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Verhaltensgenetik: Werden wir unseren Eltern im Alter ähnlicher?

Viele haben den Eindruck, im Lauf des Lebens immer mehr Eigenschaften ihrer Eltern an sich selbst zu entdecken. Der Psychologe Frank Spinath erklärt, warum da tatsächlich etwas dran ist.
Mutter und Tochter meditieren am Strand

Wer hat sich nicht schon einmal angesichts der Marotten seiner Eltern geschworen: »So werde ich nie!« Ist das wirklich so einfach, oder holt uns unsere DNA doch irgendwann ein?

Verhaltensgenetiker untersuchen, welchen Einfluss Gene und Umwelt, also Erbanlagen und Erfahrungen, auf Psyche und Verhalten haben. Besonders gut geht das mit Zwillingen: Eineiige Geschwister sind genetisch identisch, zweieiige teilen sich durchschnittlich immerhin noch 50 Prozent ihrer Gene. Will man etwa herausfinden, zu welchem Grad die Persönlichkeitseigenschaft Verträglichkeit genetisch beeinflusst ist, erfasst man dieses Merkmal bei Zwillingen. Sind sich eineiige ähnlicher als zweieiige, spricht das für einen Einfluss der Gene. Mit bestimmten statistischen Analysen lässt sich der Anteil der genetischen sowie der Umwelteinflüsse sogar genau berechnen.

Auch Eltern und ihre Nachkommen teilen viele Erbanlagen und sollten sich in ihrem Verhalten und Erleben deshalb in gewissem Maß ähneln. Allerdings gibt es in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen Phasen, in denen das nicht so sehr der Fall ist: Viele Teenager wollen sich bewusst oder unbewusst von ihren Eltern und sonstigen Verwandten abgrenzen. Dadurch kommen Umwelteinflüsse stärker zum Tragen, etwa die Erwartungen Gleichaltriger. Mit zunehmendem Alter – spätestens wenn der Berufseinstieg geschafft ist – nimmt das Bedürfnis, sich von der Familie abzuheben, dann wieder ab.

Der Einfluss der Erbanlagen auf das Verhalten steigt im Lauf des Lebens

Doch es gibt noch einen weiteren Faktor, der Eltern und Kinder mit der Zeit ähnlicher werden lässt: Der Einfluss der Erbanlagen auf das Verhalten steigt im Lauf des Lebens. Das klingt zunächst paradox, schließlich sind die Gene ja von Anfang an da; zudem sammeln wir stetig neue Umwelterfahrungen. Aber Menschen wählen ihre Umwelt eben nicht zufällig, sondern im Einklang mit ihrer genetischen Ausstattung.

Wir suchen unseren Beruf und unseren Partner nicht zufällig aus und ändern Gegebenheiten, die nicht zu uns passen, meist schnell wieder. Wer von Natur aus keinen Spaß an Gedankenspielen und Knobelaufgaben hat, bleibt normalerweise nicht lange im Schachklub. Habe ich jedoch gewisse genetische Merkmale, auf Grund derer mich Strategiespiele anziehen, werde ich eher Mitglied. Im Verein mache ich dann sehr wahrscheinlich Erfahrungen, die mich in dieser Entscheidung bestätigen, und treffe Menschen, die mich ebenfalls darin bestärken.

Wir gestalten unser Leben zum Teil also unbewusst so, wie es zu unserem Erbgut passt. Mit fortschreitendem Alter gewinnen wir in der Regel mehr Gestaltungsspielraum und können unsere eigenen Entscheidungen treffen. So schlagen genetische Einflüsse immer stärker durch. Und wir werden unseren Eltern im Alter tatsächlich ähnlicher.

Das wird vielleicht nicht jeden freuen, aber es gibt auch Grund zum Aufatmen: Langzeituntersuchungen zeigen, dass sich gewisse Persönlichkeitsmerkmale ganz generell im Lebensverlauf verändern. So werden wir alle mit fortschreitendem Alter tendenziell gewissenhafter und emotional stabiler – gute Aussichten für jeden!

5/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 5/2017

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  • Quellen

Briley, D. A., Tucker-Drob, E. M.: Comparing the Developmental Genetics of Cognition and Personality over the Life Span. In: Journal of Personality 85, S. 51–64, 2017

Kandler, C. et al.: Life Events as Environmental States and Genetic Traits and the Role of Personality: A Longitudinal Twin Study. In: Behavior Genetics 42, S. 57–72, 2011

Srivastava, S. et al.: Development of Personality in Early and Middle Adulthood: Set like Plaster or Persistent Change? In: Journal of Personality and Social Psychology 84, S. 1041–1053, 2003

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