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Neurowissenschaft

Was geschieht bei kognitiver Dissonanz im Gehirn?

Der Neurowissenschaftler Keise Izuma erklärt, was im Gehirn passiert, wenn wir gegen unsere Überzeugungen handeln.
Macht abends essen wirklich dick?

Haben Sie sich auch schon mal fest vorgenommen, ein paar Kilos abzuspecken, sind dann aber beim Anblick eines Hamburgers schwach geworden? Gegen die eigenen Überzeugungen oder Absichten zu handeln, erzeugt ein ungutes Gefühl: Psychologen nennen dieses Phänomen "kognitive Dissonanz". Um sie rasch wieder loszuwerden, passen die meisten Menschen entweder ihre Einstellung an ("So dick bin ich gar nicht") oder ihr Verhalten: Sie planen etwa für den nächsten Tag eine zusätzliche Runde Laufen ein.

Was aber passiert beim Erleben einer kognitiven Dissonanz im Gehirn? Mit der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) gelang es Forschern, die dafür verantwortlichen Regionen ausfindig zu machen. Eine Schlüsselrolle spielt vermutlich der posteriore Teil des mediofrontalen Kortex (pMFC). Man wusste bereits, dass er uns dazu bringt, bestimmte Dinge zu vermeiden, die negative Konsequenzen haben könnten – eine Art Überlebensinstinkt. In den Studien entdeckten Forscher auch eine Aktivierung des pMFC bei Probanden, die ihr Gegenüber auf Anweisung anlogen, obwohl sie eigentlich ehrliche Charaktere waren.

Meine Kollegen und ich beobachteten außerdem, dass der pMFC genau dann aktiv ist, wenn jemand seine Einstellung ändert, um sich von dem unbehaglichen Gefühl infolge einer kognitiven Dissonanz zu befreien. Wir ließen 52 Probanden einzelne Bilder bewerten und forderten sie anschließend auf, aus zwei gleichzeitig präsentierten Bildern das schönere auszuwählen. Jedoch entschieden sich nicht alle für das Exemplar, welches sie zuvor als attraktiver eingestuft hatten. Bemerkten die Versuchsteilnehmer diesen Widerspruch, wollten sie ihre ursprüngliche Einschätzung der Bilder in einer anschließenden Runde häufig korrigieren. Wenn wir nun aber bei den Probanden zuvor kurzzeitig die Aktivität des pMFC mittels transkranieller Magnetstimulation (TMS) reduzierten, änderten die Probanden im zweiten Durchgang seltener ihre Meinung. Das Bedürfnis, die anfängliche Bewertung an die nachfolgende Entscheidung anzupassen, war daraufhin also weniger ausgeprägt.

Anderen Studien zufolge sind noch weitere Hirnareale bei der Wahrnehmung einer kognitiven Dissonanz beteiligt, beispielsweise der dorsolaterale präfrontale Kortex (DLPFC) und die Inselrinde. Letztere verarbeitet Emotionen und wird insbesondere aktiv, wenn wir aufgebracht sind. Der DLPFC dagegen ist in kognitive Kontrollprozessen involviert, etwa wenn man verschiedene Anforderungen koordinieren muss oder eine Handlung unterbricht, um eine andere zu beginnen. Wird seine Funktion durch elektrische Störsignale beeinträchtigt, bemühen sich die Probanden ebenfalls weniger darum, ihre kognitive Dissonanz aufzulösen.

Man könnte nun den Eindruck haben, kognitive Dissonanzen seien lästig oder überflüssig. Der Wunsch, ihnen vorzubeugen, motiviert uns aber dazu, von vornherein richtig zu entscheiden. Außerdem sorgen sie dafür, dass wir versuchen, unsere Überzeugungen und unser Handeln in Einklang zu bringen – und sei es durch eine anschließende Rechtfertigung unseres Verhaltens. Das trägt dazu bei, dass wir psychisch gesund bleiben. Und womöglich ist es auch das Bedürfnis, mit den eigenen Entscheidungen im Reinen zu sein, welches uns schließlich zu einer Extrarunde Laufen anspornt.

5/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2016

  • Quellen

van Veen, V. et al.: Neural activity predicts attitude change in cognitive dissonance. In: Nature Neuroscience 12, S. 1469 – 1474, 2009

Izuma, K. et al.: Neural correlates of cognitive dissonance and choice-induced preference change. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 107, S. 22014–22019, 2010

Izuma, K. et al.: A Causal Role for Posterior Medial Frontal Cortex in Choice- Induced Preference Change. In: The Journal of Neuroscience, S. 3598 –3606, 2015

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