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Wie gewöhnen sich Clownfische an die Nesseln der Seeanemone?

Spätestens seit dem cineastischen Kassenschlager "Findet Nemo" gehören sie zu den Stars der Unterwasserwelt, denn sie sehen in ihrem orange-weißen Schuppenkleid gut aus, haben einen für Fische passablen Gemeinschaftssinn und sprechen nicht nur im Trickfilm unser Kindchenschema-Reaktionsverhalten an. Aber Clownfische - auch unter dem Namen Harlekinfische bekannt - bieten noch weit mehr: eine äußerst interessante biologische Biografie.

Clownfische haben ein merkwürdiges Wesen: Die Vertreter einiger Spezies leben als so genannte proterandrische Zwitter. Das bedeutet nichts anderes, als dass ursprünglich nur männlicher Nachwuchs das Licht des Korallenriffs erblickt. Erst nach dem Ableben des Weibchens wird aus ihrem ehemaligen Partner, der bislang die halbstarken Jünglinge beherrschte, die neue Frau der Gruppe und das nächstgrößere Männchen deren neuer Gespiele. Doch was die Fische so richtig interessant für Biologen macht, ist ihre enge, auf Gegenseitigkeit beruhende Partnerschaft mit Seeanemonen.

Diese als Symbiose bezeichnete Beziehung bietet beiden Teilnehmern unbestreitbare Vorteile: Die Fische – sie leben in Kleingruppen in der Anemone – versorgen ihr lebendes Zuhause mit größeren Futterstückchen, die von den ortstreuen Nesseltieren sonst nicht erreicht werden könnten, und halten sie sauber. Nähern sich Fraßfeinde der Anemone, reagiert der schuppige Untermieter mit Verteidigungsstrategien, schwimmt dem hungrigen Freibeuter mutig entgegen, präsentiert seine leuchtenden Abschreckungsfarben und droht mit aggressiven Toktok-Lauten.

Auf der anderen Seite gewährt die Anemone ihrem fischigen Freund eine sichere Heimstatt, in die er sich immer wie in eine Trutzburg vor Fraßfeinden zurückziehen kann. Die Fische legen auch ihre Eier im direkten Einflussbereich der Anemone ab, um ihrem Nachwuchs diesen Schutz angedeihen zu lassen. Denn Seeanemonen haben eine für Außenstehende unangenehme Eigenschaft: Sie verfügen über nesselnde Tentakeln, die bei Berührung regelrecht explodieren können und dabei ein Kontaktgift freisetzen, das die jeweiligen Opfer lähmt und tötet oder zumindest gehörig abschreckt. Neben der Mithilfe durch die Clownfische können sich die Anemonen – die trotz ihres pflanzlichen Namens zum Tierreich zählen – auf diese Weise ebenso ernähren und schützen.

Wie gelingt es aber den Clownfischen, gerade diesen für Fische ihrer Größe eigentlich tödlichen Toxinen zu entgehen und die Anemone auszutricksen? Bei erwachsenen Exemplaren scheint die Sache eindeutig: Sie nehmen während ihres Aufenthalts in der Seeanemone deren Hemmstoffe in einen speziellen Schleimüberzug auf, signalisieren dem Nesseltier damit ihre Zugehörigkeit und verhindern folglich das Auslösen der Giftkatapulte. Ursprünglich haben die Anemonen diese chemischen Botenstoffe entwickelt, um Selbstverstümmelungen zu verhindern. Denn im gezeiten- und strömungsbewegten Meer schwanken ihre Tentakeln hin und her und berühren sich dabei permanent, was ständige Giftattacken untereinander verursachen würde.

Im Lauf der Evolution haben sich die Fische diesen biochemischen Mechanismus zu eigen gemacht und verwenden ihn nun zu ihrem Nutzen. Allerdings ist dieser Schutz wohl nicht von Anfang an gegeben, denn die bunten Riffbewohner nähern sich ihrem zukünftigen Zuhause stets erst einmal vorsichtig – sie fühlen quasi vor. Nach ersten zarten Berührungen tauchen sie dann völlig in den Tentakelwald ein und suhlen sich regelrecht in den Anemonen. Gleiches gilt für eine längere Abwesenheit von der Anemone, während der die Schleimschutzhülle abfällt, oder bei einem Artwechsel, denn jede Nesseltierspezies verwendet einen eigenen Hemmstoff: Die Fische müssen sich neuerlich mit ihrem Vermieter "verständigen".

Die Symbiose ist den Fischen also nicht automatisch in die Wiege gelegt, sonst wäre das sanfte Anbandeln obsolet. Bereits die frisch geschlüpften Fische suchen aber zielsicher die für ihre Art jeweils typische Anemone auf, indem sie deren chemischen Signalstoffen durchs Wasser folgen. Hilfreich ist es für sie vielleicht, dass ihre Mütter die Eier wohlweislich in die Nähe der Tentakel tragenden Nesseltiere abgelegt haben. Womöglich dringen anschließend molekulare Absonderungen der Anemonen in den Laich ein, so dass die Larven bereits eine erste Vorahnung von ihrem zukünftigen Schutzherrn bekommen: Das könnte zumindest theoretisch das Auffinden und die Eingewöhnung erleichtern.

Theorie ist das passende Stichwort, denn es gibt noch zwei weitere Erklärungsansätze für die angepassten Clownfische. So hüllen sich die Tiere eventuell in eigenen, selbst produzierten Schleimüberzug, der auf Zuckern basiert und nicht auf Eiweißen wie bei anderen Fischen. Die Anemonen erkennen darin keine potenzielle Beute und verzichten somit auf den Abschuss ihrer Nesselkapseln. Vielleicht gibt aber auch das besondere Bewegungsmuster der schuppigen Gesellen den Ausschlag: Es unterscheidet sich deutlich von dem aller anderen Fische, indem es die schwankenden Tentakeln nachahmt. Da dieser Rhythmus anscheinend vererbt wird, können es die Jungtiere ebenfalls sofort anwenden und in fast jeder beliebigen Anemone Zuflucht vor der bösen Außenwelt finden.

Doch für alle Zeiten dürfen sich die Clownfische der schützenden Tentakeln nicht sicher sein: Werden sie krank, nimmt die Anemone sie als Mahlzeit dankbar an. Und dann gibt es da noch ein paar Anemonenspezies, die überhaupt nichts von einer Symbiose halten – sie verspeisen jeden adäquaten Fisch, auch wenn er wie Nemo aussieht.

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