfacher Science-Slam-Gewinner und hat ein Buch geschrieben, das genauso heißt wie das, was er herausfinden will: Warum wir schlafen.

Auch bei der Umverteilung und Verfestigung unseres Gedächtnisses spielt Schlaf eine entscheidende Rolle. Schlaf organisiert unsere Gedächtnisinhalte neu und verarbeitet sie zu höherwertigem Wissen. »Vermutlich werden die meisten Erinnerungen erst durch Schlaf nützlich«, sagt Vorster. Wie das? Im Schlaf kommt es zum aktiven Austausch zwischen verschiedenen Gehirnregionen: Der Hippocampus, gewissermaßen der Notizblock unseres Gehirns, vermerkt, welche Erlebnisse wichtig sind, und gibt der Hirnrinde im Schlaf Impulse, diese immer wieder abzuspielen, zu verfestigen und intelligent zu verknüpfen.

Während dieses Abspeicherungsvorgangs sind unsere Erinnerungen verwundbar – es dürfen keine neuen Erlebnisse in die Quere kommen, die sie verfälschen. »Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, warum wir im Schlaf das Bewusstsein verlieren. Das Formatieren der Festplatte klappt schließlich auch nur, wenn man nicht gleichzeitig daddelt«, sagt Vorster.

Nächtliche Geistesblitze

Schlaf kann aber noch mehr: Er kann uns auch auf verborgene Regeln aufmerksam machen. Während wir schlafen, kristallisiert sich aus unseren Erinnerungen eine Quintessenz heraus. Die Erinnerungen verlieren an Emotionalität, und wir vergessen einzelne, episodische Details: wann, wie, wo genau und mit wem. Stattdessen leiten wir allgemein gültige Dinge aus unseren abgelegten Erinnerungen ab. »Das geht in etwa so«, sagt Vorster: »In Tübingen war es immer schön. Häufig schien die Sonne. Es hat selten geregnet … Ich weiß zwar nicht mehr ganz genau, wann es an welchen Tagen geregnet hat, dafür habe ich gelernt, dass es in Tübingen generell nicht so oft regnet wie in Hamburg. Genau diese Art der Abstraktion läuft vor allem im Schlaf ab.«

Schlaf hält uns im Lot

Schlaf ist für das Funktionieren unseres Gehirns von offenbar zentraler Bedeutung. Er sorgt dafür, dass das System optimal läuft und das Gehirn nicht aus dem Gleichgewicht gerät. »Wachheit scheint unseren Körper zunehmend ins stoffliche Ungleichgewicht zu bringen«, sagt Vorster. Ohne Schlaf ist die Verknüpfungsstärke zwischen unseren Nervenzellen unausgeglichen und damit auch die Menge an Nervenbotenstoffen, den Neurotransmittern, die zur Übermittlung der Signale zwischen den Neuronen ausgeschüttet werden. Das Ungleichgewicht schlägt nicht nur auf unser Denken, sondern auch auf unsere Stimmung: Wir sind emotional unausgeglichen, weil uns das Feintuning fehlt, das im Schlaf vonstattengeht.

Wie wichtig die Prozesse sind, die im Schlaf ablaufen, zeigt sich, wenn sie nicht (richtig) funktionieren. Werden Proteinablagerungen nicht aus dem Gehirn entsorgt, sammeln sie sich zwischen den Nervenzellen an, beeinträchtigen sie und können sie absterben lassen. Solche Proteinansammlungen finden sich – warum, ist jedoch bisher unbekannt – bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson. »Schlaf ist ein sicherer Spiegel unseres allgemeinen Gesundheitszustands«, so der Schlafforscher Vorster. »Viele Krankheiten gehen mit einer Veränderung unseres Schlafverhaltens einher. Ob Schlafprobleme diese Krankheiten auslösen oder diese Krankheiten Schlafprobleme verursachen, wissen wir allerdings nicht.«

Schlaf ist die beste Medizin

Der Körper braucht Schlaf sonst auch, um alles andere neben dem Hirn zu regenerieren: Zellreparaturen und -wachstum finden vermehrt nachts statt. Ein erholsamer Schlaf hält auch unsere Blutzuckerregulation und unseren Fettstoffwechsel im Gleichgewicht und zügelt unseren Appetit. Machen wir häufig die Nacht zum Tag, etwa durch Schichtarbeit, steigt unser Risiko für Diabetes Typ 2, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und apropos Krankheit: Der Schlaf beeinflusst auch die Schlagkraft unseres Immunsystems. Während wir schlafen, bereiten Immunzellen den Tag nach, tauschen aus, auf welche Eindringlinge sie getroffen sind, und formen das immunologische Gedächtnis. Wenn der Körper das zweite Mal auf den Eindringling trifft, läuft die Immunantwort schneller und effizienter ab als beim ersten Mal.

Für viele, so Albrecht Vorster abschließend, »ist Schlaf ein nur notwendiges Übel: Augen zu und durch. Dabei ist Schlaf ein wichtiger Teil von uns. Wenn wir ihn übersehen, übersehen wir die Hälfte unseres Lebens, womöglich die entscheidende.«

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos